Es ist acht Uhr abends, als Olfert Landt schließlich Zeit für ein Interview hat. Der Berliner Biochemiker ist ein gefragter Mann dieser Tage. Seine Firma Tib Molbiol hat Mitte Januar einen Test entwickelt, mit dem sich Coronaviren nachweisen lassen. Seither hat er Millionen Tests in alle Welt verkauft. Nun aber kommt der kleine Betrieb an seine Grenzen.

Sie haben eine kleine Firma mit 30 Mitarbeitern. Wie kommen Sie zurecht mit der hohen Nachfrage?

Im Moment haben wir das Klopapier-Problem, also dass Labors, Länder, Regierungen, alle bei uns bestellen. Wenn wir dann nachfragen, kommt heraus, dass die für die nächsten zwei Monate bestellen wollen. Das sind Panikkäufe, Hamsterkäufe. Und dafür ist unsere Firma definitiv zu klein. Dann kommen in eine Situation, wo wir nicht mehr liefern können, es sei denn wir reduzieren die großen Bestellungen, bei denen Kunden 1000 Stück auf einmal haben wollen.

Haben Sie in Folge der Coronakrise zusätzlich logistische Probleme?

Meine Frau, zuständig für Finanzen, Qualitätsmanagement und strategischen Einfkauf, hat frühzeitig bestellt und Produkte reserviert. Eigentlich hätte das reichen sollen. Wir haben ein anderes Problem: Von unserem Vater Staat hat sich bei uns noch keiner bei uns gemeldet, weder jemand vom Senat, noch von der Regierung oder den Ministerien, wir sind für die nicht existent: Wir werden offenbar nicht als systemrelevant eingeschätzt.

Wie wirkt sich das konkret aus?

Wir kriegen jetzt von einer Firma nichts mehr geliefert, weil wir nicht als systemrelevant eingestuft sind. Also müssen wir jetzt jemanden suchen im Senat, einen Zuständigen, der uns so ein Papier ausstellen kann. Sonst können wir nur noch fünf Tage produzieren, dann müssen wir einstellen, weil wir unsere Gefäße nicht mehr zuschrauben können. Wir haben keine Deckel mehr.

Das heißt, die Bestellungen, die sich bei Ihnen stapeln, können Sie dann nicht mehr bedienen….

… es sei denn, jemand kommt auf den nahe liegenden Gedanken, dass wir relevant sind. Wir hatten schon dasselbe Theater mit Kindergartenplätzen. Die Kindergärten haben gesagt: Solange es einen zweiten Erziehungsberechtigten gibt, der nicht in einem systemrelevanten Bereich ist, gibt es keinen Kindergartenplatz. Es ist ja immer die Frau, die die Kinder nimmt, dummerweise.

Das wesentliche Problem ist, die Tests in die Gefäße zu bekommen, zuzuschrauben und zu verpacken. Von der Chemie her ist das alles zu bewältigen.

Sie haben dann Hilfe von der Eventagentur gegenüber bekommen.

Das ist eine ganz großartige Hilfe. Der Geschäftsführer hat gesagt, er kann seinen Leuten keine Arbeit mehr geben, weil er keine Aufträge mehr hat. Die nehmen uns jetzt ganz viel ab. Alleine hätten wir das nicht geschafft.

Wie wird bei Ihnen konkret gearbeitet? Rund um die Uhr?

Ne, wir sind ungefähr bei den Arbeitszeiten. Der Erste kommt um sieben, der letzte geht um Mitternacht. Das wesentliche Problem ist, die Tests in die Gefäße zu bekommen, zuzuschrauben und zu verpacken. Von der Chemie her ist das alles zu bewältigen, also von den Rohstoffen her.

Sie haben in anderen Interviews gesagt, man könne die Tests sehr günstig anbieten, die Materialkosten lägen bei fünf Euro.

Das habe ich schon häufig beantwortet: Ja, ich behaupte, dass man einen kompletten Test für zehn Euro machen kann – einschließlich der Auswertung.

Wieso geht das so billig?

Die Laborarztbetriebe bekommen zur Vergütung für Influenza- oder Norovirus-Tests 20 Euro. Dieser Test ist vergleichbar. Bei Coronavirus haben wir ja viele Proben zu bewältigen, also hohen Durchsatz. Das heißt, man kann effizienter arbeiten. Wenn man eine Buslinie betreibt und immer nur drei Leute fahren, sind die Kosten pro Person relativ hoch. Und wenn man alle Busse vollmachen kann, ist es günstiger – und das ist hier genauso. Man kann 94 Patienten in einem Schuss abarbeiten.

Wenn man so einen Test selbst zahlen muss, muss man 150 bis 200 Euro zahlen. Wieso?

Es gibt Vergütungsziffern, die sind unterschiedlich für Kassen- und für Privatpatienten. Im Landesuntersuchungsamt werden die ganzen Abstriche gesammelt, untersucht oder in ein Labor gebracht, dann kommen da 400 Proben an. Wenn Sie selber aber selbst einen Test machen wollen, vereinbaren Sie einen Termin zur Abnahme, damit verursacht man als Privatpatient mehr Aufwand, das bedeutet, dass es teurer wird. Dann können solche Preise herauskommen. Das ist nicht unüblich.

Ich bekomme ganz viele Anrufe, auch von Privatpersonen, also wir sind nebenbei auch Corona-Hotline.

Ihre Firma hat zuletzt viel von sich reden gemacht. Trump hat über Sie getwittert, Bloomberg hat über Sie berichtet…

… CNN, Washington Post. Jaja.

Vorher waren Sie ein eher unbekannter mittelständischer Betrieb. Wie ist das für Sie?

Eher lästig, weil ich ganz viele Anrufe bekomme, auch von Privatpersonen, also wir sind nebenbei auch Corona-Hotline. Es gibt auch viele Botschafter, die anrufen und bestellen wollen. Oft wissen sie aber nicht, dass sie auch noch andere Sachen brauchen. Manchmal sind die Länder gar nicht ausgestattet mit der nötigen Labortechnik.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Also, wir hatten gestern Fuerteventura. Da hat uns der Präsident kontaktiert und gesagt, er braucht unbedingt Tests, und er müsse die letzte Maschine nehmen. Eurowings, heute Morgen um 6:50 Uhr, ab Düsseldorf. Dann habe ich einen unserer Kunden in Düsseldorf angerufen und gebeten, uns zehn Kits, das reicht für 1000 Analysen, 'auszuleihen'. Die wurden mit einem Taxi zum Flughafen gebracht, heute Mittag sind diese Kits auf Fuerteventura angekommen. Dann habe ich dem Präsidenten berichtet, welche Labors auf Gran Canaria oder Teneriffa diese Analysen überhaupt machen könnten.

Wie war das ganz zu Anfang der Corona-Pandemie? Wie sind Sie vorgegangen?

Der Test, das Design, die Entwicklung, stammt aus der Charité. Wir haben das nur sofort umgesetzt in ein Kit-Format. Und wenn man dieses Virus nicht hat, das gab es ja anfangs nur in Wuhan, können wir ein synthetisches Gen herstellen, um das Virusgenom zu simulieren. Das haben wir ganz schnell gemacht.

Wie schwer war das?

Das ist ganz normales Handwerkszeug für jeden Molekularbiologen.

Wieso war Ihr Unternehmen so schnell? Waren Sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Das gehört dazu. Wir haben aber auch Spaß daran. Wenn man immer dasselbe macht, jahrein jahraus, dann ist es schon ein Kick, wenn man schnell eine Lösung finden muss.

Wo wurden Ihre ersten Tests eingesetzt?

Wir haben die Tests im Januar nach Taiwan und Hongkong geschickt. Die waren schon auf dem Weg, und wir haben die Zeit genutzt, die zwei oder drei Tage Transportzeit, um zu verifizieren, dass das, was wir hergestellt haben, überhaupt funktioniert. Zur Not hätten wir immer noch sagen können: Diese sechs Röhrchen, die sind aus Versehen reingefallen ins Paket – werft die weg. Es hat aber gut funktioniert.

Und dieser Test, der kopiert ja die RNA des Virus, bis man es nachweisen kann. Richtig?

Das ist richtig. Wir vermehren ein ganz kurzes Gensegment und haben gleichzeitig eine Sonde in der Reaktion. Und wenn die leuchtet, dann wissen wir, dass dieses Genstück enthalten war.

Jetzt ist das ja sehr schnell auf den Markt gekommen. Gab es überhaupt Validierungsstudie dazu?

Natürlich. Die Assays sind am 23. Januar in der Zeitschrift Eurosurveillance von Corman et al., publiziert worden - mit Validierungsdaten, die in Berlin, Rotterdam, London und Hong Kong erhoben wurden. Wir haben bei uns weitere Daten gesammelt, zum Beispiel zur Wiederholbarkeit.

Wir hatten das schon mal 2009, 2010, mit der Schweinegrippe, da haben wir den Umsatz verdoppelt, und sind dann  wieder auf die alten Zahlen gefallen. Das ist normal, als ob man ein Saisongeschäft hat.

Aber man muss auch sagen: Sie waren an der Forschung beteiligt, und jetzt machen Sie mit den Tests sehr gute Geschäfte. Die Wissenschaft sollte aber unabhängig sein. Ist das ein Interessenkonflikt?

Es ist durchaus vernünftig, dass man bestimmte Dinge in die Hand von Firmen gibt – die haben eine finanzielle Motivation, auch eine Leistung zu erbringen. Das macht ja der Medikamentenhersteller auch. Das Medikament ist ja erstmal gut, weil es Leute heilt, das Pharmaunternehmen verdient damit Geld. Das ist die ganz normale Konstellation, und das finde ich auch überhaupt nicht anstößig.

Man liest aber in den Medien immer wieder Berichte von unzuverlässigen Testergebnissen…

Es gibt Schnelltests, das sind immunologische Tests, da ist eine Sensitivität von 80 Prozent nicht unüblich. Das würde bedeuten, dass man jeden fünften Infizierten nicht findet. Auch die Spezifität ist relativ schlecht, ich habe einen gesehen mit einer Spezifität von 96. Das heißt: Wenn Sie ein Hundert negative Leute testen, wären vier positiv. Die würden Sie in Quarantäne schicken, obwohl sie nichts haben. Das sind typische Zahlen für Schnelltest, dafür sind die billig. Für den Zweck sind sie aber nicht günstig.

Wie genau sind denn Ihre Tests?

Für den Laien: Es gibt einmal die analytische Sensitivität, die bemisst, wie wenig Viren wir nachweisen können. Da sind wir bei fünf Virengenome pro Reaktion, das ist wenig. Jemand, der infiziert ist, hat Millionen. Dann gibt es die diagnostische Sensitivität und Spezifität, da geht es um die Frage: Wie viele von ein Hundert Infizierten man finden würde, oder wie viele falsch positive Ergebnisse gibt es für hundert Gesunde. Das muss man in einer klinischen Studie prüfen, auch in einer simulierten, und da liegen wir weit über 99 Prozent, sowohl für Spezifität als auch Sensitivität.

Wie bewerten Sie die Testpraxis in Deutschland? In den Medien hört man immer wieder von Leuten, die Symptome zeigen, aber keine Tests bewilligt kriegen.

Ich kann die Sachlage nicht beurteilen. Wir haben allein von deutschen Labors Aufträge für 750.000 Screening Tests und weitere 150.000 sonstige Tests auf Coronavirus bekommen – ich gehe davon aus dass in Deutschland über eine Million Tests gemacht worden sind. Gut 40.000 waren positiv. Das wären vier Prozent aller getesteten Personen.

Wie wird sich Ihr Unternehmen verändern durch die Coronapandemie? Haben Sie eine Strategie?

Ich habe noch nie eine Strategie gehabt. Wir hatten das schon mal 2009, 2010, mit der Schweinegrippe, da haben wir ein Jahr lang unseren Umsatz verdoppelt, und sind dann hinterher wieder auf die alten Zahlen gefallen. Das ist ganz normal, als ob man ein Saisongeschäft hat.

Wie viel Schlaf kriegen Sie pro Nacht im Moment?

Ich versuche normal zu schlafen. Denn wenn man die Menge an Schlaf stark reduziert, leidet das Immunsystem, das ist aktuell nicht so günstig. Man muss akzeptieren: Wenn man mehr Arbeit hat, als man schaffen kann, muss man damit leben, dass man etwas nicht erledigt kriegt. Das Dumme ist, dass dieser Berg immer größer wird.

Zur Person

Olfert Landt, 54 Jahre, ist Gründer und Geschäftsführer der Firma Tib Molbiol in Berlin-Tempelhof. Das Unternehmen gibt es seit 30 Jahren, es stellt Test-Kits für Labore her. Seit Anfang dieses Jahres hat Landt mehrere Millionen Corona-Tests in alle Welt geliefert.