Bei ungefähr zwei Prozent der Menschen ist das Phänomen der Afantasie anzutreffen. Sie verfügen über kein Vorstellungsvermögen, können mental also keine Bilder visualisieren. Der Begriff stammt aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, der britische Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton hat ihn geprägt – das Thema verbindet sehr schön seine beiden Schaffensbereiche.

Da die Afantasie, die mentalen Phänomenen wie der Gesichtsblindheit oder der Amusie (Unfähigkeit, Tonfolgen oder Rhythmen zu erfassen) ähnelt, die Lebensfunktionen nicht beeinträchtigt und keinen Leidensdruck schafft, spricht man nicht von einer Krankheit. Im Gegenteil: Menschen, die unter Angststörungen oder Wahnvorstellungen leiden, würden sicher gern tauschen.

Leuchtkraft innerer Bildwelten

Bisher konnte diese fehlende Fähigkeit nur durch die Erfahrungsberichte der Betroffenen festgestellt werden. Jetzt haben australische Forscher mit einem recht einfachen Experiment einen Weg gefunden, Afantasie durch einen Blick in die Augen Betroffener zu diagnostizieren. Wie das Portal sciencealert.com berichtet, wird die Fähigkeit der Pupille genutzt, sich je nach Einfall der Lichtmenge zu erweitern oder zu verengen. Sechzig Probanden wurden helle und dunkle Bilder vorgelegt, und je nachdem schloss oder öffneten sich die Pupillen. Dies war bei allen gleich.

Erstaunlicherweise funktionierte dieser durch die Ringmuskulatur der Regenbogenhaut gesteuerte Mechanismus aber auch, als man die Probanden darum bat, sich die Bilder bei geöffneten Augen vorzustellen. Offenbar kann die Leuchtkraft innerer Bilder derart stark sein, dass das Gehirn diese für real hält und es den Befehl zum Schützen der Netzhaut gibt. Bei 18 Menschen, bei denen zuvor Afantasie festgestellt wurde, passierte allerdings nichts.

Mehr oder weniger lebendige Augen

„Wir sind jetzt nahe dran an einem objektiven physiologischen Test, wie einem Bluttest, um festzustellen, ob jemand wirklich an Afantasie leidet“, sagt der Hauptautor der bei elifescience.org veröffentlichten Studie, der Psychologe Joel Pearson von der UNSW Sydney. Der Studie zufolge konnte mit dieser Methode auch nachgewiesen werden, wie stark das Vorstellungsvermögen eines Menschen ist: Je mehr sich im Auge abspielt, desto prachtvoller die innere Bildwelt.

Könnte es sein, dass dies schon immer zum unbewussten Wissensschatz der Menschen gehörte? Und sie längst damit umgehen, wenn sie beim Gespräch dem anderen in die mehr oder weniger lebendigen Augen blicken?