Kühe im Stall eines Bauernhofs in den italienischen Abruzzen. Die vordere trägt einen Bewegungssensor der Wissenschaftler um den Hals.
Foto: MPI für Verhaltensbiologie/MacCine

RadolfzellGespenstische Szenen sollen sich im Winter des Jahres 373 vor Christus in der griechischen Metropole Helike am Golf von Korinth abgespielt haben. „Alle Mäuse und Marder und Schlangen und Tausendfüßler und Käfer und alle anderen Tiere dieser Art verließen geschlossen die Stadt“, berichtet der mehr als 500 Jahre später geborene römische Autor Aelian. Niemand habe sich einen Reim darauf machen können. Bis fünf Tage später ein gewaltiges Erdbeben sämtliche Gebäude zerstörte und eine riesige Flutwelle ganz Helike unter Wasser setzte. Es gab kaum Überlebende, die Katastrophe hatte die mächtige Stadt und ihren berühmten Poseidon-Tempel geradezu von der Landkarte radiert.

Hätten sich die Opfer also besser ein Beispiel an den fliehenden Mäusen nehmen sollen? Seit der Antike gibt es immer wieder Berichte über Tiere, die kurz vor einem Erdbeben, einem Vulkanausbruch oder einem Tsunami plötzlich verrückt spielten. Können sie im Vorfeld solcher Katastrophen also etwas wahrnehmen, das dem Menschen und seinen Messgeräten bis heute entgangen ist? Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell hält das durchaus für möglich. Und die jüngsten Erkenntnisse, die er und sein Team in Italien gewonnen haben, bestärken ihn in dieser Einschätzung.

Der Verhaltensforscher verfolgt damit einen jahrtausendealten Menschheitstraum: Ein funktionierendes Frühwarnsystem für Erdbeben könnte helfen, gefährdete Regionen rechtzeitig zu evakuieren und damit viele Menschenleben zu retten. Sämtliche Versuche, eine technische Methode dafür zu entwickeln, sind bisher allerdings im Sande verlaufen. Und auch die Tierwelt hat sich nicht als sonderlich zuverlässiger Verbündeter erwiesen. Denn rund um die Welt hat es jede Menge schwere Beben gegeben, ohne dass eine Art vorher explizit darauf hingewiesen hätte.

„Das Problem ist, dass es bisher nur einzelne Anekdoten über Tiere gibt, die sich vor Erdbeben auffällig verhalten haben“, sagt Martin Wikelski. „Niemand hat systematisch und über einen längeren Zeitraum beobachtet, was sich da überhaupt abspielt.“ Genau das wollen er und sein Team ändern – und die neue Studie ist ein erster Schritt dazu. Schauplatz ist das Dorf Capriglia in den italienischen Abruzzen. Als Martin Wikelski und seine Kollegin Uschi Müller im Oktober 2016 zum ersten Mal dorthin kamen, wurde ganz Mittelitalien gerade von einer monatelangen Serie von Erdbeben erschüttert. Seit die Stöße am 26. August 2016 begonnen hatten, waren in der Region einige hundert Menschen ums Leben gekommen und viele Gebäude zerstört worden. Auch in Capriglia war man dabei, die jüngsten Schäden zu beseitigen.

„Wir kamen mit der Familie Angeli ins Gespräch, die dort einen traditionellen Bauernhof bewirtschaftet“, erinnert sich Martin Wikelski. Obwohl die Familie keine leichte Zeit durchmachte, klang das Anliegen der deutschen Forscher in ihren Ohren keineswegs absurd. Tiere sollten Erdbeben vorhersagen können? Das passte doch gut zu den Erfahrungen, die man selbst schon gemacht hatte. In Erdbeben-Zeiten hatte schließlich schon der Opa den Kühen gezuckerten Wein angeboten, um sie wieder halbwegs zu beruhigen. Wenn die Wissenschaftler der Sache nun genauer nachgehen wollten, warum nicht?

Auch Elefanten können Warnzeichen geben. Foto: MPI für Verhaltensbiologie/MacCine
Tierische Warner

Es gibt eine ganze Reihe von Anekdoten über Tiere, die sich vor Erdbeben und anderen Naturkatastrophen auffällig verhalten haben sollen. Berühmt geworden ist der Fall des Bebens von Haicheng in China. Dort hatten Menschen im Februar 1975 beobachtet, wie Ratten und Schlangen ihre unterirdischen Winterquartiere verließen. Die Behörden ordneten daraufhin eine Evakuierung an – einen Tag, bevor ein Beben der Magnitude 7,2 die Millionenstadt in Schutt und Asche legte. In jüngerer Zeit haben zum Beispiel Elefanten und andere Wildtiere auf Sri Lanka Schlagzeilen gemacht. Vor dem verheerenden Tsunami, der zu Weihnachten 2004 über Südostasien hereinbrach, sollen viele von ihnen landeinwärts in höheres Gelände geflohen sein. Aus dem Yala-Nationalpark, dem größten Schutzgebiet Sri Lankas, wurden zwar etwa 200 menschliche Opfer, aber kaum ein totes Tier gemeldet. In den italienischen Abruzzen haben die Kröten Ende März und Anfang April 2009 sogar mitten in der Paarungssaison ihre Laichgewässer verlassen – wenige Tage, bevor ein Erdbeben die 74 Kilometer entfernte Stadt L‘Aquila zerstörte.

Die Landwirte wussten sogar , welche ihrer Tiere sich besonders gut als Warner eignen könnten. Schließlich ist auch unter Artgenossen keineswegs jeder gleich sensibel. Vom 26. Oktober bis zum 18. November 2016 und vom 17. Januar bis zum 16. April 2017 trugen also nicht nur sechs der etwa 20 Kühe, sondern auch fünf Schafe und zwei Hunde auf dem Öko-Bauernhof ein Halsband mit einem daumengroßen Messgerät. „Diese Logger zeichnen sehr genau auf, wie sich das Tier in allen drei Dimensionen bewegt“, erklärt Martin Wikelski. „Daraus kann man dann Rückschlüsse auf die Aktivität und den Energieverbrauch ziehen.“

Als die Forscher diese Daten später analysierten und mit dem Auftreten der zahllosen kleineren und größeren Erdbeben in dieser Zeit verglichen, stießen sie auf interessante Zusammenhänge. „Wir sehen im Vorfeld der Beben tatsächlich bestimmte Verhaltensmuster“, sagt Martin Wikelski. Als besonders sensibel haben sich die Hunde erwiesen, die immer wieder hektisch herumliefen. Die Kühe dagegen verhielten sich zunächst sogar ruhiger als sonst, wirkten geradezu eingefroren. Dann aber ließen sie sich von der Nervosität der Hunde anstecken und bewegten sich ebenfalls mehr. „Es ist also aufschlussreich, ein ganzes Kollektiv von Tieren zu beobachten, weil die Mitglieder sich gegenseitig beeinflussen“, folgert der Forscher, über dessen Arbeit auch ein kleiner Film berichtet.

Wann die Nervosität einsetzt, ist dabei je nach Beben unterschiedlich. Mal brach die Hektik schon zwanzig Stunden vorher aus, mal war es nur eine Stunde. „Entscheidend ist offenbar die Entfernung des Erdbebenherdes“, sagt Martin Wikelski. Je weiter weg dieser liegt, umso später bemerken die Tiere die Gefahr. Die verräterischen Anzeichen eines drohenden Bebens brauchen also wohl eine gewisse Zeit, bis sie sich über größere Entfernungen ausgebreitet und die Farm erreicht haben.

Was das für Indizien sein könnten, weiß allerdings noch niemand. Infrage käme zum Beispiel eine elektrostatische Aufladung der Luft, es gibt aber auch noch andere Theorien. Durch die Vorgänge im Untergrund muss sich jedenfalls auch an der Oberfläche irgendetwas verändern, das Tiere wahrnehmen können. „Sie spüren wohl, dass etwas komisch ist“, meint Martin Wikelski. „Und auf diese neue Situation reagieren sie mit einer klassischen Stressantwort.“ Dazu passt auch, dass die Kühe ihre Unruhe im Stall zwar sehr deutlich, auf der Weide aber fast gar nicht zeigten. Das Gefühl, nicht wegzukönnen, verstärkt den Stress womöglich noch.

Kann die Nervosität von Vierbeinern demnächst also dazu beitragen, Menschen zu retten? Heiko Woith vom Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam ist da skeptisch. Dabei gehört er nicht zu jener Fraktion von Geowissenschaftlern, die eine Erdbebenvorhersage generell für unmöglich halten. „Es ist sehr interessant, mithilfe solcher modernen Verfahren das Verhalten von Tieren zu beobachten“, sagt der Erdbeben-Experte. „Ich bin auch gespannt, was dabei langfristig herauskommen wird.“ Die bisherige Datenlage sei allerdings für eine Vorhersage deutlich zu dünn. „Es ist zwar gut, dass in dieser Studie Zeitreihen gemessen wurden“, sagt Woith. „Aber die sind einfach zu kurz, um daraus viel schließen zu können.“

Das sieht Martin Wikelski durchaus ähnlich. „Unsere Ergebnisse kann man noch nicht für eine Vorhersage nutzen“, betont der Forscher. „Wir brauchen auf jeden Fall mehr Daten.“ So tragen die Kühe, Hunde und Schafe aus Capriglia auch weiterhin ihre Logger, die ihre Messwerte nun direkt aus dem Kuhstall auf die Computer der Forscher senden. Doch auch das wird nach Überzeugung der Wissenschaftler nicht genügen.

Denn da sich die Unruheherde der Welt in ihren geologischen Verhältnissen unterscheiden, haben auch die jeweiligen Erdbeben ihre Eigenheiten. Sollten italienische Farmtiere also tatsächlich vor solchen Ereignissen warnen können, muss das keineswegs auch für ihre Kollegen in anderen Regionen gelten. Deshalb sucht das Team aus Radolfzell nun nach weiteren Landwirten in bebenträchtigen Regionen wie Indonesien oder Kamtschatka, die ihre Tiere mit Loggern ausrüsten lassen wollen.