Berlin - Berliner und Brandenburger können es bereits spüren. Sie leben in der sogenannten Sahelzone Deutschlands, wie unter anderem die Waldzustandsberichte zeigen. Trockenheit und steigende Temperaturen sehen Experten als Folgen grundlegender „Klimaveränderungen in der Region“. Den Blick auf die gesamte Welt wiederum haben die etwa 700 internationalen Fachleute, die an einem neuen umfassenden IPCC-Bericht zu den Folgen des Klimawandels für die Menschheit arbeiten. Der Entwurf liegt jetzt vor.

Die Experten gehen davon aus, dass das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015 unbedingt weiter verfolgt werden muss. Es sieht vor, den globalen Temperaturanstieg – gerechnet von Beginn der Industrialisierung um 1850 bis zum Jahr 2100 – auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, zumindest auf deutlich unter zwei Grad. Werde es verfehlt, drohten „irreversible Auswirkungen auf Menschen und ökologische Systeme“, schreiben die Autoren in der 137-seitigen Zusammenfassung des Berichtsentwurfs.

Es handelt sich um die vorläufigen Ergebnisse einer Arbeitsgruppe des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), auch Weltklimarat genannt. Die Endfassung soll nicht vor Februar 2022 veröffentlicht werden. Zuvor finden im Oktober der UN-Biodiversitätsgipfel und im November die UN-Klimakonferenz statt.

Eine Erderwärmung um zwei Grad werde 420 Millionen Menschen zusätzlich dem Risiko von Hitzewellen aussetzen, so der Berichtsentwurf. Etwa acht bis 80 Millionen Menschen zusätzlich könnten bis zum Jahr 2050 durch Hunger bedroht sein. Wie groß das Ausmaß dieses Risikos sei, hänge von der Entwicklung bei den Treibhausgasemissionen ab.

Seit dem vorindustriellen Zeitalter hat sich die Erde den Aussagen zufolge bereits um 1,1 Grad erwärmt. Zurzeit steuert sie auf rund drei Grad zu. Dass diese Erwärmung „menschengemacht“ ist, also durch die zunehmenden Treibhausgasemissionen seit Beginn der Industrialisierung vorangetrieben wird, zeigte unter anderem 2019 eine Schweizer Studie im Journal Nature. Anhand der weltweiten Klimaentwicklung der vergangenen 2000 Jahre hatten Forscher nachgewiesen, dass der Temperaturanstieg erstmals auf der ganzen Welt gleichzeitig stattfindet.

Schon bei einer Erwärmung um 1,5 Grad würden rund 350 Millionen Bewohner von Ballungsräumen wegen schwerer Dürren unter Wassermangel leiden, schreiben die Autoren des IPCC. Bei einer Erwärmung um zwei Grad wären es sogar 410 Millionen Betroffene. Anderswo gäbe es Überschwemmungen. Vor allem die Küstenstädte der Welt seien gefährdet, weil die Meeresspiegel stiegen und die Stürme intensiver und zerstörerischer werden.

Studien zufolge zählen zu den 20 am meisten durch den Klimawandel gefährdeten Millionenstädten neben Mumbai, Guangzhou, Shanghai, Bangkok, Alexandria auch New York. „Der derzeitige Stand der Anpassung wird unangemessen sein, um künftigen Klimarisiken zu begegnen“, heißt es in dem Berichtsentwurf. Besonders stark betroffen von den Klimafolgen seien arme Länder.

Die Forscher weisen auch wieder einmal auf die sogenannten Kipp-Elemente im Erdsystem hin. Bei ihrem Kippen könnte eine rasante Beschleunigung des Klimawandels eintreten. Erst vor wenigen Tagen hatte das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) über eine neue Studie berichtet. Sie zeige, dass Domino-Effekte drohten, so das PIK. So könnte ein Abschmelzen der Eisschilde auf Grönland und der Westantarktis über die Atlantikzirkulation auch entfernte Kipp-Elemente wie den Amazonas-Regenwald beeinträchtigen. Das Risiko hierfür nehme bereits bei einer Erwärmung von 1,5 bis zwei Grad zu.

Bei der Begrenzung der Erwärmung zähle jeder „Bruchteil eines Grads“, schreiben die IPCC-Autoren. Auch in Europa. Eine gerade erst veröffentlichte Risikoanalyse zeigte die Gefahren für Deutschland. Als am meisten unterschätzte und tödlichste Gefahr wird die Hitze genannt. „In jedem heißen Sommer sterben in Deutschland Menschen an Hitze, seit 2003 über 20.000 Menschen“, schreibt das Bundesumweltamt. Unbedingt müssten Maßnahmen dagegen getroffen werden, etwa durch die Begrünung von Städten.

Bei einer Erderwärmung um drei Grad wäre die Zahl der Menschen in Europa mit einem hohen klimabedingten Sterberisiko dreimal so hoch wie bei 1,5 Grad, schreiben die IPCC-Autoren. Außerdem dürfte Europa mit mehr Hilfesuchenden aus Afrika und zunehmend mit von Mücken übertragenen Krankheiten wie Malaria, Dengue oder Zika konfrontiert sein.

Für die Autoren ist der Klimawandel in vollem Gange. Jetzige Klimaschutzmaßnahmen könnten sich vor allem in der zweiten Jahrhunderthälfte auszahlen, schreiben sie – und die  Menschheit vor dem Aussterben bewahren. (mit AFP)