Berlin/MailandWoher kam das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 – und wann sprang es auf den Menschen über? Diese Frage ist im alltäglichen Kampf gegen die Pandemie etwas in den Hintergrund gerückt. Eine Studie zeigt nun, dass sich das Virus im vergangenen Jahr womöglich schon viel früher außerhalb von China verbreitet hat als bisher angenommen. Darauf deutet zumindest eine Untersuchung von Forschern des Instituts für Tumorerkrankungen in Mailand hin. Das Team um Giovanni Apolone entdeckte in Blutproben seit Herbst 2019 Antikörper, die auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 schließen lassen.

Die italienischen Mediziner haben Blutproben von knapp 1000 Patienten untersucht, die zwischen September 2019 und März 2020 an einem Vorsorge-Programm für Lungenkrebs teilnahmen. Wie sie im Fachmagazin Tumori berichten, fanden sich in dem gesamten Kollektiv bei 11,6 Prozent Antikörper gegen Sars-CoV-2, die von einer Auseinandersetzung mit dem Virus deutlich vor Februar 2020 zeugen. Der erste offizielle Nachweis von Covid-19 in Italien erfolgte Mitte Februar.

Auch im Abwasser entdeckt

Bei mindestens vier der Patienten stammen die Nachweise aus einer so früh genommenen Blutprobe, dass der Kontakt mit dem Virus bereits im September 2019 erfolgt sein muss, erläuterte Apolone gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Anhand dieser Befunde müsse die Geschichte der Corona-Pandemie womöglich umgeschrieben werden, heißt es in der Publikation. Bevor das geschieht, sind allerdings weitere derartige Befunde notwendig. Und es muss eindeutig geklärt sein, ob die untersuchten Antikörper sich für einen spezifischen Nachweis eignen.

Nichtsdestotrotz ist es plausibel, dass Sars-CoV-2 schon viel länger kursierte. So weisen zum Beispiel Abwasser-Untersuchungen darauf hin, dass das Virus zumindest schon im Dezember 2019 in Mailand und Turin kursierte. 

Experten gehen davon aus, dass frühe Varianten von Sars-CoV-2 auch in China schon länger im Umlauf waren. Schon im Mai hatte der der Gießener Virologe Friedemann Weber in einem Faktencheck der Berliner Zeitung zum Ursprung des Virus diese Vermutung geäußert. Er hatte das damit begründet, dass Zoonosen, also das Überspringen eines Krankheitserregers vom Tier auf den Menschen, meist kein einmaliges Ereignis sind. Die Viren bräuchten in der Regel mehrere Anläufe, bis sie durch zufällige genetische Veränderungen derart ausgestattet sind, dass sie den Artensprung schaffen.

„Diese vorangegangenen Versuche könnte man sogar nachweisen, indem man Blutproben von Einwohnern aus der Region um Wuhan untersucht, die in der Zeit vor der Pandemie gewonnen wurden. Auf diese Weise könnte man Antikörper gegen diese frühen Varianten von Sars-CoV-2 finden“, erläuterte Weber. China scheint sich jedoch gegen solche Untersuchungen zu sperren. Wenn sich die Befunde aus Italien erhärten, gibt es einen Grund mehr, der Sache nachzugehen.

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