Eine Spritze.
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Es ist unbefriedigend, dass uns in unserer Hightech-Welt beim Auftreten des Coronavirus im Grunde nur einige sehr archaische Schritte eingefallen sind: Einsperren, Masken, Reiseverbote und nun das unbestimmte Warten auf den Impfstoff.

Zwanzig Jahre nach der Entschlüsselung des Genoms könnten wir eigentlich schon viel weiter sein. Wir wissen heute, dass jeder Mensch einzigartig ist. Wir können diese Einzigartigkeit auch genetisch feststellen. Das Erbgut bestimmt zum großen Teil, wer zu welchen Krankheiten neigt. Auch der Verlauf von Krankheiten ist genetisch bedingt.

Es ist Zeit für die sogenannte „personalisierte Medizin“: Durch die Bestimmung der Gene kann frühzeitig erkannt werden, zu welcher Krankheit ein Mensch neigt. Zugleich kann die mögliche Vorbeugung beginnen – etwa durch Umstellung der Ernährung, ein gezieltes Fitnessprogramm oder wiederholte und zielgenaue Untersuchungen. Der Berliner Forscher Hans Lehrach hat zu diesem Zweck die Idee des „digitalen Zwillings“ entwickelt: Mithilfe von Computerprogrammen kann die Reaktion des Patienten auf bestimmte Medikamente simuliert werden. Würde dieser Zwilling neben den Genen auch noch umfassende Informationen über das Immunsystem, das Mikrobiom des Darms und über Herz und Kreislauf enthalten, könnte eine präzise personalisierte Betrachtung der individuellen Gesundheit erfolgen und im Krankheitsfall eine Behandlung mit viel weniger Nebenwirkungen ermöglichen.

Patienten werden heute immer noch viel zu oft mit Medikamenten vollgepumpt. In Europa sterben jährlich mehr als 190.000 Menschen an den unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten. Patienten sterben an den Folgen der Chemotherapie. Sie könnten gerettet werden, würde man rechtzeitig eine Unverträglichkeit feststellen. Dasselbe gilt für viele andere Krankheiten.

Auch bei Virusinfektionen wie Covid-19 oder Influenza entstehen immer Folgeschäden wie etwa bakterielle Entzündungen. Die digital erhobenen, individuellen Informationen eines Patienten könnten eine gezielte Behandlung ermöglichen, etwa mit dem passenden Antibiotikum.

Der massive Einsatz von Antibiotika hat zu Resistenzen geführt, was nun immer wieder große Probleme bei Behandlungen verursacht. Das ist auch die Folge des jahrzehntelangen Einsatzes von Medikamenten ohne Berücksichtigung der individuellen Faktoren. Auch der Einsatz von Beatmungsgeräten würde vielleicht weniger gefährlich, wenn die persönlichen Daten des Patienten die Grundlage der Behandlung wären.

Die Kosten für das heutige System einer undifferenzierten Einheitsmedizin betragen pro Tag in Europa 4,5 Milliarden Euro für die Gesundheitssysteme. Lehrach meint, dass man möglicherweise eine Milliarde Euro pro Tag einsparen könnte, wenn die für den Einzelfall wirksamen Medikamente vorher präzise bestimmt werden könnten. Es ist nicht überraschend, dass die Pharmaindustrie Lehrachs erbittertster Gegner ist und alles unternommen hat, um seinen innovativen Ansatz zu unterbinden. Denn natürlich entgeht „Big Pharma“ bei diesem neuen Weg ein Milliardengeschäft: Die Industrie würde nur noch erzeugen, was gebraucht wird.

Es ist jedoch im hohen gesellschaftlichen Interesse, dass das Gesundheitswesen in Richtung der personalisierten Medizin umgesteuert wird. Neben den Kosten hätte der innovative Ansatz noch eine wichtige psychologische Komponente: Wenn die Nebenwirkungen wegfallen, könnte auch die Angst vor Impfungen reduziert werden. Viele lehnen heute eine Impfung gegen Corona ab, weil sie zu Recht misstrauisch geworden sind. Sie vertrauen weder der Gesundheitspolitik noch den Pharmaunternehmen – weil der undifferenzierte Einsatz von Medikamenten eben enorme Schäden verursacht hat. Selbst eingefleischte Anhänger von Impfungen räumen ein, dass ein Jahr Vorlauf für einen Corona-Impfstoff hohe Risiken impliziert.

Die Kursänderung in der Gesundheitspolitik sollte die Prävention fördern und nicht den Schaden bezahlen, wenn er bereits eingetreten ist. Eine moderne Gesundheitspolitik ist nur mit der Garantie von strengen Datenschutz-Richtlinien möglich. Nur so kann das zerstörte Vertrauen der Bürger wieder hergestellt werden. Die politisch Verantwortlichen schulden der Öffentlichkeit volle Transparenz. Geregelt werden muss nicht der Alltag der Bürger, sondern der politische Prozess, der zu einem modernen Gesundheitswesen führt. Den Lobbyisten ist die Tür zu weisen – sofort und ohne Ausnahme.