Am Anfang war das kaputte Handy. 
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BerlinVor ein paar Tagen ging mein Handy kaputt. Es fiel auf den Boden, das Display zersprang. Im Internet fand ich eine Firma, die gebrauchte Handys anbietet. Diese Handys wurden als „neuwertig“ angepriesen und waren sehr günstig – eine Tatsache, die bei mir große Freude auslöste.

Ich bestellte sofort ein Handy, auf das ich noch immer warte. Dafür bekam ich aber eine E-Mail. Von Peter. Anscheinend ist er der Firmenchef. Peter schrieb: „Wir möchten Dir herzlich danken, Jochen. Dank Dir sind wir einen Schritt weiter, die Umwelt zu schützen.“ Dank mir? Echt? Peter schrieb: „Vielen Menschen ist nicht bewusst, wie umweltschädlich elektronische Neugeräte sind. Bei der Produktion entstehen Unmengen von CO2-Emissionen.“

Schau an, dachte ich. So leicht ist es also, ein Umweltheld zu sein. Einfach ein altes Handy kaufen. Gleichzeitig spürte ich aber auch ein moralisches Unbehagen. Am liebsten hätte ich zurückgeschrieben: „Lieber Peter, ich habe Deinen Dank nicht verdient. Womöglich hätte ich das Handy auch gekauft, wenn es versklavte Kinder aus der Dritten Welt mit ihren von Krieg und Unterernährung verstümmelten Händchen zusammengebaut hätten. Die Wahrheit ist: Ich wollte ganz einfach Geld sparen, lieber Peter. An die Umwelt habe ich keine Sekunde lang gedacht. Mit beschämten Grüßen! Jochen“.

Stattdessen schrieb mir Peter erneut: „Lieber Jochen, für jedes verkaufte Gerät pflanzen wir einen Baum. Wir haben dabei drei Länder für Dich zur Auswahl!“

Ich entschied mich für Haiti. Und gegen Burma und Madagaskar. Das tat mir in Nachhinein sehr leid. Hatten Burma und Madagaskar etwa keinen Baum verdient?  

Dann schrieb wieder Peter: „Lieber Jochen, im Laufe des nächstes Jahres schicken wir Dir immer wieder Infos, wie sich Dein Baum entwickeln wird.“ Bitte nicht! Ich wollte wirklich nur ein Handy kaufen. Jetzt bin ich plötzlich Baumpate in Haiti und werde mit monatlichen Baum-Fotos zugemüllt. Und überhaupt: Ist das nicht ein seltsames Vorgehen? Für jedes gekaufte Handy wird auf Haiti ein Baum gepflanzt.

Kaufe ich nun sehr viele Handys, sagen wir 5000 Stück, dann entsteht auf Haiti sogar ein kleiner Wald. Mein Wald! Der „Jochen-Gutsch-Handy-Forest“.

Vor Kurzem flog ich auch in den Urlaub, nach Thailand. Das produzierte leider 5 204 Kilogramm CO2. Ich habe das im Internet, von einer Umweltschutzorganisation, berechnen lassen. Um diese Sauerei zu kompensieren, sollte ich dann 120 Euro spenden. Für Umweltprojekte. Zur Auswahl standen: „Kleine Öfen für Haushalte in Ruanda“. Oder: „Biogas aus Kuhdung“ in Nepal. Oder: „Erneuerbare Energien aus Ernteresten“ in Indien.

Ich entschied mich für die Öfen in Ruanda. Dachte dann aber später, dass dieses Kompensationsprinzip womöglich auch einen falschen Anreiz setzt. Umso mehr ich fliege, umso mehr wird kompensiert. Oder anders gesagt: je mehr Flüge, desto mehr Öfen. Ich fliege wie wild durch die Welt, kann aber immer sagen: Ich tue das nur für Ruanda!

Trotzdem gefällt mir das Kompensationsprinzip. Es hat etwas angenehm Katholisches. Erst freudvoll sündigen, dann freudvoll Buße tun. 

Leider funktioniert die Kompensation nur so lange, bis die Armen auch mal fliegen wollen. Oder zu Wohlstand kommen. Dann wollen die Leute in Ruanda oder Burma auch ihr CO2 kompensieren. Und schicken vielleicht Öfen nach Deutschland. Oder, Gott bewahre, Biogas aus Kuhdung. Das darf natürlich nicht passieren. Wo sollen wir, die reichen Westler, sonst unsere moralische Schuld abbezahlen? Auf dem Mond?

Gut, dass es die Dritte Welt gibt, dachte ich. Nie war sie so wertvoll wie heute.