Die Kreißsäle sind derzeit oft auch einsame Orte. 
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BerlinDie Frau ruft um Hilfe, sie heult wie ein Tier. Wann kommt der Arzt endlich, ruft sie immer wieder. Die Laute aus dem Kreißsaal klingen verzweifelt. Die Geräusche einer Geburt sind immer laut und allzu menschlich, aber das hier ist anders. Mir zieht es den Magen zusammen. Meine Kollegin, die diese Frau im Kreißsaal betreut, hat Tränen in den Augen. Seit etwa einer Stunde warten wir auf den Arzt, der den Schmerzen mit einer Narkose Abhilfe verschaffen soll. Er ist auf der Intensivstation beschäftigt und es gibt niemanden, der an seiner Stelle kommen kann. Personalmangel in Zeiten von Corona.

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Der werdende Vater sitzt vor der Tür. Mit großer Wahrscheinlichkeit hört er die Rufe seiner Frau. Aber er kann nicht zu ihr: Wir sind in der Corona-Krise. Filmbilder von Männern vor Kreißsälen, die aufgeregt hin- und her laufen, kommen mir in den Sinn. Szenen aus einer anderen Zeit, in der die Anwesenheit der Väter undenkbar war. Ich kenne diese Zeiten noch und bin froh, dass nun jeder Vater selbst entscheiden kann, ob er bei der Geburt seines Kindes dabei sein will oder nicht.

Man kann sich nicht zusammenreißen

Ob es nun der werdende Vater ist oder jemand anderes, als Hebamme ist es mir wichtig, dass eine vertraute Person gerade dann für die Frau da ist. Denn für mich ist diese Person eine große Hilfe und Unterstützung. Ich habe im unterbesetzten Kreißsaal selten die Zeit, einer Gebärenden meine volle Aufmerksamkeit zu schenken und bin deshalb froh, die Frau in den liebevollen Händen des werdenden Vaters zu wissen. Die junge Assistenzärztin, die an diesem Tag da ist, hat derweil wenig Verständnis für unsere Gefühle, auch nicht für die Verzweiflung der Frau. Man kann sich auch mal ein bisschen zusammenreißen, oder?

Mich macht das wütend. Nein, man kann sich nicht zusammenreißen. Das muss diese Frau auch nicht, sie ist allein. Sie hat eine Hebamme an ihrer Seite – und die hat zum Glück in diesem Dienst nur eine Frau zu begleiten.

Unterschiedliche Regelungen

Natürlich können wir viel tun, bei der Frau sein und sie unterstützen, aber wir sind nicht der Mann, mit dem sie dieses Kind gezeugt hat. Seit neun Monaten haben sie sich als Paar auf diese Geburt vorbereitet, waren aufgeregt, unsicher und gespannt, wann sie ihr gemeinsames Baby in den Armen halten dürfen. In der Corona-Krise dürfen die Männer in dieser Klinik erst eine Stunde vor der Geburt des Kindes zu ihrer Frau. In manchen Kliniken ist es komplett verboten.

Ein anderes Krankenhaus setzt fest, dass der werdende Vater zwei Stunden nach der Geburt die Klinik verlassen muss. In drei Tagen, wenn seine Frau und das Baby entlassen werden, darf er beide dann abholen, um sie nach Hause zu bringen. Eine andere Frau, die in diesem Dienst in Anwesenheit ihrer Mama ihr Kind geboren hat, wird den neugeborenen Sohn dem Vater erst in drei Tagen  in den Arm legen können. Warum die Regelungen so unterschiedlich sind, versteht niemand von uns.

Raus aus der Komfortzone

Gegen alle Auflagen entscheiden wir, den Mann jetzt einfach zu seiner Frau zu lassen, denn Corona kann nicht unser Mitgefühl und unsere Menschlichkeit außer Kraft setzen. Der Arzt kommt nach zwei ewigen Wartestunden. Sein Mitgefühl für die Situation berührt mich. Wir unterhalten uns später im Dienstzimmer über die Zustände auf der Intensivstation. Ich kann eine Frage stellen, die mich seit ein paar Tagen bewegt: Sterbe ich allein? Darf meine Tochter mich begleiten und meine Hand halten, wenn mich das Coronavirus so schwer erwischt? Können sich Menschen voneinander verabschieden und sich in die Augen schauen, um Abschied zu nehmen?

Nein, ich sterbe allein. Ich würde auch allein mein Kind zur Welt bringen. Die Menschen sind in Quarantäne, bangen um ihre Zukunft und Gesundheit. Wir alle müssen aus der angenehmen Komfortzone heraus. Wir vermissen unsere Familien, Freunde, das gemeinsame Lachen und in der Frühlingssonne sitzen. Gerade jetzt am sonnigen Osterwochenende waren sicher viele Menschen in dieser großen Stadt einsam und allein.

Ist es das wert, dass wir vergessen, was Zuwendung und Menschlichkeit sind?