„Ganz Berlin hustet“: Stellte ein Arzt Hunderten Schülern falsche Atteste aus?

Ein 73 Jahre alter Arzt muss sich wegen fälschlich ausgestellter Krankschreibungen vor Gericht verantworten. Er sagt, er habe immer ordnungsgemäß untersucht.

Wirklich krank? Angeklagter Berliner Arzt streitet Vorwürfe ab
Wirklich krank? Angeklagter Berliner Arzt streitet Vorwürfe abImago/Panthermedia

Mit vermeintlichen Kopfschmerzen oder Ähnlichem in das Behandlungszimmer gehen und innerhalb einer Minute den Raum mit einem Attest wieder verlassen, bei einem bestimmten Berliner Arzt soll das sehr zuverlässig funktioniert haben. Ein 73-Jähriger musste sich deshalb heute Vormittag vor dem Amtsgericht Tiergarten verantworten.

Um 9.15 Uhr liest die Staatsanwältin die Anklageschrift aus dem Jahr 2017 vor. Das nimmt einige Minuten in Anspruch, der Angeklagte sitzt ruhig da. Dem Allgemeinmediziner wird vorgeworfen, im Zeitraum zwischen 2014 und 2016 in 176 Fällen „wissentlich unrichtige Zeugnisse über den Gesundheitszustand seiner Patienten ausgestellt zu haben“. Er soll Atteste ausgestellt haben, ohne zuvor Untersuchungen durchgeführt zu haben. Nach § 278 Strafgesetzbuch könnte der Angeklagte mit einer Geldstrafe oder einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren belangt werden.

Zunutze machten sich die falschen Krankschreibungen vorrangig Schüler und Auszubildende, die schnell an eine Entschuldigung gelangen wollten. Mehrere Zeugen berichten, dass sie die Praxis von R. aufsuchten, „weil es dort immer so schnell gegangen sei“. Jeder der acht anwesenden Zeugen bekam diese Frage gestellt: „Waren Sie denn wirklich immer krank, wenn Sie Herrn Dr. R. aufsuchten?“ Einige sagten aus, dass dort häufig eine ganze Schlange von Schülern gewartet hat, um ihr Attest abzuholen, ohne sich vorher untersuchen lassen zu müssen.

Andere Zeugen, unter ihnen ein Justizvollzugsbeamter, wirkten eher verängstigt, selbst noch wegen der bereits verjährten Sache belangt zu werden. Der heute 24-Jährige konnte sich aufgrund des langen Zeitraums bis hin zur Verhandlung nicht mehr an Details erinnern, woraufhin ihn die Staatsanwältin auf seine Pflicht die Wahrheit zu sagen, verwies.

Vorwürfe in 176 Fällen, meist sind Schüler betroffen

Ins Rollen kam der Fall wohl, nachdem sich die Mutter einer Patientin über die Häufigkeit der Krankheitstage und der damit einhergehenden Atteste ihrer Tochter wunderte. Daraufhin wurden nach und nach weitere Fälle dieser Art bekannt. Warum die Verhandlung erst jetzt geführt wird, blieb unklar.

Als der Angeklagte zu Wort kommt, streitet er aufbrausend alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe ab. Er beteuert, alle Untersuchungen ordnungsgemäß durchgeführt zu haben. „Ganz Berlin hustet und schnupft, da kann die Untersuchung schon mal etwas kürzer ausfallen“, so R. Der Mediziner sagt aus, dass die Untersuchungen bei Jugendlichen ohnehin kürzer sein würden als bei älteren Patienten, da hier meist keine Vorerkrankungen vorliegen.

Angeklagter streitet Vorwürfe ab: „Ganz Berlin hustet“

Der Allgemeinmediziner hat zusätzlich eine Weiterbildung als Psychotherapeut vorzuweisen, weshalb auch Patienten mit nicht physischen Erkrankungen zu ihm gekommen seien. „Da untersucht man dann natürlich nicht mit Stethoskop“, erklärt R.

Nach rund vier Stunden der Zeugenanhörung wurde auf den 12. Oktober vertagt. Der Vorsitzende Richter sagt, dass man beim nächsten Termin zu einem Abschluss der Verhandlung kommen wolle.