Frauen, die zum ersten Mal die Pille nehmen, sind stärker schlaganfallgefährdet

Besonders im ersten Jahr der Einnahme und bei weiteren Risikofaktoren steige die Gefahr, warnt die Deutsche Hirnstiftung.

Bei einem Schlaganfall entsteht ein Blutgerinnsel im Hirn, das entweder zu Verstopfung des Blutgefäßes oder zu einer Hirnblutung führt.
Bei einem Schlaganfall entsteht ein Blutgerinnsel im Hirn, das entweder zu Verstopfung des Blutgefäßes oder zu einer Hirnblutung führt.imago

Manchmal kündigt er sich durch jahrelangen Bluthochdruck an, für andere Patienten kommt er wie aus heiterem Himmel, deshalb auch der Name: Schlaganfall. Am 29. Oktober ist Welt-Schlaganfalltag; zu diesem Anlass weisen eine Reihe von Akteuren auf die Bedeutung der Prophylaxe hin.

Schlaganfälle bergen nicht nur ein hohes Gesundheitsrisiko, sondern sind eine der häufigsten Todesursachen in Deutschland. Während die Schlaganfall-Sterblichkeitsrate in den vergangenen 30 Jahren allerdings signifikant abgenommen hat, sind nun immer mehr jüngere Patienten von den Folgen betroffen. Viele von ihnen können durch die Krankheit ihrem Beruf nicht mehr nachgehen, was oft schwere psychische sowie finanzielle Schwierigkeiten mit sich bringt.

Wie entsteht ein Schlaganfall – und wie erkennt man ihn?

Ein Apoplex entsteht durch Blutgerinnsel im Gehirn, die zu Gefäßverstopfung oder Hirnblutung führen. Der Druck auf das Gehirn und die Sauerstoffunterversorgung können irreparable Schäden hervorrufen. Die häufigsten Anzeichen eines Schlaganfalls sind Sprach- und Sehstörungen, Lähmungen und Taubheitsgefühle, Schwindel sowie starke Kopfschmerzen. Allerdings gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Mitunter steigt bei Frauen durch Bluthochdruck in der Schwangerschaft und anhand von Hormonpräparaten wie der Antibabypille die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls. Doch auch Vorhofflimmern führt laut Untersuchungen bei Frauen doppelt so häufig zu einem Schlaganfall als bei Männern mit derselben Vorerkrankung.

Der sogenannte FAST-Test gibt erste Hinweise darauf, ob jemand gerade einen Schlaganfall erleidet. FAST steht für „Face, Arms, Speech and Time“ (Gesicht, Arme, Sprache und Zeit). So kann geprüft werden, ob die Person lächeln oder ihre Arme mit den Handflächen nach oben gedreht ausstrecken kann. Außerdem sollte die betroffene Person versuchen, einen Satz zu sagen. Gelingt einer dieser Tests nicht, ist Gefahr im Verzug. Da jede Minute zählt, sollte unverzüglich die 112 gerufen werden. Ebenso, wenn die Person darum bittet, den Arzt zu rufen, und natürlich auch dann, wenn sie bereits bewusstlos ist.

Wodurch das Schlaganfallrisiko ansteigt

Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen, Übergewicht und die familiäre Anamnese gelten als Risikofaktoren. Die jüngeren betroffenen Altersgruppen werden einerseits durch den demografischen Wandel erklärt, andererseits auch durch einen verstärkt zu hohen Cholesterinspiegel und Stresspegel sowie eine erhöhte Salz- und Zuckeraufnahme. Eine aktuelle Studie zeigt zudem, dass 26 Prozent der Deutschen gerade an stressigen Tagen zu Fast Food greifen. Bis 2030 könnte sich die Zahl der Schlaganfälle bei diesen Grundbedingungen verdoppeln, so Valery Feigin vom National Institute for Stroke and Applied Neurosciences (Auckland).

Wo gibt es Hilfe zur Prophylaxe?
Nach Angaben der Deutschen Hirnstiftung leidet inzwischen mehr als jeder zweite Europäer, so auch die Deutschen, unter einer neurologischen Erkrankung – wozu neben dem Schlaganfall auch etwa MS, Epilepsie oder Migräne gehören. Gegründet wurde die Hirnstiftung 2020 auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Sie bietet im Internet unter www.hirnstiftung.org seitdem Patienten mit neurologischen Erkrankungen, Angehörigen und Interessierten Infos an, außerdem Informationsveranstaltungen und ein Expertentelefon.
Auch die Deutsche Schlaganfallstiftung berät zum Thema unter www.schlaganfall-hilfe.de und bietet außerdem Selbsthilfegruppen für Betroffene an. Darüber hinaus ist der Hausarzt der erste Ansprechpartner für Fragen rund um den Schlaganfall und auch die Prophylaxe.

Neben einer aktiven und ausgeglichenen Lebensweise können auch Vorsorgeuntersuchungen als Prävention helfen. Bei einem Vorsorgetermin ergibt sich eine grundlegende Übersicht über das eigene gesundheitliche Wohlbefinden. Was viele nicht wissen: Ab dem 35. Lebensjahr haben gesetzlich Versicherte die Möglichkeit, sich alle drei Jahre bei ihrem Hausarzt komplett durchchecken zu lassen.

Was die Deutsche Schlaganfall-Stiftung sagt

Sollte es nach einem Schlaganfall zu einem Verlust der eigenen Arbeitsfähigkeit kommen, reicht die gesetzliche Leistung bei Weitem nicht aus, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. Darauf weisen Versicherer, aber auch Patientenvertretungen regelmäßig hin. So auch die Deutsche Schlaganfall-Stiftung mit Sitz in Berlin.

270.000 Menschen pro Jahr erleiden in Deutschland einen Schlaganfall, betont die Stiftung. Die Volkskrankheit ist die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. „Neben der medizinischen und therapeutischen Behandlung spielt die Selbsthilfe eine ganz wichtige Rolle für viele Betroffene“, so Stefan Stricker, Referent der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

350 Schlaganfall-Selbsthilfegruppen umfasst das bundesweite Netzwerk der Stiftung. Häufigstes Thema der Gruppentreffen ist nach einer aktuellen Umfrage der Schlaganfall-Hilfe die Alltagsbewältigung (97 Prozent). „Deshalb ist die Selbsthilfe eine unverzichtbare Säule der Schlaganfall-Nachsorge“, so Stricker. Doch die Pandemie stellte die Gruppen vor große Herausforderungen. Zwei Drittel verloren Mitglieder. Und mehr als die Hälfte der Gruppen sieht die Neugewinnung von Mitgliedern als größte Schwierigkeit.

Für Stefan Stricker ist dieses Ergebnis nicht verwunderlich. „80 Prozent der Schlaganfall-Betroffenen leiden unter neuropsychologischen Folgen. Eine der häufigsten ist die Antriebsarmut“, so der Referent. Gerade für diese Menschen sei die Ansprache in der Gruppe so wichtig. „Isolation führt zu mangelnder Therapietreue. Da sind Folgeerkrankungen, wiederholte Schlaganfälle und Depressionen programmiert.“ Mit ihrem Förderfonds Selbsthilfe will die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe deshalb im kommenden Jahr die Gründung neuer Gruppen unterstützen, therapeutische Programme fördern und Gruppenleitungen qualifizieren.

Was die Deutsche Hirnstiftung sagt

Auch die Deutsche Hirnstiftung möchte zum Welt-Schlaganfalltag für das Problem und seine Folgen sensibilisieren – vor allem Frauen, die hormonell verhüten.

Schlaganfälle können verschiedene Ursachen haben, meistens handelt es sich um einen akuten Verschluss einer Gehirnarterie durch ein Blutgerinnsel oder eine vorbestehende Arteriosklerose. Dadurch wird das betroffene Hirnareal nicht mehr ausreichend durchblutet und es kommt zum sogenannten ischämischen Schlaganfall. Durch diesen Sauerstoffmangel kann es zu bleibenden Schäden und Behinderungen kommen, wenn die Behandlung des Schlaganfalls nicht rechtzeitig beginnt. Deshalb gilt hier: Time is Brain.

Viele Schlaganfall-Risikofaktoren sind heute gut bekannt. Neben den klassischen Risikofaktoren werde aber ein Faktor nur wenig berücksichtigt, so die Hirnstiftung: die hormonelle Verhütung, also die Antibabypille. Östrogenhaltige Pillen (etwa mit Ethinylestradiol, 20 Mikrogramm) erhöhen laut Stiftung das Schlaganfallrisiko um das 1,7-Fache; bei einem Gehalt von 30 bis 40 Mikrogramm Ethinylestradiol steigt das Risiko sogar bis um das 2,3-Fache. Wenn noch weitere Gefäßrisikofaktoren hinzukommen, erhöht sich das Risiko weiter.

Allerdings bestehe diese relative Risikoerhöhung durch die Verhütungspille auf insgesamt niedrigem Niveau: Schlaganfälle traten in einem Jahr bei 21 von 100.000 Frauen auf, die die Pille einnahmen. Eine aktuelle Studie aus Großbritannien zeige, dass sich das Risiko vornehmlich auf das erste Jahr der Einnahme beschränkt. Das Risiko stieg um den Faktor 2,4 – in den Jahren danach normalisierte es sich wieder.

Die Pille steigert auch das Risiko für Hirnvenenthrombosen

Darüber hinaus steigt bei Frauen, die die Pille nehmen, auch das Risiko für Hirnvenenthrombosen (HVT) an, eine ansonsten eher seltene Form des Schlaganfalls. Diese „Sinusthrombosen“ wurden schon im Rahmen der Corona-Impfstoffe diskutiert. Inzwischen gilt diese Impfnebenwirkung, die vornehmlich bei Vektorimpfstoffen auftritt, als bestätigt, sie ist aber insgesamt sehr selten. Die Vektorimpfstoffe werden jungen Frauen daher nicht mehr verabreicht.

Die Einnahme von oralen Kontrazeptiva bei zusätzlich vorliegenden Gefäßrisikofaktoren wie etwa Rauchen, Bluthochdruck oder Übergewicht erhöhe das HVT-Risiko aber weit mehr. Eine Fall-Kontroll-Studie des Academic Medical Center Amsterdam mit 186 Betroffenen (davon 71 Prozent weiblich) und 6134 Kontrollen ergab, dass 72,9 Prozent der von einer HVT betroffenen Frauen die Pille nahmen. Fettleibigkeit (BMI > 30) alleine erhöhte das HVT-Risiko bei Frauen um den Faktor 3,5, bei Männern dagegen nicht signifikant. Bei Frauen, die die Pille nahmen, stieg bei Übergewicht (BMI zwischen 25 und 29,9) das HVT-Risiko dramatisch an – fast um den Faktor 12; bei Fettleibigkeit/Adipositas (BMI > 30) sogar fast um den Faktor 30.

Noch ein eher unbekannter Risikofaktor: Migräne

Ein weiterer, relativ unbekannter Risikofaktor, der das Gefäßrisiko und das Risiko für ischämische Schlaganfälle bei oraler Kontrazeption ansteigen lässt, ist Migräne, besonders Migräne mit sogenannter Aura. In einer Metaanalyse verdoppelte sie generell das Schlaganfallrisiko.

„Grundsätzlich sollten die individuellen Risiken einer oralen Kontrazeption mit dem Gynäkologen und gegebenenfalls weiteren Fachdisziplinen gut besprochen werden“, empfiehlt Frank Erbguth, Präsident der Deutschen Hirnstiftung, die bei neurologischen Fragen kostenfrei berät. „Vor allem, wenn Gefäßrisikofaktoren vorliegen, aber auch bei Hinweisen auf eine familiäre Veranlagung, etwa Thrombosen bei Verwandten ersten Grades im Alter von unter 50 Jahren oder in der eigenen Vorgeschichte, ist große Vorsicht geboten.“

Eine Thromboseneigung kann vorab gegebenenfalls mit Laboruntersuchungen ausgeschlossen werden; bei Migräne-Verdacht sollte eine neurologische Mitbehandlung erfolgen. Ein erhöhter Blutdruck sollte ohnehin immer normalisiert werden, um Langzeitschäden an den Gefäßen und Organen wie Schlaganfälle, Herzinfarkt, Nieren- oder Netzhautschäden zu vermeiden.

„Bei sorgfältiger Abwägung und Verordnung eines geeigneten Präparates ist das Risiko der Pille gering. Dennoch kann die Kombination von Pille, Übergewicht, Rauchen und anderen Risiken schon bei sehr jungen Frauen eine gefährliche Kombination darstellen“, so Erbguth. Der Präsident der Deutschen Hirnstiftung möchte anlässlich des Welt-Schlaganfalltags Frauen, die die Pille nehmen, dafür sensibilisieren, zusätzliche lebensstilbedingte Risiken möglichst zu reduzieren.

Das heißt: Sie sollten auf ihr Gewicht achten und bei Bedarf abnehmen, auf das Rauchen verzichten und bei Bluthochdruck oder Diabetes diese gefäßschädigenden Erkrankungen auch medikamentös behandeln lassen. Besondere Vorsicht gelte im ersten Jahr der Einnahme der Pille.