Berlin - Die Priorisierung beim Impfen gegen Corona ist nicht aufgehoben. Sie funktioniert zwar nicht mehr nach Empfehlungen von Experten und Verordnungen des Bundesgesundheitsministeriums, aber: „Sie funktioniert anders“, sagt Dr. Martin Danner. „In der Weise, dass Menschen prioritär geimpft werden, die leichter Zugang zu Arztpraxen und Impfzentren haben.“ Danner ist Bundesgeschäftsführer der BAG Selbsthilfe, in der hierzulande 120 Verbände behinderter oder chronisch kranker Menschen zusammengeschlossen sind. Die BAG vertritt also eine große Gruppe derer, die keinen guten Zugang zu Praxen und Zentren haben. Angesichts knapper Impfdosen kann dies fatale Folgen haben.

Knapp acht Millionen gelten laut Statistischem Bundesamt als schwerbehindert, 3,5 Millionen als pflegebedürftig; wie viele davon bereits geimpft sind, ist nicht bekannt. Allerdings ist die Prioritätsgruppe drei erst seit dem 3. Mai in die Impfkampagne eingeschlossen. Fest steht: Sie infizieren sich leichter als andere, weil sie nicht so gut Abstand halten oder Gefahren nicht so gut abschätzen können. Sie erkranken oft schwer oder sogar tödlich, weil sie körperlich bereits angeschlagen sind. Sie gehörten bisher zur Priorität drei, jetzt ist die Priorität null.

Ausgerechnet sie drohen bei einer Impfstrategie abgehängt zu werden, die seit Montag lautet: Wer zu erst kommt, malt zuerst. „Es ist schon so, dass Arztpraxen in ihrer Patientenkartei schauen, wer die Impfung früher benötigt als andere“, sagt Danner. „Allerdings unterhalten viele Praxen eine Internetseite, die nicht barrierefrei ist.“

Telefonisch vorzudringen, erfordere großes Durchhaltevermögen, sagt Danner: „Menschen, die nicht gesund sind oder schlechter zurechtkommen, können sich mit weniger Energie um Termine kümmern als andere.“ Behinderte benötigen außerdem einen Zutritt ohne Hindernis, den allerdings nicht jede Praxis bieten kann, nicht mal jedes Impfzentrum in Deutschland vorzuweisen hat. Schleswig-Holstein gilt bei der Barrierefreiheit als vorbildlich, Länder wie Thüringen rangieren am Tabellenende.

Berlin belegt einen Platz im Mittelfeld, sagt Danner. Lange hat es zum Beispiel gedauert, bis ein reibungsloser Transport zu den Zentren für Menschen mit Handicap gewährleistet war. „Wir hören immer wieder von Menschen, dass sie ihren Termin nicht wahrnehmen können, weil sie keine Beförderung haben“, sagt Ursula Engelen-Kefer, Berliner Landeschefin des Sozialverbands Deutschland (SoVD) und dessen Vizepräsidentin. „Wir vom SoVD haben nach sehr langem Kampf die Einführung von Inklusionstaxis erreicht. Dasselbe machen wir in Brandenburg.“

Impftermin: in der Warteschleife beim Hausarzt

Das freie Spiel der Kräfte beim Impfen strahlt auch auf den allgemeinen Praxisbetrieb aus: Schwierig kann es für jemanden werden, der wegen akuter Beschwerden eine Sprechstunde aufsuchen möchte und sich in einer Dauerwarteschleife wiederfindet. „All dies hätte man lange vorher planen können“, sagt Danner. Kontingente an Terminen für Behinderte und chronisch Kranke wären möglich gewesen, Kontingente an Impfstoff für barrierefreie Praxen denkbar. „Wir haben den Eindruck“, sagt Danner, „dass seit Beginn der Pandemie jeweils aus dem aktuellen Geschehen heraus entschieden wird.“

Um Impfungen von Kindern wird seit Wochen eine öffentliche Debatte geführt. „Jetzt erst kommt die Diskussion auf, neben den Impfzentren auch die Kinder- und Jugendärzte einzubinden, wenn es um junge Behinderte geht“, sagt Danner. „Final geklärt ist die Frage nicht.“

Manche Fragen wurden in der Pandemie nicht einmal aufgeworfen. Etwa die Frage nach barrierefreiem Zugang zu den sogenannten Bürgertests, eingerichtet in Restaurants, Ladenlokalen, Containern, allein in Berlin an mehr als tausend Orten. „Es gab allerdings keine Anforderung, dass ein gewisser Prozentsatz für Menschen mit Behinderungen frei zugänglich sein müsse“, sagt Danner.

Nachdenklich stimmen ihn Vorgänge in Schulen, die ihm gemeldet wurden und die ihn um das Prinzip der Inklusion in der Bildung, in der Gesellschaft insgesamt fürchten lassen. „Kinder sollten Corona-Selbsttests machen, auch Kinder mit Beeinträchtigung, die das motorisch nicht können“, erzählt Danner. Lehrer hätten sich geweigert zu helfen, weil sie die Hygiene nicht gewährleistet sahen. „Sofort kam die Frage auf, ob unter diesen Umständen inklusive Bildung noch möglich ist.“ Danner findet: „Ein bedrohliches Szenario.“ Denn: „Inklusion muss krisenfest sein. Inklusion darf nicht mit als erstes über Bord gehen, wenn es mal eng wird.“ Auch nicht, wenn es nach der Pandemie finanziell eng werden sollte in den öffentlichen Kassen.

Jens Spahn oder Hubertus Heil: Wer ist zuständig für Behinderte?

Das System ist nicht krisenfest, jedenfalls nicht in Bezug auf Behinderte. Nicht einmal die Zuständigkeiten sind klar geregelt: „Das Thema Behinderung ist im Bundesgesundheitsministerium nicht richtig verortet“, sagt Danner. „Dort hält man das Bundesarbeitsministerium für zuständig.“ Doch egal ob Jens Spahn (SPD), Chef des Gesundheitsressorts, oder Hubertus Heil (SPD), Chef der Arbeitsressorts – beide hätten diejenigen fragen können, die sich in der Materie auskennen: die Behinderten und jene, die deren Interessen vertreten. Nicht kurzfristig, mit Vorlauf. Zum Beispiel bei der Priorisierung, die ausgesetzt wurde, aber eigentlich weiterhin existiert. Nur anders.