Mit Masken gegen Corona: Nationalakademie appelliert an die Politik sich auf bundesweit verbindliche, wirksame und einheitliche Regeln zu verständigen.
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BerlinDie Covid-19-Pandemie nimmt wieder Fahrt auf, wie es für den Herbst erwartet wurde. Weil sich das Leben bald immer mehr in Innenräumen abspielen wird, steigt die Infektionsgefahr. In dieser Situation ist planvolles Handeln gefragt – und der Rat der Wissenschaft. Den hat die Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften am Mittwoch erteilt, deren Aufgabe die unabhängige wissenschaftsbasierte Politikberatung ist. Die Forscher mahnen mehr Konsequenz an, sprechen sich für  eine Verkürzung von Isolations- und Quarantänezeiten aus und halten es zunehmend für wichtig, Bürger zu verantwortungsvollem Verhalten zu motivieren.

„Um der Gefahr einer auch in Deutschland wieder schwerer zu kontrollierenden Entwicklung der Pandemie rechtzeitig zu begegnen, ist es dringend notwendig, dass sich die Verantwortlichen in Bund und Ländern rasch auf bundesweit verbindliche, wirksame und einheitliche Regeln für das Inkrafttreten von Vorsorgemaßnahmen einigen und diese konsequenter als bisher um- und durchsetzen“, empfiehlt ein 29-köpfiges Gremium der Leopoldina, in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme.

Hinter diesem schwer verdaulichen Satz verbirgt sich mehr als eine Rüge für den Flickenteppich der Pandemie-Maßnahmen der Bundesländer, bei dem zurzeit in einem Land Feiern und Veranstaltungen mit bis zu 500 Personen stattfinden dürfen und im anderen Land nur mit 50. Gemeint ist auch nicht, dass fortan regionale Unterschiede nicht mehr zählen. Vielmehr ist es ein Appell, einheitliche Eskalationsstufen für Schutzmaßnahmen zu definieren, die je nach regionalem Infektionsgeschehen greifen. Wichtig auch: regelmäßig überprüfen, gegebenenfalls anpassen.

Quarantäne nur noch 10 statt 14 Tage

Die Art der Schutzmaßnahmen ist klar: Es geht vor allem um die bekannten AHA-Regeln (Abstandhalten, Hygiene, Alltagsmaske) sowie einen regelmäßigen Luftaustausch in Räumen, unter Umständen mit Hochleistungsfiltersystemen. Dies seien nach wie vor die vor „die wichtigsten, effektivsten, einfachsten und kostengünstigsten Mittel, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten“, schreibt das Gremium, zu dem unter anderem der Berliner Virologe Christian Drosten, Charité-Chef Heyo Kroemer, der Marburger Virologe Stephan Becker, die Berliner Historikerin Ute Frevert und die Mannheimer Gesundheitspsychologin Jutta Mata gehören.

Falls in Innenräumen Mindestabstand und häufiger Luftaustausch nicht gewährleistet sind, sei das verbindliche Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes von zentraler Bedeutung, betonen die Wissenschaftler. Weihnachtsfeiern, Karnevalssitzungen und ähnlichen Veranstaltungen erteilen sie indirekt eine Absage. „Aus dem bisherigen Kenntnisstand folgt, dass größere Menschenansammlungen, bei denen das Einhalten der Abstandsregel, das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes und ein entsprechender Luftaustausch nicht ausreichend gewährleistet werden können, weiterhin nicht stattfinden sollten“, heißt es in der Stellungnahme.

Die Leopoldina-Forscher erwarten, dass die anstehende Zulassung von Antigen-Schnelltests eine signifikante Erleichterung bewirkt. Auch wenn diese Tests nicht so empfindlich und verlässlich wie PCR-Test seien, könnten damit doch infektiöse Menschen rasch erkannt werden. Das gesammelte Wissen über den Verlauf von Covid-19 wollen die Forscher nutzen. „Bei einem bestätigten Befund ließe sich die vorgeschriebene Isolationszeit auf etwa eine Woche verkürzen“, heißt es. Auch die Quarantänezeit von Personen, die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt waren, ließe sich nach neueren Schätzungen von 14 auf 10 Tage reduzieren. Beide Maßnahmen könnten negative Auswirkungen für Einzelne, Familienangehörige sowie Wirtschaft und Gesellschaft verringern.

Unsicherheiten benennen

Schutzmaßnahmen um jeden Preis sind nicht vorgesehen. Das öffentliche und wirtschaftliche Leben sollte in den kommenden Monaten so weit wie möglich aufrechterhalten werden. „Bei allen anstehenden politischen Entscheidungen wird es noch wichtiger sein als bisher, ihre ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen, aber auch die Folgen für das Gesundheitssystem, bestmöglich zu klären und abzuwägen“, schreiben die Forscher. Wert legen sie überdies auf transparente Kommunikation und gute Begründungen. Auch Ehrlichkeit ist gefragt, wenn es um die Grenzen des Wissens über die Pandemie und um Unsicherheiten in der Einschätzung ihrer Entwicklung geht. Diese seien klar zu benennen.

Letztendlich kommt es darauf an, das Vertrauen nicht zu verlieren und weiter zu motivieren: In den kommenden Monaten, schreiben die Forscher, werde die erfolgreiche Eindämmung der Pandemie davon abhängen, ob es gelingt, die bekannten Schutzmaßnahmen noch konsequenter als bislang umzusetzen.