Das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ nähert sich dem Nordpol.
Foto: Steffen Graupner/Alfred-Wegener-Institut/dpa

BerlinDas Forschungsschiff „Polarstern“ hat auf dem letzten Fahrtabschnitt seiner Arktis-Expedition „Mosaic“ den nördlichsten Punkt der Erde erreicht. „Es war ein unglaublich schneller Ritt“, sagte Expeditionsleiter Markus Rex der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch. „Wir hatten einen breiten Bereich mit geringer Eiskonzentration und dünnem Eis.“ Gestartet war die „Polarstern“ auf der Nordseite Grönlands. Normalerweise sei das Seegebiet dort so dicht bedeckt mit teilweise mehrjährigem Meereis, dass eine Fahrt dort nicht empfehlenswert sei, betonte Rex.

„Wir sind größtenteils im offenen Wasser bis 87 Grad 30 Nord gelangt, oft mit Wasserflächen bis zum Horizont", beschrieb Expeditionsleiter Markus Rex laut AWI diesen Teil der Reise. Das Meereis sei in dieser Region wegen der hohen Temperaturen großflächig geschmolzen.

Er sei sehr erstaunt, wie sehr das Eis dieses Jahr bis 88 Grad Nord angetaut sei „und dementsprechend weich und löchrig“, berichtete Kapitän Thomas Wunderlich. „Sogar nördlich von 88 Grad Nord sind wir meist mit fünf bis sieben Knoten unterwegs, das habe ich so weit im Norden noch nicht erlebt.“ Er sprach laut AWI von einer Veränderung von historischem Ausmaß. „Jetzt finden wir hier erstmals ausgedehnte Flächen offenen Wassers fast bis zum Pol vor“, wird er von der Nachrichtenagentur AFP zitiert.

„Es ist erschreckend zu sehen, wie dünn das Meereis ist und wie schnell es schmilzt. Es muss dringend etwas passieren. Die Arktis kann nicht lange warten.“ Das Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) hatte im Juli mitgeteilt, dass die arktische Meereisausdehnung so gering ist, wie es seit Beginn der Satellitenmessungen für den Monat Juli noch nie beobachtet wurde.

Das arktische Eis erreicht gewöhnlich im März seine größte und im September seine geringste Ausdehnung. Im September 2012 war mit 3,4 Millionen Quadratkilometern die bislang kleinste Eisfläche seit 1979 beobachtet worden, im September 2019 die zweitgeringste Ausdehnung. Ob die Negativrekorde in diesem Jahr noch einmal getoppt werden, werde sich im September zeigen, so Rex.

Die „Polarstern“ ist seit elf Monaten in der Arktis unterwegs. Zunächst driftete sie mit einer riesigen Scholle mit, Ende Juli zerbrach diese. Seitdem fährt der Eisbrecher unter Motor wieder Richtung Norden. „Wir werden über den Nordpol hinaus Richtung Sibirien fahren, um uns eine neue Eisscholle zu suchen“, sagte Rex. Dort wollen die Wissenschaftler den beginnenden Gefrierprozess beobachten. Es ist das letzte Puzzlestück, das den Forschern in der Beobachtung des Jahreszyklus des Eises in der Arktis fehlt.