Ein Ausbau der Testkapazitäten ist laut Forscher besonders relevant.
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BerlinFür den Umgang mit Corona in den kommenden Wochen empfehlen die großen außeruniversitären Forschungsorganisationen Deutschlands eine zweiphasige Strategie. „In der ersten Phase werden die Neuinfektionen weiter reduziert, bis eine effektive Kontaktverfolgung möglich ist. In der zweiten Phase schließt sich eine adaptive Strategie auf der Basis niedriger Zahlen von Neuinfektionen an.“ So heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Präsidenten der großen außeruniversitären Forschungsorganisationen Deutschlands, veröffentlicht am 29. April. 

Die Stellungnahme „Adaptive Strategien zur Eindämmung der Covid-19-Epidemie“ entstand der Erklärung zufolge auf der Basis mathematischer Analysen der Datenlage. Beteiligt sind Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Leibniz-Gemeinschaft. „Wegen der klaren Übereinstimmung haben wir uns entschlossen, den aktuellen Stand hier darzustellen“, erklären die Präsidenten der vier Organisationen.

„Die Reproduktionszahl R liegt in Deutschland seit Ende März unter dem wichtigen Wert von eins“, bestätigen die Forscher. Dies bedeutet: Ein Infizierter steckt weiterhin etwa einen weiteren Menschen an, mit leicht fallender Tendenz. Auch sei ein klarer Rückgang der Neuinfektionen N zu beobachten. Dies sei „der gemeinsame Effekt der im März schrittweise eingeführten politischen Maßnahmen sowie der individuellen Vorsichtsmaßnahmen“, lautet das gemeinsame Urteil der Forschungsorganisationen.

Aber die Forscher sehen keine Entwarnung. Die Situation sei „nicht stabil, selbst eine nur kleine Erhöhung der Reproduktionszahl würde uns zurück in eine Phase des exponentiellen Wachstums führen“, heißt es in der Erklärung. Die Reproduktionszahl von eins stelle eine wichtige Schwelle dar. „Ist R nahe eins, können schon kleine Veränderungen der Infektionswahrscheinlichkeit oder des Kontaktverhaltens dazu beitragen, dass die Neuansteckungen zurückgehen statt zu steigen. Dagegen löst jede kleine Erhöhung von R über eins erneutes exponentielles Wachstum aus.“

Den Forschern zufolge könnten die Wirkungen der „kontakteinschränkenden Maßnahmen“ bisher nicht einzeln bewertet werden, weil sie teilweise als Paket oder kurz hintereinander eingeführt worden seien. „Deswegen müssen wir zunächst vorsichtig und sorgfältig beobachten, wie die einzelnen Maßnahmen oder deren Lockerung die Ausbreitung beeinflussen“, heißt es in der Erklärung. Auch gebe es eine Verzögerung von zwei bis drei Wochen, bis der Effekt von Maßnahmen sichtbar werde. Die Auswirkungen der seit dem 20. April gelockerten Maßnahmen könnten sich „erst etwa in der zweiten Maiwoche in den gemeldeten Fallzahlen N zeigen“. 

Die Forscher entwerfen Ausbreitungszenarien aus der Sicht der epidemiologischen Modellrechnungen. Erstes Szenario: eine vollständige „Ausrottung“ (Eradikation) des Virus. Diese sei „im Prinzip möglich, bedarf aber internationaler Koordination und großer Anstrengung“. Solch eine „Ausrottung“ sei weltweit zeitnah nicht erreichbar. Zweites Szenario: eine „zügige Durchseuchung“ der Bevölkerung. Sie würde eine massive Überlastung des Gesundheitssystems bedeuten, mit vielen vermeidbaren Todesfällen. „Keines der beiden Szenaren stellt daher eine gangbare Option dar“, lautet das Urteil.

Das Szenario einer „kontrollierten Durchseuchung der Bevölkerung“ wiederum orientiere sich an der Kapazität des Gesundheitssystems, die nicht überschritten werden dürfe. „Unsere Modelle stimmen darin überein, dass sich dies selbst bei optimistischen Schätzungen der Dunkelziffer über Jahre hinziehen und viele Tote erfordern würde“, lautet die Einschätzung. Die Steuerung eines solchen Prozesses sei sehr schwierig, weil über lange Zeit harte Einschränkungen aufrechterhalten werden und ständig so korrigiert werden müssten, dass die Zahl der Neuinfektionen knapp unter der Belastungsgrenze des Gesundheitssystems bleiben. Dieses Szenario sei unrealistisch, erklären die Präsidenten der vier großen deutschen Forschungsorganisationen.

Außerdem seien die langfristigen Auswirkungen einer Covid-19-Erkrankung noch unbekannt. „So gibt es Hinweise, dass nicht nur die Lunge, sondern im Rahmen von Mikrozirkulationsstörungen viele Organe (zum Beispiel Herz, Niere, Gastrointestinaltrakt, Gehirn) betroffen sein können“, schreiben die Autoren. Es bräuchte Langzeitstudien, um mögliche Spätfolgen zu untersuchen. Sollten sich solche Hinweise bestätigen, „wäre von einer Durchseuchung der Bevölkerung zusätzlich abzuraten“. Auch sei nicht bekannt, wie lange eine Immunität nach überstandener Infektion währt. 

„Eine konsequente Eindämmung von Sars-CoV-2 ist aus epidemiologischer Sicht die einzig sinnvolle Strategie“, lautet die Schlussfolgerung in der Erklärung der Forschungsorganisationen. Das Virus könne in absehbarer Zeit nicht besiegt, die Bevölkerung nicht „durchseucht“ werden - auf welchem Weg auch immer. „Es ist möglich, dass die Anzahl der Neuinfektionen N binnen Wochen so weit zurückgedrängt wird, dass umfangreiche Kontakteinschränkungen durch effiziente Kontaktnachverfolgungen ersetzt werden können“, heißt es in der Erklärung. Je konsequenter Maßnahmen seien, desto schneller könne das erreicht werden. Die Forscher skizzieren eine „adaptive Eindämmungsstrategie“, die angepasst werden sollte, sobald neue Erkenntnisse dies ermöglichten oder ein Impfstoff zur Verfügung stehe. 

In der ersten Phase sollen die Kontakteinschränkungen - soweit tragbar - beibehalten und zugleich intensiv Testing- und Tracing-Kapazitäten ausgebaut werden. Diese Phase gehe in eine zweite Phase über, wenn die Neuinfektionen soweit zurückgegangen seien, dass eine effektive Kontaktnachverfolgung möglich sei. Einer der Autoren, der Physiker Michael Meyer-Hermann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, hatte bereits in Interviews geäußert, wie weit die Neuinfektionen zurückgehen müssten. Die Reproduktionsrate müsse bei 0,2 oder 0,3 liegen, sagte er. Das heißt: Drei bis fünf Infizierte stecken einen weiteren Menschen an.

Die Forschungsorganisationen schlagen für die kommende Zeit drei Säulen von Maßnahmen vor. Dazu gehörten hygienische Maßnahmen, etwa das Tragen von Mundschutz in Geschäften und an öffentlichen Orten. Dazu gehöre auch der Ausbau von Tests und Kapazitäten zur Kontaktnachverfolgung (Tracing). Die Autoren denken an zusätzliches Personal in Gesundheitsämtern und die Einführung von Apps. Lokale Infektionsherde müssten früh erkannt, Fälle isoliert, enge Kontakte von Infizierten nachverfolgt und „quarantänisiert“ werden. Es gehe darum, Ansteckungsketten schnell zu unterbrechen. Die dritte Säule seien kontakteinschränkende Maßnahmen, wobei die Forscher keine Einzelmaßnahmen nennen. Ziel sei es aber, die Zahl der Neuinfektionen weiter zu senken und die Reproduktionszahl R jederzeit unter eins zu halten. Die Maßnahmen müssten je nach Situation angepasst werden. Sie könnten sich auch lokal unterscheiden. 

Die Autoren plädieren dafür, eine „Frühwarn-Infrastruktur auf Basis von gezielten Querschnittstets“ zu etablieren. Dazu müssten Testkapazitäten ausgebaut werden. Ziel sei es, die Zahl versteckter Infektionen außerhalb der nachverfolgten Infektionsketten zu kontrollieren und lokale Infektionsherde zu kontrollieren.