Noch nicht einmal ein Jahr lang gibt es in Berlin eine Senatsverwaltung, die das Thema Pflege im Namen führt – und seine Bedeutung für die Stadt damit herausstellt. Geht es nach den Berlinern, wurde es dafür allerdings auch höchste Zeit.

Denn die Situation für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen schätzen die Hauptstädter geradezu dramatisch schlecht ein, wie eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Berliner Zeitung zeigt. Es gibt also viel zu tun, nicht nur für die zuständige Senatorin Dilek Kolat (SPD).

Gerade einmal jeder fünfte Berliner schätzt die derzeitige Situation der Pflege in der Hauptstadt als „eher gut“ bis „sehr gut“ ein. Fast 70 Prozent dagegen beurteilen die Lage als „eher schlecht“ bis sogar „sehr schlecht“. Das ist ein deutlicher Notruf an die Politik, aber auch an die Pflegebranche selbst.

Dabei sind es vor allem die älteren Berliner, die ab 60 Jahren, die die Pflegesituation als „sehr schlecht“ bezeichnen – also diejenigen, die sich oft schon selbst um bedürftige Angehörige haben kümmern müssen oder sogar persönlich bereits Betreuung brauchten: Experten des Pflegenotstands gewissermaßen.

Doch was müsste verbessert werden? Dafür haben die von Forsa repräsentativ ausgewählten Hauptstädter etliche Vorschläge (siehe Grafik unten). Am dringendsten ist den Befragten dabei die Ausbildung und auch die (bekanntermaßen schlechte) Bezahlung des Pflegepersonals. Mehr als 90 Prozent, also fast alle, sehen hier Handlungsbedarf für Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften.

Gut drei Viertel der Berliner sehen zudem – nach der allgemeinen Einschätzung kaum verwunderlich – die Qualität der Betreuung in Pflegeheimen als verbesserungswürdig. Fast ebenso viele kritisieren die aus ihrer Sicht mangelnde Kooperation von Pflegekräften, Ärzten, Patienten und Angehörigen, was ein lösbares Problem sein sollte.

Insbesondere Demenzkranke werden für gut zwei Drittel der Befragten unzureichend versorgt. Ebenso viele Berliner, also zwei von dreien, sehen für die Mängel in der Pflege die Politik verantwortlich, weil die Rahmenbedindungen nicht stimmen. Angesichts von immer mehr älteren, also auch immer mehr pflegebedürftigen Menschen kann dies nicht anders als ein Auftrag für die Parlamente verstanden werden.

Generationenhaus und Alten-Wohngemeinschaft

Dass ein Pflegefall nicht automatisch Fremdbetreuung bedeuten muss, zeigt sich daran, dass – immerhin – rund die Hälfte der befragten Hauptstädter angeben, sie seien grundsätzlich bereit, die Pflege Angehöriger selbst zu übernehmen. Frauen sind etwas öfter dazu bereit als Männer. Wie viel Wunschdenken und Selbstüberschätzung dabei eine Rolle spielen, bleibt natürlich unklar. Deutlich ist allerdings, dass Pflege nicht nur eine Frage guter Einrichtungen und guten Personals ist, sondern auch eine Frage guter Rahmenbedingungen für die private Pflege (möglichst) zu Hause.

Denn genau dies wünschen sich mit Abstand die meisten Menschen: zu Hause betreut zu werden, wenn es nicht mehr ohne Hilfe geht. Insgesamt 42 Prozent der Berliner wollen dies, diesmal sind es etwas mehr Männer als Frauen. Ein Drittel der Frauen (und nur ein Viertel der Männer) können sich dagegen auch vorstellen, in einem Generationenhaus oder einer Alten-Wohngemeinschaft zu leben – statt (meist) allein zu Hause gepflegt zu werden.

Der schlechte Ruf von Alters- respektive Pflegeheimen wird bei dieser Frage besonders deutlich: Gerade einmal vier Prozent der Befragten sagen, eine solche Einrichtung wäre ihnen am liebsten. Wunschdenken spielt bei diesem Thema aber auf jeden Fall eine Rolle, das wird bei der Selbsteinschätzung klar.

Mehr als zwei Drittel der Berliner glauben daran, bis ins hohe Alter hinein ein selbstständiges Leben führen zu können. Nur knapp ein Viertel ist skeptisch. Das drückt sich dann auch bei den Maßnahmen zur privaten Altersvorsorge aus. Zwar haben die meisten, insbesondere diejenigen ab 30 Jahren, irgendeine Zusatzversicherung abgeschlossen, in der Firma, mit der Riester-Rente, über Aktien. Aber immerhin jeder Fünfte räumt ein, bisher keinerlei Extra-Vorsorge getroffen zu haben. Ihnen droht, im bisherigen System, die Armut im Alter.