BerlinEine der wichtigsten Erfahrungen dieses Wissenschaftsjahres 2020 ist, wie schnell Forschung sein kann. Es war am 23. Januar, als die Berliner Zeitung ein Interview mit Christian Drosten im Blatt hatte, als eine der ersten überhaupt. Der Direktor des Instituts für Virologie an der Charité hatte kurz zuvor einen Test auf das neue Coronavirus entwickelt, das in China aufgetreten war. Die ersten Fälle einer neuen „rätselhaften Lungenkrankheit“ waren Ende Dezember 2019 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet worden. Noch besaßen weder die Krankheit noch das Virus einen Namen.

Heute, knapp ein Jahr später, gibt es an den Kliniken, Universitäten und Instituten weltweit fast 2330 randomisierte Studien zu Covid-19, wie die internationale Forschungsinitiative Covid-NMA mitteilt. Mehr als 1930 Studien beschäftigen sich mit möglichen Therapien und Mitteln zur Behandlung der Krankheit, andere mit der Prävention. In den Genbanken der Virologen sind Hunderte Mutationen von Sars-CoV-2 registriert, darunter auch gravierendere, wie die erst jüngst in England entdeckte. Und der Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) zählte weltweit mindestens 226 Impfstoffprojekte.

Zu den am häufigsten gehörten Begriffen des Jahres gehörte: „in Rekordzeit“. Noch bis vor wenigen Jahren hätte man zum Beispiel für die Entwicklung eines Impfstoffs bis zur Zulassung mehrere Jahre gebraucht. Der bisherige Rekordhalter war der Ebola-Impfstoff, der innerhalb von vier Jahren entwickelt und 2019 in den USA zugelassen wurde. Doch die ersten Impfstoffe gegen Covid-19 entstanden innerhalb eines einzigen Jahres.

Dass dieses Tempo möglich war, hat nichts mit Hexerei zu tun. Hierfür gibt es mehrere Gründe. Zunächst konnten die Impfstoffentwickler auf Vorarbeiten aufbauen, und zwar auf der Forschung an Viren, die Sars-CoV-2 ähnlich sind: Sars und Mers. Aus diesen wussten die Forscher zum Beispiel, dass die Spikeproteine – also die Stachel-Krönchen auf der Oberfläche des Virus – eine wichtige Rolle bei der Immunreaktion spielen. Hier setzte man an. Bereits vor Jahren waren erste neuartige Impfstoffkonzepte auf mRNA-Basis entstanden. Außerdem gibt es sogenannte Plattform-Technologien, die es erlauben, Impfstoff-Prototypen schnell an einen neuen Erreger anzupassen.

Foto: dpa/Stefan Albrecht/Biontech
Mitarbeiter des Mainzer Unternehmens Biontech, das den ersten deutschen Corona-Impfstoff entwickelte.

Auch andere Faktoren spielten eine Rolle. So stellte die US-Regierung im Rahmen der „Operation Warp Speed“ umgerechnet etwa 8,4 Milliarden Euro für die Impfstoffentwicklung bereit. Die Bundesregierung förderte mit 750 Millionen Euro die drei deutschen Impfstoffentwickler Biontech, Curevac und IDT Biologika. Auch die Zehntausenden Probanden für die klinischen Studien waren innerhalb der sich ausbreitenden Pandemie schneller gefunden als bei sonstigen Impfstoff-Entwicklungen. Viel Zeit wurde gespart, indem man zum Beispiel bei der Entwicklung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer bestimmte klinische Testphasen kombinierte. Außerdem gab es ein sogenanntes Rolling-Review-Verfahren, bei dem die Arzneimittel-Agenturen bereits mit der Beurteilung der Daten des Impfstoffkandidaten begannen, bevor der offizielle Zulassungsantrag eingereicht wurde. Die Ergebnisse der Tests mit 43.000 Probanden wurden in einem üblichen Peer-Review-Verfahren begutachtet und veröffentlicht.

Wie man auch immer zu diesem Tempo steht: Eine Erfahrung des Jahres ist, dass in bestimmten Situationen konzertierte Aktionen möglich sind, die zu schnellen Erfolgen führen. Dies regt auch dazu an, über Forschung generell nachzudenken. Denn die Entwicklung neuer Medikamente und Impfstoffe ist sehr teuer. Also konzentriert sich die Forschung großer Unternehmen vor allem auf Felder, in denen es die Chance gibt, Mittel für viele Menschen zu entwickeln – und dabei selbstverständlich auch Geld zu verdienen. Auch für die Coronaviren interessierte sich die Forschung erst in großem Stil, als sie 2020 durch die Pandemie zur weltweiten Gefahr wurden. Dabei habe die WHO bereits vor 18 Jahren empfohlen, intensiv an Coronaviren zu forschen – aufgrund der Bedrohung durch Sars, sagen Kritiker. Später folgte Mers.

Wenn also heute über große Forschungserfolge zu Corona berichtet wird, sollte man auch daran denken, dass intensive Forschung auf vielen Gebieten nötig wäre. Allein in Deutschland gibt es etwa 8000 seltene Krankheiten, unter denen nur sechs bis acht Prozent der Bevölkerung leiden. Andere Krankheiten – etwa das sogenannte chronische Erschöpfungssyndrom – betreffen Hunderttausende. Und es gibt trotzdem kaum Forschung dazu.

Auch andere Themen blieben 2020 unterbelichtet. Kaum jemand hat bewusst registriert, dass es ein Jahr der weltweit heftigsten Flächenbrände seit Menschengedenken war – in Australien, Sibirien und Kalifornien. Ein Jahr mit einer Hurrikan-Rekordsaison im Nordatlantik. Ein Jahr, das mit einer Durchschnittstemperatur von 10,4 Grad das zweitwärmste in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 war, wie Meteorologen mitteilten. Die Klimaforscher hatten es nicht leicht in diesem Jahr, das ganz Corona gewidmet war. Ihre Zeit wird aber wohl bald wiederkommen.

Foto: dpa/Marcio Jose Sanchez
Sie gingen leider als Thema im Corona-Jahr unter: die großen Brände im Spätsommer in Kalifornien.

Die unzähligen Veröffentlichungen zu Corona waren kaum zu überblicken. Ja, man kann fast sagen: Es gab eine ganze Corona-Forschungsindustrie. Neben dem Virus selbst, der Therapie von Covid-19 und den Impfstoffen interessierten viele Fragen, zum Beispiel: Wie hoch ist die Dunkelziffer der Infizierten? Wie groß ist die Sterblichkeit? Wie lange ist man nach der Krankheit immun? Welche Rolle spielen Aerosole bei der Verbreitung? In welchem Maß verbreiten Schulkinder das Virus? In welchen Situationen nützen Masken wirklich etwas?

Erstmals konnte eine ganze Gesellschaft live die Auseinandersetzung unter Forschern miterleben. Dabei zeigte sich auch, wie sehr das Handeln in schwierigen Situationen davon abhängt, dass Entscheider über robuste Daten verfügen. Davon gab es in den ersten Monaten noch viel zu wenige. Mehrfach wurden darum noch nicht überprüfte erste Zwischenergebnisse wissenschaftlicher Studien dafür genutzt, um bestimmte politische Entscheidungen zu begründen. Ein Beispiel ist die Heinsberg-Studie des Bonner Virologen Hendrik Streeck. Hier nutzte die Landesregierung Nordrhein-Westfalens unter Armin Laschet im April 2020 Zwischenergebnisse zur Begründung, den Corona-Lockdown vom Frühjahr wieder zu lockern. Auch anderswo geschahen solche Dinge. „Es gab ungleiche Kämpfe mit Politikern, die versuchten, die Pandemie und die Wissenschaftler auszunutzen, und in vielen wurde die Wissenschaft ausgespielt“, kritisierte H. Holden Thorp, Chefredakteur des Wissenschaftsjournals Science.

Foto: imago images/Jens Krick
Der Virologe Hendrik Streeck im April bei der Vorstellung von Zwischenergebnissen einer Studie in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

Während man Forschung einerseits instrumentalisierte, wurde sie andererseits ignoriert – auch mit ihren Prognosen. So ließ die in Genf arbeitende deutsche Virologin Isabella Eckerle im Dezember bei Twitter ihren Unmut heraus über all die Monate, in denen Warnungen zerredet wurden. „Die Zeit für die Entwicklung der Langzeitstrategie zur Vermeidung von neuen Lockdowns wäre im Sommer gewesen“, schrieb Eckerle. Stattdessen sei öffentlich immer wieder Wunschdenken befeuert worden: Kinder spielten keine Rolle. Eine langsame Durchseuchung sei okay. Es komme keine zweite Welle. Die PCR-Tests seien falsch positiv. Das Virus habe sich abgeschwächt. Es sei noch Platz auf den Intensivstationen. Es habe massive Angriffe auf alle gegeben, die vor diesen haltlosen Thesen gebetsmühlenartig warnten. „Ich glaube, diese Scheindiskussionen über den Sommer in Kombination mit zu schnellen Lockerungen haben uns genau dahin gebracht, wo wir jetzt sind (und das absehbar)“, schrieb Eckerle.

Wie unter einem grellen Scheinwerfer zeigte sich auch, wo Wissenschaft selbst anfällig ist. Eine zentrale Rolle als Forschungsmotor spielten die sogenannten Preprint-Server im Internet. Hier können Forscher vorläufige Studienergebnisse präsentieren, die noch nicht kritisch von unabhängigen Gutachtern geprüft wurden. In der Corona-Zeit waren schnelle Ergebnisse gefragt. Auch für notwendige Entscheidungen, zum Beispiel, ob man Schulen schließen oder offen lassen sollte. So mancher Vorabdruck erhielt große Aufmerksamkeit und musste dann wegen Schwächen zurückgezogen werden. Im April sah sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) deshalb sogar veranlasst, ein Statement zur „Bedeutung von wissenschaftlichen Qualitätsstandards bei Publikationen“ zu veröffentlichen.

Die Medien ihrerseits sollten sich überlegen, ob in einem Krisenjahr wie diesem immer wieder dieselben Forscher als Personen herausgehoben werden sollten – als wäre das riesige Feld der Wissenschaft eine kleine Talkshow-Bühne, auf der nur Drosten, Streeck oder Kekulé agieren. Dies hat bei so manchen zu seltsamen Vorstellungen über Forschung geführt. Als wäre zum Beispiel die Virologie ein Fach, in dem irgendein Forscher mit der Entwicklung eines Tests leichtfertig oder böse-absichtsvoll eine „Fake-Pandemie“ auslösen könnte. So zumindest stellen es sich wohl manche Leute vor, die die Existenz des pandemischen Coronavirus leugnen und einzelne Virologen sogar auf Schadenersatz wegen der Lockdown-Folgen verklagen wollen. 

Wer jedoch in die Tiefe des Faches schaut, der sieht, dass weltweit Zehntausende Virologen an der Corona-Front arbeiten. In Tausenden Labors weltweit verfolgen sie, wie sich das Virus Sars-CoV-2 über die Welt verbreitet und dabei mutiert. Auf Plattformen wie gisaid.org tauschen sie sich darüber aus. Damit künftig mehr Leute echte Forschung von Pseudo-Wissenschaft und Geschwurbel unterscheiden können, forderte die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim allgemein die Ausbildung von mehr Quellen- und Medienkompetenz sowie eine bessere Bildung in Naturwissenschaften.

Die Interaktion von Wissenschaft und Gesellschaft war das eigentliche große Thema dieses Jahres. Wie selten zuvor zeigte sich, welch eine wichtige Rolle die sozialen Medien dabei spielen. Aber auch, wie wichtig der sensible Umgang mit Daten ist. In diesem Zusammenhang trat ein Begriff stärker in den Mittelpunkt: die Evidenz – also das, was wirklich belegt und nachgewiesen werden kann. Kritisiert wurde zum Beispiel von Forschern die öffentlich vermittelte Corona-Statistik von Infektionszahlen und Todesfällen, oft in Kurvenform und mit Ländervergleichen. Solche Darstellungen vereinfachten die Sicht auf komplexe Vorgänge, hieß es.

Foto: Harmsen/Johns Hopkins University
Sehr anschaulich, aber auch stark vereinfachend: Ländervergleiche in der Pandemie, hier auf der Plattform der Johns Hopkins University in Baltimore, USA.

Was zum Beispiel Aussagen zur Corona-Sterblichkeit betrifft, mussten nicht nur verschiedene Länder miteinander verglichen werden, sondern auch einzelne Altersgruppen, Regionen und konkrete Bedingungen. Studien mussten außerdem feststellen, wie viele Menschen sich insgesamt infiziert haben, wie groß die Corona-Dunkelziffer ist. Erst durch Hunderte von Studien ergaben sich nach und nach belastbare Erkenntnisse über die Ausbreitung des Virus und die Krankheit Covid-19 mit ihren möglichen Folgen. Und die Forschung ist noch längst nicht abgeschlossen.

Leider habe die Politik selten wirklich auf Grundlage der Evidenz reagiert, sondern oft erst sehr zögerlich und dann „mit dem Holzhammer“, beklagten Kritiker wie der Mathematiker Gerd Antes im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Nutzen und Risiken von Maßnahmen seien oft nicht abgewogen worden. Besonders kritisiert wurde die Risikokommunikation. Der Grundton der politischen Pandemie-Bewältigung sei nicht sachlich und überzeugend gewesen, sondern alarmistisch und bevormundend. 

Kritiker haben in diesem Jahr auch immer wieder gefordert, die wissenschaftliche Beratung auf eine möglichst breite Grundlage zu stellen, weil die Pandemie ein höchst komplexes Geschehen sei. Nicht nur virologische, epidemiologische und medizinische Dinge seien hier zu beachten, sondern auch Fragen wie: Welche psychologischen, wirtschaftlichen, politischen Folgen hat das Geschehen? 

Dazu gab es in diesem Jahr mehrere Ansätze, etwa den Stufenplan „Die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie tragfähig gestalten“, der Anfang April von Wissenschaftlern mehrerer deutscher Universitäten und Institute vorgestellt wurde. Hinzu kamen Stellungnahmen der Nationalakademie Leopoldina und anderer Forschergruppen. Gefordert wurde auch, ein interdisziplinäres Gremium einzurichten, eine Art Pandemierat – auf Bundes- und Länderebene. All die Erfahrungen des Jahres sollten ausgewertet und festgehalten werden – auch für mögliche künftige Krisenzeiten dieser Art.