Berlin - Neuer Stoff für Debatten rund um Corona: In den sozialen Medien wird unter den Hashtags #DiviGate, #DiviGateGate und #WeltGate schon seit Tagen unermüdlich über das Welt-Interview mit Matthias Schrappe diskutiert. Es beruht auf dem Thesenpapier „zur intensivmedizinischen Versorgung in der Sars-2/Covid-19-Epidemie“ einer Gruppe von Expertinnen und Experten rund um den Gesundheitsökonom Schrappe, die seit Anfang der Corona-Krise mehrere Ad-hoc-Stellungnahmen zur Pandemie veröffentlicht haben. In dem „brisanten Papier“, so die Welt, wirft die Gruppe Intensivmedizinerinnen und -medizinern Panikmache vor.

Seit Beginn der Epidemie habe es von politischer Seite, aber auch von Fachverbänden, laute Warnungen vor einer Überlastung der Intensivstationen und vor einer „Triage“ zur intensivmedizinischen Versorgung gegeben, heißt es im Papier. „Implizit wurde damit gedroht, man müsse Patienten ‚ersticken lassen‘“, schreiben Schrappe et al. Diese angstbasierte Kampagne habe bei der Durchsetzung der Pandemie-Maßnahmen eine entscheidende Rolle gespielt. „Hinsichtlich ihrer Faktenbasierung lassen sich diese Äußerungen jedoch nicht nachprüfen, zumindest steht der Dramatik der Aussagen ein deutlicher Mangel an verwertbaren Daten gegenüber.“

Was sich ziemlich schnell herausgestellt hat: Der Mangel an verwertbaren Daten liegt Schrappes Positionspapier selbst zugrunde, das durchzogen ist von groben statistischen Fehlern, falschen oder nicht belegten Thesen. Karl Lauterbach spricht von Legenden, die gebildet werden, darüber dass Covid-19-Infizierte aus Geldgier intensivmedizinisch versorgt worden seien. Man habe Daten manipuliert, um Druck auf Politik zu machen, so die Kritiker. „Das ist unwürdig. 85.000 Menschen sind tot, zu viele. Ohne aufopfernde Leistung der Kliniken wären es noch mehr“, äußerte sich Lauterbach dazu.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V. (Divi), der Marburger Bund Bundesverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft e.V. (DKG) haben die „irreführenden Vorwürfe vom Spiel mit der Angst, der Manipulationen offizieller Statistiken und sogar die Unterstellung, rein aus finanziellem Interesse Patienten intensivmedizinisch zu behandeln“ in einer Pressemitteilung bereits zurückgewiesen. Und die Welt hat seither selbst die Kritikpunkte zum Schrappe-Interview analysiert.

Das sind die zentralen Vorwürfe, die von mehreren Medien und Faktencheckern, wie etwa dem Anti-Fake-News-Blog Volksverpetzer, im Detail entkräftet worden sind.


Zahl der Corona-Patienten in der ersten und zweiten Pandemie-Welle

Im Papier heißt es unter anderem, dass während der ersten Welle der Pandemie 2020 etwa 3000 Menschen intensivmedizinisch wegen Covid-19 behandelt werden mussten, in der zweiten Welle dagegen rund 6000. Das ist falsch. So viele Patientinnen und Patienten wurden gleichzeitig behandelt, die Zahlen stellen also jeweils einen Belegungshöhepunkt dar, aber auch davor und danach gab es Neuzugänge und Abgänge, wie der Volksverpetzter schreibt. Die Grafiken von Divi und dem RKI wurden also von den Machern des Thesenpapiers nicht verstanden. „Das Thesenpapier verwechselt auch wieder die Rekordwerte eines einzigen Tages und lässt sie wie eine Gesamtzahl aussehen, was die zweite und die dritte Welle betrifft“, so der Volksverpetzer. Tobias Wilken, ein Autor dieser Plattform, teilte auf Twitter mit, dass im Kalenderjahr 2020 stattdessen insgesamt 35.661 Patientinnen und Patienten intensivmedizinisch versorgt werden mussten.

Das Positionspapier wurde in der Zwischenzeit aktualisiert. In der neuen Fassung heißt es richtig, dass in den Wellen 3000 beziehungsweise 6000 Patienten „pro Tag“ behandelt wurden.


Wo sind die 3000 Betten geblieben?

Im Interview mit der Welt sagt Schrappe: „Wir haben die Zahlen seit Sommer regelmäßig dokumentiert. Wenn wir diese Daten mit den heutigen Zahlen im Divi-Archiv vergleichen, sind da plötzlich nicht mehr in der Spitze knapp 34.000 Betten gemeldet, sondern nur noch rund 30.000. Man hat rückwirkend systematisch eingegriffen, sodass überall 3000 Betten weniger verzeichnet sind.“ Das sei anrüchig, so Schrappe, weil diese Zahlen politische Konsequenzen gehabt hätten.

Im Positionspapier heißt es, dass die Diskrepanz, also die 3000 Betten, nicht mit einer veränderten Dokumentationsweise zu erklären sei. „Entweder ist in der Vergangenheit aus noch zu klärenden Gründen falsch gezählt worden, oder es hat eine nachträgliche ‚Korrektur‘ der Zahlen gegeben, die ebenfalls erklärungsbedürftig wäre (natürlich ist theoretisch auch ein gezielter Bettenabbau möglich).“

Die Erklärung dazu lautet: Seit dem 4. März erfasst das Divi-Intensivregister Betten der Kinderintensivstation nicht mehr. Diese spielten für die Versorgung von Covid-19-Patienten keine Rolle, heißt es in der Mitteilung der Divi. Auf die Veränderung der Darstellung reiner Erwachsenenbetten sei in sämtlichen Statistiken auch explizit hingewiesen worden. Im Divi-Tagesreport vom 4.3.2021 steht die Erklärung der Änderung, unter anderem eben auch, dass in eckigen Klammern weiterhin über die Summe der Kinderkapazitäten berichtet werde – es handelt sich um insgesamt etwa 3000 Betten, wie man der Tabelle entnehmen kann. Eine von Divi transparent dokumentierte Änderung wird also von Schrappe und seinen Kollegen zu „gezieltem Bettenabbau“ oder „systematischer“ Manipulation umgedeutet.


Deutschland: So viele Corona-Intensivpatienten wie in keinem anderen Land

Im Papier ist außerdem von einer Sonderstellung Deutschlands die Rede: „In keinem Land werden im Vergleich zur Melderate so viel Infizierte intensivmedizinisch behandelt, und in keinem Land werden so viel hospitalisierte Infizierte auf Intensivstation behandelt.“ Damit wird nach Aussage der Verbände unterstellt, Patientinnen und Patienten seien ohne Not und aus rein finanziellem Interesse auf Intensivstationen verlegt worden. Das sei ein „Schlag ins Gesicht“ der Belegschaft in den Krankenhäusern. „Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte haben in den vergangenen Monaten unter höchster Belastung große Leistungen vollbracht und viele Leben gerettet“, heißt es weiter.

Der Spiegel hat sich die Tabelle zu den hospitalisierten Corona-Patientinnen und Patienten angeschaut und schreibt, dass es in der ersten Version des Positionspapiers (nicht aktualisierte Form) zwei Zahlen für Deutschland gab: Für einen Tag im März 44 Prozent und für einen Tag im April 58 Prozent. Die Autoren würden sich damit in ihrem eigenen Papier widersprechen.

Die Gruppe habe nicht ordentlich gerechnet: „Sie hat nämlich nicht beachtet, dass Patienten nicht nur an einem Tag in ein Krankenhaus eingewiesen werden und es dann umgehend wieder verlassen, sondern durchaus einige Tage dort verbringen können“, schreiben die Spiegel-Autorinnen.

In der korrigierten Fassung steht nun, dass 31 beziehungsweise 41 Prozent der Krankenhauspatienten auf der Intensivstation behandelt wurden. Und damit liegen die Zahlen nicht mehr so weit weg in Relation zu den anderen europäischen Ländern, wie Malte Kreutzfeldt von der taz twittert.

Für Verwirrung sorgt außerdem die Aussage von Schrappe im Welt-Interview: „Ende April 2021 wurden 61 Prozent der Covid-Patienten in Krankenhäusern auf Intensivstationen behandelt. In der Schweiz waren es nur 25 Prozent, in Italien elf Prozent.“ Und weiter: „Erkranken Bundesbürger schwerer als die übrigen Menschen in Europa? Oder könnte es sein, dass manche Krankenhäuser sich in Erlösmaximierung versuchen?“

Woher die 61 kommt, die auch im Original-Papier zu finden war, ist nicht nachvollziehbar. Der Volksverpetzer schreibt dazu: „Wir vermuten, dass er hier irgendwie mit den Zahlen der ECDC (Europäisches Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, Anm. d. Red.) für neu Hospitalisierte rechnet, können aber seine genannte Zahl schlicht nicht nachvollziehen.“ Schrappe vergleiche die systematisch erfasste Zahl der täglichen Auslastung der Intensivbetten mit extrem lückenhaften Daten wöchentlicher Neuaufnahmen von Patientinnen und Patienten.

Der Gesundheitsexperte der Grünen-Fraktion, Janosch Dahmen, fügt ergänzend an, dass es sich bei dem gescheiterten Ländervergleich um Äpfel und Birnen handele. „In anderen Ländern werden vergleichbare Behandlungen auf Normalstationen durchgeführt, die haben aber andere personelle/technische Ausstattung.“


18.500 zusätzliche Pflegekräfte in den deutschen Krankenhäusern

Die Gruppe um Schrappe zog außerdem als Parameter für die Belastung der Intensivstationen die Personaldecke heran. Die Autoren verweisen auf „eine deutliche Zunahme von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten“. Tatsächlich wurden in Kliniken hierzulande 18.500 Beschäftigte eingestellt, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) in einer Sonderauswertung festgehalten hat. Wie viele davon auf Intensivstationen und wie viele als Rettungssanitäter oder Hebammen arbeiten, geht aus den Zahlen nicht hervor. Pflegekräfte auf Intensivstationen durchlaufen eine dreijährige Zusatzausbildung, sind hochqualifiziert. Eine Antwort der Bundesregierung Ende vergangenen Jahres auf eine Anfrage der Grünen geht von insgesamt 25.000 vollausgebildeten Kräften auf knapp 28.000 Betten aus.

Der Zahl der Einstellungen müssten zudem die Abgänge gegenübergestellt werden. Die Bundestagsfraktion der Partei Die Linke beruft sich auf die BA, der zufolge im vergangenen Jahr rund 9000 Pflegefachkräfte den Beruf verlassen haben, wobei nicht nach Renteneintritt oder Aufgabe differenziert wurde. Besonders stark sei der Exodus in den Krankenhäusern gewesen. Das Minus in der ersten Hochphase der Corona-Krise lag bei rund 5000. Intensivpflegekräfte sind auch hier nicht gesondert berücksichtigt.

Eine wichtige Rolle bei der Bewertung des Personalmangels spielt zudem die Frage, wie viele Pflegekräfte in Vollzeit und wie viele in Teilzeit arbeiten. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten in Krankenhäusern ist hoch. Sie lag 2019, also bereits vor der Pandemie, bei mehr als 40 Prozent.

Zu berücksichtigen ist außerdem der hohe Krankenstand in Pflegeberufen. Laut Angaben der Barmer von 2020 sind Pflegekräfte deutlich häufiger krank als Berufstätige in den meisten anderen Branchen. Die Pandemie habe die Situation zusätzlich verschärft, lautete das Fazit der Krankenkasse. Fazit einer Personalrätin und Intensivpflegekraft der Berliner Charité: „Die Finanzierung ist derart knapp bemessen, die Personaldecke so dünn, dass das System zusammenbricht, wenn jemand krank wird.“


Anreize für Manipulationen?

Dem Bundesgesundheitsministerium liegen laut der dpa nach eigener Aussage hinsichtlich der Intensivbetten-Zahlen keine Anhaltspunkte für eine nachträgliche Manipulation vor. Es sei auch nicht erkennbar, welche Anreize für derartige Manipulationen bestanden haben sollten. Die Thesen Schrappes seien „zum großen Teil nicht durch Fakten unterlegt, sondern basieren auf Annahmen und Unterstellungen“, heißt es vom Ministerium. Nach Angaben des Magazins Medieninsider brachten das Interview mit Matthias Schrappe und der dazu passende Kommentar „Immer schön bei der Wahrheit bleiben!“ dem Online-Auftritt der Welt einen Rekord bei den Abo-Abschlüssen ein.