Hausbesuche von Hebammen finden derzeit weniger statt. Der Hebammenberuf geht online. 
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BerlinDer älteste Beruf der Welt digitalisiert sich wie von selbst. Die digitale Hebamme wird Wirklichkeit. Das Virus, das die Welt den Atem anhalten lässt, fordert uns zu radikalem Umdenken auf.

Aber es ist nicht so neu, das Ding, mit der Digitalisierung. Kurse zur Vorbereitung und auch zur Rückbildung werden online angeboten. Ja, und auch Besuche, die nicht zwingend nötig sind, können am Bildschirm stattfinden. Auf einmal geht es nicht mehr um die Machbarkeit, sondern darum, wie ich es richtig mache. Ich werde gefragt, ob ich das nun nicht als Triumph empfinde, dass es nun doch die Hebammenzunft ins digitale Zeitalter geschafft hat? Nein, es ist kein Triumph für mich, und ich lehne mich nicht frohlockend zurück. Voller Staunen beobachte ich, wie auch die stärksten Gegner der Digitalisierung nun den Schritt wagen, wenn auch in einer eher erzwungenen Situation. Wie von Zauberhand einigen sich alle auf eine Abrechnungsmöglichkeit der Online-Angebote durch die Krankenkassen. Es wird für die Helden der Stunde in unseren Krankenhäusern Beifall geklatscht; dass der Betrag für eine Beratung per Video-Chat wieder weit unter dem Mindestlohn liegt –  davon erfährt niemand etwas.

Ganz nebenbei werden die Betreuungsobergrenzen ausgesetzt, denn unsere Helden müssen jetzt einiges mehr stemmen. Bei positiv getestetem Personal gilt die Quarantäne nur sieben Tage, dann müssen sie wieder an die Front. Die, die am ehesten in Berührung mit dem Virus kommen und als Risikogruppe benannt werden, werden am wenigsten geschützt. Überall fehlt es an Masken, Schutzkitteln und Desinfektionsmitteln. Ratlosigkeit im Kreißsaal, denn klare Richtlinien fehlen. Die Hebammen, die Hausbesuche machen, sind ratlos, und mit ihren Fragen lässt man sie allein.  Was ist mit den Pflegediensten, die von Haus zu Haus fahren? Wir sind nicht vorbereitet, denn offensichtlich haben wir uns so sicher gefühlt, und niemand hatte einen Plan für so eine Pandemie in der Schublade. Unser reiches und gut ausgestattetes Gesundheitssystem ist auf dem Prüfstand.

Die Nation ist im Homeoffice, und siehe da: Es geht. Es wird nicht mehr gefahren oder geflogen zu Meetings, die auch gut am Bildschirm abgehalten werden können. Die Büros sind leer, und es wird konzentriert digital miteinander gearbeitet. Viele meiner Freunde sind zu Hause und müssen auch in ihren Berufen umdenken, ihre Kommunikation verändern. Ihr berufliches Leben wird auf den Kopf gestellt. Die Apps, die Gruppenvideochats anbieten, müssen jetzt beweisen, was sie können. Das Schulsystem wird sich verändern müssen. Kleine Unternehmen erfinden neue Geschäftsmodelle, ohne einen Cent für einen Berater ausgeben zu müssen. Die Pizzeria nebenan bietet einen Teig-Abholservice an.

Die Betreuung der Kinder liegt nun in der Hand der Eltern, die sich das Homeoffice und die Betreuung teilen müssen. Rollenmodelle werden auch hier ins Wanken geraten. Die Familie gewinnt wieder an Bedeutung und steht trotz allem im Mittelpunkt der Krise. Der Buchladen um die Ecke bietet einen Lieferservice an, und die Lesung findet online statt. Die Einkaufszentren sind geschlossen, und in der unverhofften Freizeit kann man nicht einmal shoppen gehen.

Auf meinem Weg mit dem Fahrrad zum Dienst im Kreißsaal denke ich kurz: Brauchen wir all diese Läden? Wie wäre es für mich, wenn es sie nicht mehr gibt? Die Berliner Clubszene erfindet sich neu, und die DJs spielen ihre Musik in leeren Clubs, Konzerthäuser übertragen Sinfonien, und Museen bieten virtuelle Rundgänge an. Streamingdienste müssen Höchstleistung bieten, um die Zeit zu Hause erträglich zu machen. Gerade eben komme ich vom Dienst aus dem Kreißsaal zurück. Ein Baby wurde geboren und liegt nun warm und sicher in den Armen seiner Mutter in diesem Krankenhaus in Berlin. Weltweit werden heute ca. 350.000 Kinder geboren. Corona hin oder her, es wird weitergehen und der Beruf der Hebamme wird bleiben, auch wenn er sich verändern wird, so wie er sich immer verändert hat.