Es war ein Experiment mit ungewissem Ausgang, das die Ärzte einer US-amerikanischen Spezialklinik für Gehirn- und Rückenmarksverletzungen im Oktober 2010 vornahmen. Die Mediziner verpflanzten einem damals 21-jährigen Mann rund zwei Millionen neurale Stammzellen, die Forscher zuvor aus embryonalen Stammzellen gezüchtet hatten, ins Rückenmark. Der Patient hatte wenige Tage zuvor einen schweren Autounfall erlitten und war seither brustabwärts gelähmt. Eine Behandlung mit Stammzellen, so die vage Hoffnung der Mediziner des Shepherd Center in Atlanta, könnte seine zerstörten Nervenstränge womöglich regenerieren.

Vier Jahre später, als die Wissenschaftler die Ergebnisse ihres Experiments veröffentlichten, ging es dem jungen Mann kaum besser. Aber, und das war in diesem Fall das eigentlich Entscheidende, es ging ihm auch nicht schlechter. Denn anders, als von vielen Experten befürchtet, hatte der Patient keinen Krebs entwickelt. Keine der Stammzellen, die man ihm ins Rückenmark transplantiert hatte, war in seinem Körper zu einem Tumor herangewachsen. Und damit hatte man erstmals gezeigt, dass Therapieversuche mit Stammzellen bei querschnittgelähmten Menschen keine völlig unkontrollierbaren Risiken bergen.

Vorreiter ist die Schweiz

Erste Studien mit Patienten, deren Rückenmark bei einem Unfall verletzt wurde, laufen inzwischen auch in Europa. Vorreiter auf dem Gebiet ist hier der Schweizer Mediziner Armin Curt, der Direktor des Zentrums für Paraplegie an der Universitätsklinik Balgrist in Zürich. Curt hat soeben eine Studie mit zwölf querschnittgelähmten Patienten abgeschlossen, denen man ebenfalls neurale Stammzellen ins Rückenmark gepflanzt hat. Neun der Probanden wurden in Zürich, drei in Kanada behandelt.

Veröffentlicht ist die Studie noch nicht, doch erste Ergebnisse verrät Curt bereits. „Wir wollten mit dieser Untersuchung vor allem herausfinden, ob wir die Zellen sicher ins Rückenmark bekommen, ob sie sich dort integrieren und womöglich sogar zu einer Verbesserung der Symptome beitragen“, sagt Curt. Tatsächlich habe man feststellen können, dass sich bei einigen Patienten sensible Funktionen verbessert hätten. „Das heißt, sie spüren ihre Beine, ihren Darm oder ihre Blase wieder“, sagt Curt. Um festzustellen, ob diese Effekte anhalten, will der Mediziner seine Patienten noch vier weitere Jahre lang beobachten.

Darüber hinaus hat ihm die US-Aufsichtsbehörde FDA (Food und Drug Administration) kürzlich eine weitere Studie mit acht Tetraplegikern – also Menschen, die weder Arme noch Beine bewegen können – genehmigt. Diesen Patienten wollen Curt und seine Kollegen in den USA neurale Stammzellen, die aus dem Rückenmark abgetriebener Föten gewonnen wurden, ins Halsmark verabreichen – und zwar in unterschiedlichen Dosierungen. „Es ist ja denkbar, dass die bisher verpflanzten Zellmengen noch nicht ausreichen, um ein optimales Ergebnis zu erzielen“, sagt Curt.