Frieren wir uns im Winter zu Tode? Wie Temperaturen auf den Körper wirken

Im Winter soll Energie gespart werden – unter anderem durch niedrigere Temperaturen in Räumen. Was sagt die Wissenschaft dazu?

Frauen frieren tendenziell schneller als Männer. Im Bild die Illustration einer Geschäftsfrau, die sich vorkommt, als arbeite sie in einem Eiswürfel.
Frauen frieren tendenziell schneller als Männer. Im Bild die Illustration einer Geschäftsfrau, die sich vorkommt, als arbeite sie in einem Eiswürfel.imago/Ikon Images

So mancher stellt sich mit Blick auf den kommenden Winter die Frage: Wird es nicht zu kalt sein? Werden wir nicht krank werden, wenn die Temperatur in Büroräumen herabgesetzt wird, die Flure kalt sind und man auch zu Hause die Heizung abdreht, um Gas zu sparen? „Mit seinen Heiz-Regeln riskiert Habeck die Gesundheit der Deutschen“, heißt es in einer Schlagzeile. Doch wie sieht die Wissenschaft das mit dem Menschen und der Wärme?

Zunächst: Es hängt von vielem ab, wie Menschen Temperaturen empfinden, unter anderem davon, wie gesund, wie dick, wie alt sie sind, ob sie ausgeschlafen oder übermüdet sind, etwas gegessen haben oder fasten, gestresst sind oder entspannt, zu hohen oder zu niedrigen Blutdruck haben, sich bewegen oder stundenlang auf einer Stelle hocken. Die einen sitzen bei 19 Grad locker im T-Shirt da, die anderen Hüllen sich bei 24 Grad noch in eine Decke.

Bis zu 70 Faktoren beeinflussen das thermische Empfinden, sagt etwa der Medizin-Meteorologe Andreas Matzarakis vom Deutschen Wetterdienst. Das Geschlecht ist einer davon. So erschien erst 2021 eine interessante Studie zur Frage, warum Frauen meist leichter frieren als Männer. Ein unabhängiges Forscherteam bot dafür eine evolutionäre Erklärung. Es untersuchte das Verhalten verschiedener endothermer Arten, darunter von Zugvögeln und Fledermäusen. Endotherm bedeutet, dass eine Art ihre Körpertemperatur  von innen her reguliert.

Unterschiedliches Wärmeempfinden von Frauen und Männern

Das Ergebnis war: Bei vielen Arten ist es ähnlich wie beim Menschen. Männchen bevorzugen eine niedrigere Temperatur als Weibchen, so die Wissenschaftler. Das führt zu einer räumlichen Trennung zwischen den Geschlechtern zu bestimmten Zeiten während der Brutzyklen. Bei Zugvögeln überwinterten die Männchen in kälteren Orten als die Weibchen. Bei vielen Säugetieren bevorzugen Männchen den Schatten, während Weibchen das Sonnenlicht aufsuchten.

„Unterm Strich können wir sagen, dass dieser Unterschied im Wärmeempfinden nicht entstanden ist, damit wir uns mit unseren Partnern über die Klimaanlage streiten können“, schreiben die Forscher. Dass Männchen und Weibchen Temperatur unterschiedlich empfinden, sei „ein evolutionär bedingter Unterschied zwischen den Wärmesensorsystemen der beiden Geschlechter, der unter anderem mit dem Fortpflanzungsprozess und der Versorgung des Nachwuchses zusammenhängt“.

Beim Menschen werden mehrere Gründe angegeben, warum Frauen leichter frieren. Hier einige Forscher-Aussagen. Erstens: Männer besitzen im Durchschnitt mehr Muskelmasse. Und Muskeln arbeiten nicht nur, wenn man Sport treibt, sondern ständig, auch wenn man nur auf dem Stuhl sitzt oder auf dem Sofa liegt. Etwa 70 bis 80 Prozent der Energie, die Muskeln verbrennen, werden als Abwärme freigesetzt. Hinzu kommt: Bei Kälte können Männer durch das Zittern – feine Kontraktionen der Muskeln – zusätzlich mehr Energie erzeugen.

Zweitens: Die Verteilung des Körperfetts ist anders. Bei Frauen konzentriert es sich eher an Hüften, Oberschenkeln, Gesäß und Brust. Bei Männern eher an Bauch und Oberkörper. Dort liegen auch die lebenswichtigen inneren Organe, die geschützt werden müssen. Drittens: Frauen haben eine um etwa 15 Prozent dünnere Oberhaut als Männer. Die Hautoberfläche kühlt schneller ab. Kälte wirkt schneller auf die Gefäße. Hände und Füße werden nicht mehr so gut durchblutet und kühlen schneller aus. Denn der Körper, der die Temperatur im Innern auf etwa 37 Grad halten will, drosselt die Temperatur in den peripheren Körperteilen. Dies passiert auch – durch Hormone – bei einer Schwangerschaft, damit der Nachwuchs geschützt wird. Hinzu kommt noch ein tendenziell eher niedriger Blutdruck.

Bei 26 Grad Celsius verbrauchen Menschen am wenigsten Energie

Frauen frieren also tendenziell leichter als Männer und sind auch im Winter öfter erkältet als Männer, wie Umfragen ergaben. Doch wann kommt es zu solchen Infekten? Muss es überall schön warm sein, um diese zu verhindern? „Die Temperatur, die wir subjektiv als angenehm empfinden, liegt fast immer höher als das, was gut und gesund ist“, sagt Stephan Vavricka, Internist und Professor in Zürich. „26 Grad ist die Temperatur, bei der die Menschen die wenigste Energie verbrauchen“, sagt der Medizin-Meteorologe Andreas Matzarakis. Doch der Gesundheit nütze es eher, „wenn wir täglich vor Kälte zittern, denn dabei wird Fettgewebe abgebaut“, sagt Vavricka. Eine Grundempfehlung ist, möglichst oft zwischen Wärme und Kälte zu wechseln: durch Wechselduschen, Arm- oder Fußbäder, Bewegung an der Luft (egal bei welchem Wetter).

All dies weiß man im Grunde. Dennoch kann man nicht immer danach handeln, wenn man zum Beispiel lange in einem kühlen Büro sitzen und ein großes Arbeitspensum schaffen muss. Da bleibt oft nur Zeit für kurze Runden – etwa zum Mittagessen – und kleine Aufwärmübungen am Arbeitsplatz. Hilfreich sind auch wärmere Kleidung (Pullover, Schal, warme Schuhe) und heißer Tee.

Mitunter hängt es aber gar nicht von der Temperatur selbst ab, ob man ständig fröstelt, sondern von anderen Dingen. Darunter dem Gesundheitszustand. So können Schilddrüsenunterfunktion, Eisenmangel, Unterernährung, auszehrende Krankheiten, Durchblutungsstörungen oder Depressionen zu einer unangemessenen Kälteempfindlichkeit führen. In diesem Fall müssen die Grundkrankheiten behandelt werden.

Sogenannte Erkältungen wiederum entstehen oft, wenn Viren besser zum Zuge kommen, weil zum Beispiel die Schleimhaut in Nase, Hals und Rachen austrocknet und schlechter durchblutet wird, wodurch die Abwehrzellen des ersten Schutzwalls gegen Viren und andere Erreger langsamer reagieren. Dies geschieht oft bei niedrigen Temperaturen, vor allem aber auch, weil durch Heizungen und Klimaanlagen eine zu trockene Luft in Räumen herrscht. Diese sollte in Arbeits- und Wohnräumen 40 bis 60 Prozent betragen.

Der Blutdruck steigt mit fallenden Temperaturen

Welche Temperatur aber ist die beste? Habecks Energiesparvorgabe für den kommenden Winter lautet: In öffentlichen Gebäuden soll es maximal 19 Grad Celsius warm sein. Das ist an der Grenze dessen, was zum Beispiel die Arbeitsstättenrichtlinie (ASR A3.5) vorschreibt. Laut dieser sollen die Mindesttemperaturen in Arbeitsräumen bei leichter Arbeit im Sitzen 20 Grad betragen, bei mittelschwerer Arbeit 19 Grad. Wenn man im Stehen und Gehen tätig ist, sind je nach Arbeitsschwere 19 bis 12 Grad vorgeschrieben. Allerdings muss es für die Betroffenen auch wärmere Bereiche geben. Dafür haben Arbeitgeber zu sorgen. „In Pausen-, Bereitschafts-, Sanitär-, Kantinen- und Erste-Hilfe-Räumen muss während der Nutzungsdauer eine Lufttemperatur von mindestens 21 Grad Celsius herrschen“, lautet die Richtlinie.

Laut den Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 18 Grad in Innenräumen das Minimum für gesunde Menschen – wobei es für gefährdete Gruppen gesonderte Bedingungen geben sollte. Je tiefer die Temperaturen sinken, desto größer das Risiko. So zeigte etwa eine japanische Studie aus dem Jahr 2002, dass der Blutdruck Gesunder bei einer Raumluft von 24 Grad deutlich niedriger liegt als bei 14 Grad. Schwedischen Untersuchungen zufolge steigt das Risiko für einen Herzinfarkt bei jedem fallenden Grad – auch wenn die Gefahr erst bei Temperaturen unter null Grad deutlich zunimmt, und zwar vor allem für bereits vorerkrankte Menschen, etwa mit koronarer Herzkrankheit, Angina pectoris, überstandenem Herzinfarkt, Bluthochdruck oder Herzschwäche, wie die Deutsche Herzstiftung mitteilt.

Nicht zu empfehlen ist, aus Spargründen die Temperaturen in der eigenen Wohnung zu weit abzusenken. So empfiehlt das Umweltbundesamt (UBA) für den Wohnbereich 20 Grad, für die Küche 18 Grad und für das Schlafzimmer 17 Grad und fügt hinzu: „Entscheidend ist in allen Fällen die individuelle Behaglichkeitstemperatur.“ Bei Abwesenheit könne die Temperatur weiter abgesenkt werden. Allerdings nicht zu weit. Denn das birgt andere Gefahren. Unter anderem die der Schimmelbildung.

Zu große Temperaturunterschiede zwischen Räumen fördern Schimmel

Grund für Schimmelbildung ist Feuchtigkeit in den Räumen – vom Kochen, Duschen und auch durch die Körperverdunstung, die nachts bis zu 1,5 Liter betragen kann. Diese Feuchtigkeit schlägt sich an Außenwänden, Fenstern, in zugigen Ecken und tiefen Fensternischen (Kältebrücken) nieder. Schimmel entsteht. Und der wiederum kann krank machen. „Besonders gesundheitlich vorbelastete und immungeschwächte Menschen sollten Räume mit Schimmel meiden“, heißt es auf der Seite der Verbraucherzentrale. Eingeatmete Sporen und Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen können allergische Reaktionen, Asthma-Anfälle, Übelkeit, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme und Migräne auslösen und bestehende Erkrankungen verstärken.

Die Luftfeuchtigkeit in den Räumen sollte deshalb idealerweise 40 bis 50 Prozent betragen, sagen die Experten. Bei mehr als 60 Prozent werde es problematisch. Man sollte es mit einem Hygrometer messen. Durch regelmäßiges Lüften –vor allem im Winter – sollte die Feuchtigkeit gesenkt werden. Zugleich sollte vermieden werden, dass zu große Temperaturunterschiede zwischen einzelnen Räumen einer Wohnung herrschen. Experten befürchten nun, dass Bewohner im kommenden Winter wegen der steigenden Gaspreise einzelne Räume völlig auskühlen lassen. Generell rät die Verbraucherzentrale: „Beheizen Sie alle Wohn- und Schlafräume in der Heizperiode auf mindestens 16 Grad.“ (mit dpa)