Eine Schmuckbaumnatter fliegt durch die Luft, versehen mit Reflektoren.
Foto: dpa/Jake Socha

Blacksburg/USAForscher haben ein Geheimnis der fliegenden Schlangen gelüftet. Ein Team um den Biomechaniker Jake Socha von der Universität Virginia Tech in Blacksburg im US-Bundesstaat Virginia analysierte, warum sich Schmuckbaumnattern während ihres Gleitflugs auf charakteristische Art schlängeln. Die Antwort fand das Team in einer Reihe aufwendiger Versuche in einer eigens dafür angelegten Halle.

Als fliegende Schlangen werden die fünf Arten der Schmuckbaumnattern (Chrysopelea) bezeichnet. Die grazilen, leicht giftigen Reptilien leben in den Regenwäldern von Süd- und Südostasien und werden bis zu gut einen Meter lang. Beim Start von einem Ast stoßen sie sich gewöhnlich ab und überwinden gleitend Strecken bis zu 20 Metern, bevor sie meist auf einem anderen Ast landen.

Die Schlangen sind die einzigen Wirbeltiere ohne Extremitäten, die durch die Luft gleiten können. „Ich finde die Schlange deshalb so interessant, weil sie vielleicht das Tier ist, das am wenigsten in der Lage sein sollte, durch die Luft zu fliegen“, sagt Studienleiter Jake Socha, der die Tiere seit 20 Jahren studiert. Die Studie ist im Fachblatt Nature Physics erschienen.

In früheren Untersuchungen hatte Socha bereits ermittelt, dass die Schlangen beim Fliegen ihren ganzen Körper so stark verbreitern, dass er ein wenig wie eine Tragfläche wirkt. Nun untersuchten die Forscher die Frage, warum sich die Tiere im Flug S-förmig schlängeln. „Tun sie das, weil sie Schlangen sind und alle Schlangen dies tun, oder gibt es eine zugrunde liegende physische Funktion dieser Wellenbewegung?“, fragten Socha und sein Team.

Um das zu klären, bauten sie eine vier Stockwerke hohe Sprungarena mit gepolstertem Boden und einem künstlichen Baum zur Landung. Dann ließen sie mehrere Schmuckbaumnattern der Art Chrysopelea paradisi aus mehr als acht Metern Höhe auf den Baum gleiten. Dabei brachten sie auf den Körpern Reflektoren an und filmten die Flüge mit Infrarotkameras im Motion-Capture-Verfahren - also zur gezielten Analyse der Bewegungen.

Mit diesen Aufnahmen konnten sie das Schlängeln dreidimensional im Computermodell nachbilden. Dabei stellten die Forscher fest, dass die Schlange neben einer waagerechten auch eine senkrechte Wellenbewegung ausführt. Die senkrechte Bewegung ist zwar weniger ausgeprägt, geschieht dafür aber etwa doppelt so häufig wie die waagerechte Bewegung.

In Gleitflug-Simulationen änderten die Wissenschaftler die Häufigkeit der Wellenbewegungen und beobachteten die Auswirkungen auf den Flug. „Ohne Wellenbewegung legt die simulierte Schlange immer noch eine horizontale Distanz zurück, aber der Flug missglückt, und im Grunde genommen kippt sie vornüber“, sagt Isaac Yeaton, einer der Forscher. Das seitliche Schlängeln und die Auf-und-ab-Bewegungen dienen demnach zur Stabilisierung des Gleitflugs.

In einem Nature-Physics-Kommentar schließt der Biologe Jim Usherwood von der University of London nicht aus, dass sich die Schlangen auch aus reiner Gewohnheit durch die Luft schlängeln könnten. Dennoch zeige die Studie, dass die Art, wie sie beim Flug gleiten, stabiler sei als mögliche andere Varianten. Usherwood schreibt: „Die Allgemeingültigkeit dieser Ergebnisse und ihre mögliche Umsetzung in Roboterschlangen bieten aufregende Möglichkeiten zur weiteren Erkundung.“