Münster - Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien? Sind sie zu ungebildet, um komplexe Geschehnisse realistisch einordnen zu können, oder sind sie gar „verrückt“? Das fragten sich Forscher der Universität Münster. Ihrer Meinung nach ist es zu einfach, Verschwörungstheoretiker in Debatten als „Spinner“ abzutun und „Verschwörungsglaube zu einer Art Krankheit“ zu machen, wie sie schreiben. Sie wollten das Phänomen besser verstehen. In einer internationalen Studie haben sie verschiedene Faktoren erforscht, die den Glauben an Verschwörungstheorien begünstigen. Sie befragten unter anderem 4400 Menschen in Polen, Deutschland und Jordanien, um internationale Unterschiede zu erkennen.

Verschwörungstheorien sind nichts Neues. Sie folgen einem sehr alten Muster, sagt der Politikwissenschaftler Bernd Schlipphak. Immer gehe es um „eine geheime Gruppe an böswilligen Akteuren, die einen verborgenen Plan zur Erhaltung oder zum Ausbau der eigenen Macht verfolgen“, erklärt Schlipphak in einem Podcast zu den Untersuchungen, die er mit dem Psychologen Mitja Back im Rahmen des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Uni Münster durchgeführt hat.

Verschwörungstheorien befriedigen ganz normale menschliche Motive

Am langlebigsten und am weitesten verbreitet sind den Forschern zufolge antisemitische Verschwörungstheorien, die in jüdischen Akteuren die Urheber von Verschwörungen sehen. Diese gebe es in allen Variationen überall auf der Welt. Aber auch in jüngerer Zeit traten Verschwörungstheorien immer wieder auf: zum Beispiel rund um die Angriffe auf New York am 11. September 2001 und zur „Flüchtlingskrise“ 2015/16. Als ganz aktuelle Beispiele nennen die Forscher die Verschwörungstheorie der sogenannten QAnon-Bewegung, dass satanistische Eliten die Welt beherrschen, oder die Theorie, Bill Gates habe das Coronavirus erschaffen, um die Welt zu regieren und die Mehrheit durch Zwangsimpfung zu kontrollieren.

Im Grunde seien alle Menschen „potenziell ansprechbar für Verschwörungstheorien“, sagt der Psychologe Mitja Back. Denn diese befriedigten für jene, die daran glauben, zunächst einmal „ganz normale menschliche Motive“. Dazu gehöre, dass Menschen wissen wollen, was richtig ist, wie die Welt funktioniert und woran man glauben soll. Das zweite Motiv betreffe das Streben nach Einzigartigkeit und Besonderheit. „Man hat im Gegensatz zur stumpfen, gutgläubigen Mehrheit die eigentlichen Sachverhalte und Hintergründe des Weltgeschehens begriffen“, so Mitja Back. Und das dritte Motiv sei das Streben nach sozialer Zugehörigkeit. „Man gehört zu einer Gruppe Eingeweihter.“

Dass sich Verschwörungstheorien gerade heute – auch in weitestgehend aufgeklärten Gesellschaften mit relativ hohem Bildungsniveau – vermehrt auszubreiten scheinen, sieht Mitja Back „im zunehmenden Verlust von sehr klaren, stabilen und dauerhaften sozialen Bindungen und Welterklärungen“ in der modernen, globalisierten Welt. Familie, Beruf, Religion, Nation – der Kitt der Gesellschaft bröckelt. Die sogenannte Flüchtlingskrise und die Covid-19-Pandemie seien extrem herausfordernde und unsichere Situationen. Und Verschwörungstheorien gäben ein einfaches  Erklärungsmuster, das Komplexitäten auf einen geheimen Plan Mächtiger reduziert. Die Wirkung sei überall gleich, schreiben die Autoren. Sie bestehe in „Polarisierung, Skepsis gegenüber Institutionen, Eliten und Minderheiten sowie ein Abnehmen des gesellschaftlichen Zusammenhalts“.

Doch obwohl viele Menschen Probleme mit einer immer unsicheren Welt haben, wird nicht jeder zum Verschwörungstheoretiker. Wer ist besonders anfällig dafür? Dazu sagt der Psychologe Mitja Back: „Menschen, die die Motive des Weltverstehens, der Sicherheit, der Einzigartigkeit und der Zugehörigkeit nicht ausreichend befriedigt sehen, neigen eher zu Verschwörungstheorien.“ Und zwar entweder, weil diese menschlichen Motive bei ihnen stark ausgeprägt seien, oder weil sie weniger Möglichkeiten zu ihrer Befriedigung hätten.

Neueren Forschungsbefunden zufolge gehörten zu den Faktoren auch: das Bedürfnis nach Kontrolle, soziales Misstrauen, Narzissmus, Selbstunsicherheit, eine wahrgenommene fehlende soziale Anerkennung, Ängstlichkeit und Unsicherheitstoleranz. Manche Menschen können es schlicht nicht aushalten, dass die Welt so komplex und unsicher ist. Sie brauchen einfache und klare Antworten – etwa nach den Ursachen einer Flüchtlingsbewegung und einer Pandemie.

Manche Theorie geht auch von den Regierenden aus

Die Rolle von Religionen und Religiosität wird dabei widersprüchlich diskutiert. Einerseits könnten Religionen einen Puffer gegen Verschwörungstheorien bilden, weil sie ja eine eigene Form der Welterklärung und soziale Identität böten, so die Forscher. Andererseits könnte Religiosität auch ein Risikofaktor sein, weil religiöser Glauben eine strukturell ähnliche Form der Welt-Vereinfachung, der „Komplexitätsreduktion“ sei.

„Das Ausmaß an Verschwörungsglauben ist in religiös geprägten Gesellschaften wie Polen und Jordanien höher als in eher säkular geprägten Ländern wie Deutschland“, schreiben die Forscher – als ein Ergebnis ihres Ländervergleichs, für den sie in Deutschland, Polen und Jordanien insgesamt 4400 Menschen befragten. Zugleich sei in Deutschland und Polen „die Neigung zu Verschwörungstheorien unter Personen mit autoritären Einstellungen stärker verbreitet“. Sie sei auch höher in Regionen, in denen Menschen über Generationen tatsächlich politische Verschwörungen erfuhren – zum Beispiel in Jordanien und der ganzen arabischen Welt.

Eine wichtige Erkenntnis des Ländervergleichs ist, dass man nicht einfach von den Befunden in einem Land auf die Situation in einem anderen schließen kann. So fanden die Forscher in Deutschland unter anderem heraus, dass geringe Bildung, rechtsautoritäre Einstellungen und Unsicherheit einen Einfluss auf den Glauben an Verschwörungstheorien haben. „In Polen und Jordanien waren diese Effekte kleiner oder gar nicht vorhanden“, sagt der Politikwissenschaftler Bernd Schlipphak.

In Deutschland sinke das Vertrauen in die Regierung, je mehr jemand an Verschwörungstheorien glaube. In Polen sei dies nicht so. Hier verbreite die Regierung selbst Verschwörungstheorien. So wie auch zum Beispiel in Ungarn, das nicht in den Ländervergleich einbezogen wurde. Hier glaube die Mehrheit der Bevölkerung, dass der aus Ungarn stammende, in den USA lebende Milliardär George Soros versuche, gezielt eine muslimische „Völkerwanderung“ zur Zerstörung der Nationalstaaten Europas zu organisieren. So wie es Vertreter der ungarischen Regierung seit Jahren behaupten. 

Ist es Zufall, an welche Verschwörungstheorien in den verschiedenen Ländern geglaubt wird? „Vermutlich nicht“, sagt Schlipphak. „Offenkundig hat es einen Einfluss, wie vertrauenswürdig die Quelle ist.“ Auch könnte es eine Rolle spielen, ob der Verschwörungsakteur einem in der Bevölkerung ohnehin „klassischen Sündenbock“ entspreche. Kurz: Je unbeliebter eine Gruppe oder eine Person ist, desto eher wird an eine Verschwörungstheorie geglaubt. Und dies variiert zwischen den verschiedenen Ländern.

So ist es für die Forscher nicht überraschend, „dass in den bekanntesten Verschwörungstheorien in der arabischen Welt meist die USA (oder eine ihrer regierenden Institutionen wie die Regierung oder der CIA) als verschwörerischer Akteur auftaucht, da der Antiamerikanismus in der Bevölkerung – auch aufgrund tatsächlicher Verschwörungen unter US-Beteiligung in der Vergangenheit – generell sehr hoch ist“. In den USA wiederum zielten Verschwörungstheorien auf die eigene politische Elite oder andere Mächte – aktuell etwa China. 

„Klassische Sündenböcke“ unterscheiden sich im Ländervergleich

Verschwörungstheorien seien kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Phänomen, so die Forscher. In den USA sollen etwa 70 Prozent der Bevölkerung an solche Theorien glauben. In einer jüngsten repräsentativen Umfrage des Public Religion Research Institutes unter etwa 5600 US-Bürgern fanden etwa 20 Prozent die Aussage richtig, wonach bald ein Sturm aufziehe, der die Eliten hinwegfegen werde, um Platz zu schaffen für die „rechtmäßigen Anführer“. 

Die Forscher Back und Schlipphak zitieren unter anderem den Tübinger Amerikanisten Michael Butter, der argumentiere, „dass die puritanische Tradition der Gründerväter und -mütter hinter jedem negativen Ereignis nicht einen Zufall, sondern die geplante Tat des Teufels zu sehen, eine Gesellschaft hervorbrachte, die anfälliger für den Glauben an Verschwörungstheorien ist“. Andererseits gelte für bestimmte Bevölkerungsteile in den USA – etwa die afro-amerikanische Minderheit –, dass sie tatsächlich Ziel und Opfer von Verschwörungen durch Angehörige der gesellschaftlichen Mehrheit wurden.

„In allen untersuchten Ländern grenzen sich Menschen, die Verschwörungstheorien zuneigen, stärker von politischen Eliten und anderen gesellschaftlichen Gruppen ab als andere“, schreiben die Forscher weiter zu ihren konkreten Ergebnissen des Vergleichs zwischen Deutschland, Polen und Jordanien. „Welche Gruppen wie stark zum Sündenbock für die Taten der Verschwörungserzählungen gemacht werden, variiert aber über die Länder hinweg.“ Anhänger von Verschwörungstheorien in Deutschland werteten stärker als andere US-amerikanische, jüdische und russische Menschen ab. In Jordanien und eingeschränkt auch in Polen hänge der Verschwörungsglaube stärker mit der Abgrenzung von der Gruppe geflüchteter Menschen zusammen. „Damit hat der Verschwörungsglaube in allen Ländern einen großen Einfluss auf die Haltung gegenüber Minderheiten.“

Weiter ergab die Studie: „In Polen führt der Glaube an Verschwörungen zu deutlich weniger Misstrauen in die Regierung als in Deutschland und Jordanien. Auch hängen in Deutschland die Unterstützung populistischer Parteien und der Verschwörungsglaube eng zusammen, in Polen aber nicht“, so Back und Schlipphak. Insgesamt konstatieren sie, „dass der Glaube an Verschwörungstheorien eine abgrenzende Funktion hat, die einen Ersatz für Sinn und Zugehörigkeit in einer komplexen Welt liefert“. 

Wie man mit Unsicherheiten und der Komplexität der Welt umgehen soll

Was könnte man gegen Verschwörungstheorien tun? Das fragen die Forscher auch mit Blick auf die vielen Theorien, die im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie aufkamen und sich rasant verbreiteten. „Die zentrale Frage ist für mich: Wie können wir im Rahmen einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft dafür sorgen, dass sich größere Teile der Bevölkerung aufgehoben und repräsentiert fühlen?“, sagt der Psychologe Mitja Back im Podcast der Uni Münster.

Die Forscher zielen dabei auch auf Fehler, die in der Pandemie gemacht wurden und werden. „Politische Akteure wollen vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Erkenntnisse Führungsstärke und Sicherheit demonstrieren“, sagt der Politikwissenschaftler Bernd Schlipphak. Aber sie schätzten manchmal die Komplexität wissenschaftlicher Erkenntnisse falsch ein. Zum anderen unterschätzten sie, wie solche Erkenntnisse durch wissenschaftlichen Fortschritt immer wieder überholt werden, sodass notwendige Maßnahmen immer wieder neu angepasst werden müssten.

Genau dieses Immer-neu-Orientieren, das in der Wissenschaft gang und gäbe sei, schaffe „im Hinblick auf das politische Handeln jene Erklärungsprobleme, die Verschwörungstheorien glaubwürdiger machen – auch wenn diese Theorien faktisch nicht stimmen“, so Schlipphak. Es brauche einen Spagat zwischen sicherheitsstiftendem politischen Handeln und der offenen Kommunikation von Unsicherheiten.