Viele Wildpflanzen können auch wir Menschen essen, allen voran den Giersch
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Zwischen dichtem Thymian ragen frech einzelne Grashalme empor, die sorgsam gezogenen Sommerblumen werden von kräftigem Schöllkraut erdrückt, und die Ackerwinde würgt den jungen Apfelbaum. Jetzt, in der Hauptwachstumszeit, ist das Unkraut überall. Es keimt von allein, wächst schneller als das, was wachsen soll, raubt ihm Nährstoffe, Wasser und Licht. Entnervt kämpfen Gärtner dagegen an, mit bloßen Händen, Hacke, Flammenwerfer und Gift.

Wer seinen Garten liebt, wird auf Letzteres verzichten, denn jedes Herbizid (auch Hausmittel wie Essig und Salz) stört das biologische Gleichgewicht, schadet Mikroorganismen im Boden, Insekten und benachbarten Pflanzen. Wer denkt, zumindest das Grün in Fugen und Ritzen könne schnell weggespritzt werden, irrt: Denn Gift auf versiegelten Flächen wie Terrasse, Einfahrt oder Gehweg ist verboten. Da hilft nur ein Fugenkratzer oder ein Abflammgerät. Oder die Ansiedlung flacher Polsterpflanzen wie Sternmoos, Thymian oder Römische Kamille in den Ritzen, dann ist dort kein Platz für Quecke und Löwenzahn.

Vorsorge statt Nachsorge mit einer Gartenkralle

Die eleganteste Methode der Unkrautbekämpfung ist ohnehin die Prophylaxe. Wo der Boden sichtbar ist, sollten wir pflanzen oder säen, sonst tut die Flora es selbst. Offene Flächen sind in der Natur nicht vorgesehen. Viele Stauden, etwa Storchschnabel, Frauenmantel, Kerzenknöterich oder Elfenblume können sich durchaus gegen Unkraut behaupten. Dicht genug gepflanzt halten sie selbst Giersch in Schach. Wo nichts wachsen soll, zum Beispiel zwischen jungem Gemüse, hilft eine Mulchschicht aus zerkleinertem Grünzeug. Ganz ohne Jäten wird es dennoch nicht gehen, selbst naturnahe Pflanzungen brauchen hin und wieder Unterstützung.

Das wichtigste Werkzeug ist eine Gartenkralle, noch besser ein kleiner Sauzahn, der hat nur einen einzigen Zinken und erlaubt filigrane Eingriffe im Beet. Zartere Unkräuter wie Vogelmiere, Franzosen- oder Klebkraut lassen sich mit ihm leicht entfernen. Für Löwenzahn, Disteln und andere Pfahlwurzler braucht es einen Wurzelausstecher oder eine schmale Schaufel, und bei zähen Kandidaten wie Giersch, Quecke und Brennnesseln muss man schon mal graben und das Übel an den langen, tief durch die Beete mäandernden Wurzelgeflechten packen.

Ist ein Beet völlig von ihnen durchzogen, kann es sinnvoll sein, alle Kulturpflanzen herauszunehmen, ihre Wurzeln von denen ihrer übergriffigen wilden Nachbarn zu befreien, gründlich umzugraben und wirklich jedes Wurzelfitzelchen aus dem Boden zu entfernen. Manche Gärtner legen auch Planen oder Pappen aus, töten das ungeliebte Kraut also durch Lichtentzug. Aber das dauert mindestens ein Gartenjahr, sieht sehr hässlich aus und widerstrebt den tiefsten Impulsen aller Gärtner, die ja viel lieber etwas wachsen lassen wollen.

Der Kampf gegen Unkraut ist eine Dauerarbeit

Auch nach gründlichster Unkrautentfernung heißt es dranbleiben, die unerwünschten Pflanzen kommen – übrigens auch nach Gifteinsatz – immer wieder. Ihre Samen schlummern zu Zigtausenden in der Erde, sobald die Umstände es erlauben, keimen sie. Also arbeitet man sich immer wieder durchs Beet. Auf den Knien oder in der Hocke, stundenlang. Jäten ist eine Beschäftigung, die sich durch nichts beschleunigen lässt, sie erfordert Fingerspitzengefühl und Geduld. Das kann sehr wohltuend, ja, meditativ sein, und es gehört zum Gärtnern einfach dazu.

Wer jätet, lernt seinen Garten und seine unerwünschten Bewohner gut kennen: die Blattformen des spitzen und des runden Wegerichs, die unscheinbare Grazie des Hirtentäschels, die winzigen orange-violetten Blüten des Gauchheils, die strahlend gelben des Hopfenklees, die blauen des Persischen Ehrenpreis. Tatsächlich sind viele Wildpflanzen sehr hübsch: Kornblume (ein ordinäres Ackerunkraut) und Wiesenglockenblume würde wohl niemand aus der Erde zerren. Nacht- und Königskerze erdrücken im Beet zwar alle kleineren Nachbarn – an den richtigen Platz verpflanzt sind sie aber mit ihren hohen, von Insekten umschwirrten Blütenständen imposante Hingucker. Der Kriechende Günsel, der gern ungeladen durch schattige Beete rankt, blüht so dekorativ, dass er als Bodendecker verkauft wird. Selbst der Angstgegner aller Hobbygärtner, der in filigranen weißen Dolden blühende Giersch, wurde von Gartendesignern zur Zierpflanze geadelt, allerdings nur mit Wurzelsperre drumherum oder in nicht ganz so invasiven, oft panaschierten Züchtungen.

Kompost oder Nahrungsmittel?

Auch der Trend zum insektenfreundlichen Garten hat das Image vieler Wildpflanzen verbessert. Der Natternkopf etwa, eine kräftige Pflanze, die gern auf Bahndämmen wächst, wird längst in gut sortierten Gärtnereien verkauft. Seine Samen finden sich außerdem in vielen Bienenweidesaaten wie auch Witwenblume, Lichtnelke, wilder Mohn und viele andere. Wer Schmetterlinge liebt, sieht auch Brennnesseln mit anderen Augen. Die Raupen von Admiral, Tagpfauenauge und Kleinem Fuchs fressen nichts anderes als ihre Blätter.

Viele Wildpflanzen können auch wir Menschen essen, allen voran den Giersch, den die Römer einst als Gemüse in Mitteleuropa einführten. Oder Löwenzahn, die enorm vitaminreichen Brennnesseln und Gundermann, auch wilde Petersilie genannt, der in keinem Wildsalat fehlen darf. Oder die merkwürdig unproportioniert wirkende Gänsedistel, die schon Plinius der Ältere als Heilpflanze empfahl.

Was nicht gegessen wird, kommt auf den Kompost, zumindest solange sich keine Samen entwickelt haben. Vorsicht ist auch bei den Wurzeln von Quecke, Giersch oder Brennnesseln geboten. Sie sind so vital, dass noch der kleinste Fetzen weiterwächst. Ein paar Wochen in einem Wassereimer verwandeln sie aber in nahrhaften, gut kompostierbaren Schleim.

Die Vorzüge des Unkrauts

Die Pionierin des giftfreien Gärtnerns, Marie-Luise Kreuter, hielt das schlechte Image des „Un“-Krauts ohnehin für ein Missverständnis. In ihrem Standardwerk „Der Biogarten“ weist sie nachdrücklich auf dessen ökologischen und sonstigen Vorzüge hin. Einer ist es, die Bodenbeschaffenheit anzuzeigen: Brennnesseln wachsen, wo viel Stickstoff in der Erde steckt, Vogelmiere signalisiert lockeren humusreichen Boden, Schachtelhalm und breiter Wegerich weisen auf eine problematische Verdichtung des Untergrunds. Das größte Problem aber ist, wenn all diese Pflanzen fehlen. Gabriella Pape von der Königlichen Gartenakademie in Berlin sagt es in einem ihrer Bücher so: „Wenn bei Ihnen gar kein Unkraut wächst, dann ist der Boden tot und ich würde einen Umzug empfehlen.“

Natürlich gibt es Gewächse, die einen an den Rand der Verzweiflung treiben. Die schnöde Quecke zum Beispiel: Einmal im Beet, verschwinden ihre Halme nie wieder ganz. Doch selbst dieses Süßgras wird in manchen Ländern mit großem Genuss verzehrt, seine Samen nähren Vögel und einst wurde in Deutschland aus seinen Wurzeln Bier gebraut. Das ist kein Grund, es wachsen zu lassen, aber doch ein Hinweis, dass keine Pflanze nur böse ist. Ein guter Gedanke, wenn Sie das nächste Mal jäten. Und das beste Mittel gegen Unkrautstress ist sowieso Gelassenheit.