Je älter man ist, desto höher das Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19. Insgesamt scheint die Sterblichkeit jedoch geringer zu sein als befürchtet.
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StanfordSeit Monaten bewegt viele Menschen die Frage, wie groß das Risiko ist, an Covid-19 zu sterben. Eine Antwort darauf versucht jetzt der US-amerikanische Forscher John Ioannidis von der Stanford University im Rahmen einer sogenannten Metastudie. Veröffentlich wurde diese bereits von Fachleuten begutachtete (peer-reviewed) Studie als Online-Version im Bulletin der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ioannidis kommt darin zu dem Ergebnis, dass die sogenannte Infektionssterblichkeit viel niedriger ist als offizielle Zahlen zur Sterblichkeit aussagen. 

Konkret schätzt der Forscher nach der Auswertung der Studien, dass durchschnittlich 0,23 Prozent der Menschen sterben, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben. Bei Menschen unter 70 Jahren sollen es sogar nur 0,05 Prozent sein. Und er schätzt auch, dass wahrscheinlich die Infektionssterblichkeitsrate an den meisten Orten weniger als 0,2 Prozent beträgt.

Bei der Erhebung der Sterblichkeit bei Covid-19 gibt es generell ein großes Problem: Offiziell weiß man nur, wie hoch die Todesrate unter den Menschen ist, die sich nachweislich infiziert haben, die also positiv getestet wurden. Das bezeichnet man als Fallsterblichkeit. Laut der Statistik-Seite de.statista.com liegt diese in Deutschland bei 2,82 Prozent –insgesamt gesehen über den ganzen bisherigen Corona-Verlauf.

Niemand weiß aber, wie viele Menschen sich wirklich infiziert haben. Denn viele Infizierte erkranken nicht an Covid-19, der größte Teil hat keine oder nur milde Symptome, wird oft gar nicht erst erfasst. Aus diesem Grund hat der Forscher John Ioannidis sogenannte Antikörperstudien ausgewertet.  Der 1965 in New York geborene griechisch-amerikanische Gesundheitswissenschaftler und Statistiker ist Professor an der Stanford University School of Medicine. Er wurde bekannt als Kritiker politischer Maßnahmen, die nicht auf belastbaren empirischen Belegen beruhen.

Das Risiko ist von vielen Dingen abhängig

Sogenannte Antikörperstudien wurden an vielen Orten der Welt gestartet, um zu ermitteln, wie viele Menschen sich wirklich mit Sars-CoV-2 infiziert haben. Denn der Organismus bildet Antikörper gegen das Virus, die zu einem bestimmten Zeitpunkt im Blut nachzuweisen sind. Man spricht hier von Seroprävalenz. Anders als mit aktuellen Virusnachweisen lässt sich damit auch rückwirkend ermitteln, wie viele Menschen sich in einer Region infiziert haben.

In Deutschland zum Beispiel hatte bereits im April 2020 die Gangelt-Studie des Virologen Hendrik Streeck ergeben, dass sich in der besonders von Corona betroffenen nordrhein-westfälischen Gemeinde Gan­gelt insgesamt 15 Prozent der untersuchten Bürger infizierten. Diese Studie wurde von Ioannidis für seine Metastudie genutzt, wie auch eine Untersuchung im Rhein-Main-Gebiet, wo es viel weniger Infizierte gab. Sie gehören zu 61 Antikörperstudien weltweit, die Ioannidis auswertete. 

Allerdings gibt es auch hierbei Unsicherheiten. Zum Beispiel sind bei manchen Menschen trotz vorangegangener Infektion nur wenige oder keine Antikörper nachzuweisen. In einer Studie aus Baden-Württemberg waren es sogar 28,2 Prozent. Ioannidis versuchte dies zu berücksichtigen. Er nutzte nur Studien mit mindestens 500 Teilnehmern und schloss Studien mit Daten aus, die länger als einen Monat lang gesammelt wurden.

Bei der Auswertung solcher Studien muss sehr viel beachtet werden: das Alter und Geschlecht der Infizierten, die Größe und Dichte der Populationen, Clustereffekte, das Wohnen in Wohngemeinschaften oder Heimen, Berufstätigkeiten im Gesundheitswesen und der Pflege, die Qualität der medizinischen Versorgung sowie sozioökonomische Faktoren, die sich auf die Sterblichkeit auswirken.

„Die Sterblichkeitsrate bei Infektionen ist keine feste physikalische Konstante und kann erheblich variieren“, schreibt Ioannidis. Sie sei abhängig von den Standorten, der Bevölkerungsstruktur und anderen lokalen Faktoren. Die analysierten Studien repräsentierten 82 verschiedene Schätzungen und seien nicht vollständig repräsentativ für alle Länder und Standorte der Welt.

Insgesamt ermittelte der Forscher mit seinen Berechnungen über 51 Standorte hinweg eine durchschnittliche Infektionssterblichkeit von 0,23 Prozent. Die Sterblichkeit betrug 0,09 Prozent, wenn es in der Region weniger als 118 Todesfälle unter einer Million Menschen gab. Sie lag bei 0,20 Prozent, wenn es bis zu 500 Tote pro eine Million Einwohner gab. An noch schwerer betroffenen Standorten lag die Infektionssterblichkeit bei 0,57 Prozent. Ioannidis vermutet: Wenn man an allen Standorten weltweit gleichermaßen Proben entnehmen würde, könnte die mittlere Infektionssterblichkeit wesentlich niedriger sein als die in der Analyse beobachteten 0,23 Prozent.

Eine besonders hohe Verbreitung von Infektionen mit überdurchschnittlichen Todesraten sieht Ioannidis in Pflegeheimen, unter Obdachlosen, in Gefängnissen und unter benachteiligten Minderheiten. Zudem weise Covid-19 „einen sehr steilen Altersgradienten für das Todesrisiko auf“, erklärt er. In Bevölkerungsgruppen mit Menschen unter 70 Jahren betrug die durchschnittliche Todesrate nur 0,05 Prozent. Je älter die Menschen sind, desto stärker steigt die Sterblichkeit.  Eine  englische Studie ergab jüngst, dass die Infektionssterblichkeit unter den 45- bis 64-Jährigen bei 0,52 Prozent lag. Bei den über 75-Jährigen dagegen starben 11,64 Prozent der infizierten Menschen.

Eine höhere Altersstruktur, nosokomiale Infektionen und überforderte Krankenhäuser könnten Ioannidis zufolge eine hohe Zahl der Todesfälle an bestimmten Orten Italiens, in New York und anderen Regionen erklären. 

Eine halbe Milliarde Corona-Infizierte

Ioannidis hat eigenen Angaben zufolge verschiedene Klassen von Antikörpern untersucht, nämlich die Immunglobuline G, M und A. In diesem Zusammenhang sagen Kritiker, dass man ja – gerade weil Antikörper oft nicht (mehr) nachgewiesen werden können –auch andere Bestandteile des Immunsystems messen müsste, zum Beispiel die T-Zellen, die ebenfalls zur Immunabwehr gebildet werden. Nehme man diese hinzu, läge die Sterblichkeit von Covid-19 womöglich bei unter 0,1, also bei der einer mittelschweren Grippe.

Allerdings ist die Grippe ein problematischer Vergleichsmaßstab, denn hier schwanken die jährlichen Todeszahlen zwischen einigen Hundert bis 25.000. Auch sagt der Blick auf die reine Sterblichkeit von Covid-19 nichts aus über Umfang und Ausmaß ernsthafter, möglicherweise langfristiger Folgen der Erkrankung.

John Ioannidis ist sich bewusst, dass seine Untersuchungen nicht perfekt sind. Bereits in der Vergangenheit ist er mit seinen Untersuchungen zur Sterblichkeit in die Kritik geraten. Auch wegen seines methodischen Herangehens. Er verweist selbst darauf, dass es auch in seiner neuen Metastudie Unsicherheiten bestehen und führt vor, wie er diese durch Anpassungen auszugleichen versuchte. Aus den verfügbaren Daten rechnet er hoch, dass bis zum 12. September 2020 mehr als eine halbe Milliarde Menschen auf der Welt infiziert gewesen sein könnte, weit mehr als die bis dahin etwa 29 Millionen dokumentierten laborbestätigten Fälle. Das wäre das Siebzehnfache. Eine so hohe Dunkelziffer haben bisherige Antikörperstudien in Deutschland allerdings nicht erbracht. 

Nach der Einbeziehung aller Unwägbarkeiten und regionalen Unterschiede fasst Ioannidis zusammen: „Die meisten Standorte haben wahrscheinlich eine Infektionssterblichkeitsrate von weniger als 0,2 Prozent.“  Mit gezielten Maßnahmen zum Schutz von Risikogruppen könnte man die Todesrate sogar noch weiter absenken.