Die emeritierte Neurobiologin Prof. Dr. Gertraud Teuchert-Noodt erklärt im Interview, wie digitale Medien am Arbeitsplatz unser Gehirn angreifen.

Digitale Medien sind aus Unternehmen nicht mehr wegzudenken. Sie sehen aber Gefahren für unser Gehirn. Warum?

Gertraud Teuchert-Noodt: Die größte Gefahr digitaler Medien ist es, dass unser Gehirn aus dem eigenen Rhythmus gebracht wird, und zwar auf der Ebene unbewusster Vorgänge, wie sie im limbischen System ablaufen. Denn unser Denkapparat kann durch Reizüberflutung und ständige Erreichbarkeit massiv überfordert sein, wenn es um die Wahrnehmung und Verarbeitung der vielfältigen Signale geht, die aus der realen und virtuellen Welt auf uns einprasseln.

Dabei wird die für das Denken wichtige Verrechnung von Raum und Zeit zu sehr strapaziert, wenn ich zum Beispiel unter starkem Zeitdruck arbeite und Multitasking betreibe. Die Raum-Zeit-Verrechnung stellt eine der höchsten Funktionen in unserem Gehirn dar, weil sie die Voraussetzung für alle kognitiven Leistungen ist. Sie lassen sich nur realisieren, wenn wir uns gut in Raum und Zeit orientieren.

Wie verlieren wir diese Orientierung?

Sie kann durch digitale Medien durcheinandergeraten, wie wir es bei deren Wirkung auf den Hippocampus sehen können. Er ist ein wesentlicher Teil des limbischen Systems und lässt sich eine Weile stark beanspruchen. Dabei ist der Hippocampus mit einem sich selbstverstärkenden Schaltkreis verbunden, dem so genannten Belohnungssystem, gesteuert durch Opioide. Das sind hirneigene suchtauslösende Substanzen, die automatisch durch digitale Medien aktiviert werden. Durch diesen Prozess kann Suchtverhalten entstehen, weil das zugehörige Belohnungssystem überdreht. Eine Folge des dauerhaften Reizbombardements, das von einer sehr starken Benutzung digitaler Medien ausgeht.

Das schadet heute den Menschen erheblich, denn dann leben sie in einem Nebel euphorisierender Neurotransmitter. Nur sind sie nicht mehr in der Lage, über ihre Situation nachzudenken. Sie leben im Zustand einer wachsenden Abhängigkeit.

Dann hängen die Betroffenen ständig am Smartphone und sind immer online. 500.000 Menschen gelten in Deutschland als internetsüchtig.

Ja, das ist sehr schlimm, weil genau diese Verhaltensweisen zu einem Rückgang kognitiver Fähigkeiten führen, die wir eigentlich pflegen sollten. Das betrifft unmittelbar die Raum-Zeit-Verrechnung, die in einer übergeordneten Instanz – dem Stirnhirn – durchgeführt wird. Sie trennt „Jetzt“-Erfahrungen aus der Gegenwart von künftigen oder vergangenen Erfahrungen.

Dabei entstehen auch Gedächtnisspuren, die sich dem Gehirn einschreiben. Das läuft über diese raumzeitliche Schiene. Wenn diese Funktion gestört ist, kann ich vielleicht Daten in einer „Cloud“ auf Servern speichern, aber nicht mehr im eigenen Gehirn. Mein Gedächtnis verarmt.

Diese kognitive „Entleerung“ bedeutet darüber hinaus, dass ich nicht mehr kritisch denken kann. Ich bin kaum mehr in der Lage, kreative Gedanken zu formulieren. Planung und Antizipation fallen mir schwer, weil sie an die Fähigkeit der Raum-Zeit-Verrechnung gebunden sind. Es ist gerade eine der wichtigsten Leistungen unseres Gehirns, Situationen vorwegnehmen und planen zu können.