Fledermäuse können Viren übertragen. Hierzulande besteht aber keine Gefahr, sagen Forscher.
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San Diego/Frankfurt am MainAls Forscher vor einigen Jahren Fledermäuse einer Höhle in China untersuchten, identifizierten sie elf bis dahin unbekannte Coronaviren. Als danach etwa 1500 Menschen der umliegenden Provinzen untersucht wurden, hatten neun von ihnen Corona-Antikörper gebildet, und 265 berichteten von grippeartigen Symptomen, die offenbar in Zusammenhang mit dem Kontakt zu verschiedenen Tieren standen. „Diese im September 2019 berichteten Resultate waren eine Warnung zum Risiko durch Coronaviren aus dem Tierreich, die weder gehört noch beachtet wurde“, schreiben nun Forscher um Mrinalini Watsa vom San Diego Zoo.

Im Fachblatt Science fordern die Autoren der Wildlife Disease Surveillance Focus Group ein globales Frühwarnsystem für Viren aus dem Tierreich, die auf den Menschen überzuspringen drohen - sogenannte Zoonosen. Allein Coronaviren haben in den vergangenen 20 Jahren drei Epidemien verursacht: Sars, Mers und Sars-CoV-2. Bei Sars-CoV-2 ist noch immer ungeklärt, von welcher Tierart der Erreger auf den Menschen übersprang. „Coronaviren sind aber nur die Spitze des Eisbergs“, schreibt das Team. „HIV stammt von Primaten, Ebola von Fledertieren und die Grippevarianten H5N1 und H1N1 von Vögeln und Schweinen.“

Viren seien zwar nur ein Teil der etwa 1400 beim Menschen bekannten Krankheitserreger, gefährdeten die globale Gesundheit aber besonders stark. Und von jenen 180 RNA-Viren, die dem Menschen schaden könnten, stammten 89 Prozent aus dem Tierreich. Zoonosen - von Tieren stammende Krankheiten - seien die derzeit größte vernachlässigte gesundheitliche Herausforderung, so die Forscher. Ihrer Auffassung zufolge steigt die Gefahr für Zoonosen mit der zunehmenden Erdbevölkerung, der Zerstörung natürlicher Lebensräume und dem Jagen und Züchten von Wildtieren, die oft auf Tiermärkten landen.

„Wildtiermärkte zu schließen, wie es oft in den Medien vorgeschlagen wird, ist keine realistische Lösung“, sagt der Wildtiergenetiker Stefan Prost von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, Ko-Autor der Studie. „Viel wichtiger ist es, diese Märkte stärker zu beobachten, um zu dokumentieren, welche Wildtiere dort verkauft werden und welche Krankheitserreger diese in sich tragen.“ Die USA hatten den Autoren zufolge im Jahre 2009 ein Frühwarnsystem für Pandemien gestartet. Bis 2019 hatte das Programm Predict, dessen Finanzierung unter der Trump-Regierung endete, den Autoren zufolge in 30 Ländern etwa 164.000 Tiere und Menschen untersucht und dabei 949 neue Viren entdeckt. Das Global Virome Project wiederum zielt darauf ab, über ein Jahrzehnt alle Virenstämme im Tierreich zu sequenzieren.

Zusätzlich fordern die Forscher aber einen dezentralen Ansatz, der vor allem auf jene Hotspots abzielt, in denen das Übertragungsrisiko am größten ist - also Tiermärkte und Tierfarmen. Besonderes Augenmerk sollte auf Tiere mit bekanntermaßen großem Übertragungspotenzial wie Fledertiere oder Primaten gelegt werden. Labore sollten Tiere dabei systematisch auf große Virenfamilien wie etwa Coronaviren untersuchen und die genetischen Daten öffentlich verfügbar machen. Tragbare Sequenziergeräte seien inzwischen wesentlich kostengünstiger und leistungsfähiger als noch vor einem Jahrzehnt, schreiben die Forscher. Solche Geräte seien schon bei Ausbrüchen von Ebola, Zika und Sars-CoV-2 eingesetzt worden. (dpa/fwt)