Der Bestand der Gelbaugenpinguine wird auf 3000 bis 3500 Tiere geschätzt. 
Foto: BLZ/ Sissi Stein-Abel

ChristchurchWenn Rosalie Goldsworthys Schützlinge ausfliegen, schwimmen sie, denn die 71-jährige Rentnerin kümmert sich um schwache, kranke und verletzte Pinguine. In der Regel sind das Gelbaugenpinguine (Megadyptes antipodes), die nur in Neuseeland vorkommen: an der Südostküste der Südinsel, auf den südlichen Inseln Stewart Island und Campbell Island sowie auf den subantarktischen Auckland Islands.

Während für die erwachsenen Vögel bald der qualvolle Monat der Mauser anbricht, in der sie fast verhungern, weil sie aufgrund des Federwechsels an Land bleiben müssen, heißt es Abschied nehmen von den wohlgenährten Küken der beiden Kolonien in Moeraki und am Katiki Point.

In der Tourismus-Falle

Und dieses Jahr ist es ein besonderes Ereignis, denn um den Nachwuchs der vom Aussterben bedrohten Spezies durchzubringen, hat Goldsworthy eine radikale Maßnahme ergriffen: Nachdem sie mehrere totgebissene Jungtiere gefunden hatte, transferierte sie 48 der 49 Küken aus ihren Nestern in die Gehege ihrer Rettungsstation, Penguin Rescue, am Leuchtturm der Halbinsel südlich der Kleinstadt Oamaru. Nur ein einziger Winzling im braunen Daunenkleid wurde von seinen Eltern durchgefüttert.

Bis zu 70 Zentimeter können die flugunfähigen Watschelvögel groß werden.
Foto: BLZ/ Sissi Stein-Abel

Im Lauf der Wochen gingen elf Frettchen in die aufgestellten Fallen – Beweis dafür, dass ohne das Eingreifen der Pinguin-Fachfrau die bedrohlich niedrige Zahl der 60 bis 70 Zentimeter großen Gelbaugenpinguine, die leicht an ihren bernsteinfarbenen Augen und dem gelben Band rund um den Hinterkopf zu erkennen sind und 2019 endlich zu Neuseelands Vogel des Jahres gewählt wurden, weiter gesunken wäre.

Bestände dramatisch reduziert

Nicht nur eingeführte Feinde wie Marder, Wiesel, Possums (Fuchskusus), Hermeline, verwilderte Hauskatzen und freilaufende Hunde, sondern auch rücksichtslose Touristen setzen den scheuen Einzelgängern zu. In den vergangenen Jahren sind ihre Bestände durch Habitat-Zerstörung, Wasserverschmutzung, Krankheiten, Seuchen sowie Futtermangel durch Überfischung und Klimawandel dramatisch reduziert worden.

In der vergangenen Saison zählte Pinguin-Experte Thomas Mattern, ein aus Düsseldorf stammender Meeresbiologe der Universität von Otago in Dunedin, auf dem Festland 432 brütende Pinguine (216 Nester). Die Gesamtzahl schätzte er „optimistisch auf 600“. Dieses Jahr spricht Goldsworthy von nur 160 Nestern, „und ich kümmere mich um die Hälfte davon“. Über die Gesamtzahl der flugunfähigen Watschelvögel kann Mattern nur spekulieren: „Auf den Inseln gibt es vielleicht 3000 bis 3500 Tiere, aber keiner weiß es, weil dort schon seit 40 Jahren keine Forschung mehr betrieben worden ist.“

Moskitos übertragen Vogelmalaria

Der schlimmste Pinguin-Killer ist mittlerweile die Vogelmalaria. Diese von Moskitos übertragene Krankheit wurde erst vor drei Jahren bei sämtlichen Pinguin-Arten in Neuseeland entdeckt. Es gibt Fotos, auf denen die Flügel der Vögel flächendeckend mit hunderten dieser Stechmücken bedeckt sind. Während es an der Ostküste der Südinsel Neuseelands vor 20 Jahren keine Moskitos gab, sind sie heute bis hinunter in den kühleren Süden eine Plage. „Das ist der Klimawandel“, sagt Mattern, der seit 20 Jahren in Neuseeland lebt, „es wird immer milder.“

Zur Sache

Der in Neuseeland endemische Gelbaugenpinguin (Megadyptes antipodes) ist nach dem Galápagos-Pinguin die zweitseltenste und mit bis 70 Zentimetern Größe und rund acht Kilo Gewicht die drittgrößte Pinguinart der Welt; nur der Kaiser- und der Königspinguin sind größer. Er kann bis zu 25 Jahre alt werden.

Viele der Vögel sterben in den ersten drei Lebensjahren; wer diese Phase allerdings übersteht, lebt im Schnitt zwölf bis 15 Jahre. Gelbaugenpinguine sind scheue Einzelgänger, sie lassen sich nicht zähmen und migrieren auch nicht. Brutpaare brüten jedes Jahr zwei Eier aus.

Von der Weltnaturunion wird der Gelbaugenpinguin als stark gefährdet („endangered“) eingeordnet. Seine schlimmsten Feinde sind Possums, Marder, Frettchen, verwilderte Hauskatzen und freilaufende Hunde. Der Mensch und der Klimawandel setzt den Tieren außerdem zu.

Pinguin-Rettungsstationen, die allesamt von Freiwilligen und mithilfe von Spenden betrieben werden, untersuchen mittlerweile jeden untergewichtigen, lethargischen Patienten, der an einem Strand aufgelesen wird, auf Malaria und behandeln die Tiere medikamentös. Auch lautes Atmen und bärbeißiges Verhalten – als Folge von Kopfschmerzen – sind Symptome für Malaria. Die Gehege werden mit Moskitonetzen geschützt.

Auswirkungen des Klimawandels

In mehreren Seuchenjahren seit 2004 sind unzählige Vögel an einer bislang nur bei Gelbaugenpinguinen diagnostizierten Diphterie-artigen Rachenerkrankung (Diphteric stomatitis) gestorben. Diese Infektion verursacht Hautwunden im Mundbereich, die zu schweren Schluck- und Atembeschwerden führen. Bei einer weiteren Epidemie 2012 stellte Thomas Mattern, der ein Pionier in der Erforschung des Lebens und Verhaltens der Pinguine unter Wasser ist, einen Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Ernährung fest.

Nur die Küken von Brutpaaren, die eine bestimmte Route bei der Futtersuche schwammen, wurden krank. Diese mit Minikameras ausgestatteten Pinguine folgten den Spuren – dem aufgewühlten Meeresboden – der Schleppnetzfischerei. In diesem Umfeld fühlt sich offenbar der Kohlenfisch (Anoplopoma fimbria) wohl, und die Vögel fressen ihn, weil es immer schwieriger wird, die von ihnen bevorzugten kleineren Fische zu finden: Statt zwölf Stunden bleiben sie manchmal drei Tage auf See, weil viele Fische bei höheren Wassertemperaturen nicht laichen, und die Fischerei fischt den Pinguinen die Fische weg. Zurück an Land, würgen die Elternvögel den vorverdauten Fisch hervor, aber der Kohlenfisch ist zu groß für das Küken, es verhungert.

Eine Stiftung für Pinguine

Die vollmundige Ankündigung der Regierung, an der Ostküste der Südinsel ein Meeresschutzgebiet – sechs Zonen mit Fischerei-Verbot, fünf Zonen mit Restriktionen – zu schaffen, ist eine reine Alibi-Aktion. „Dort, wo das Fischen verboten werden soll, findet schon jetzt so gut wie keine Fischerei statt“, sagt Thomas Mattern, dessen Ehefrau Ursula Ellenberg ebenfalls in der Pinguinforschung arbeitet, „für die Pinguine ist es unerheblich, ob es diese Schutzgebiete gibt oder nicht. Vielmehr müssen die Umweltprobleme gelöst werden – das Klima, die Verschmutzung, die Versandung. Wenn uns das nicht gelingt, haben die Pinguine keine Überlebenschance.“

Seit Januar 2019 gibt es plötzlich Geld, um das die Wissenschaftler jahrelang vergeblich bei der Regierung gebettelt hatten, für die Pinguinforschung und für Projekte, in die die Bevölkerung eingebunden wird. Ein kanadisches Unternehmen gründete die Stiftung NZ Penguin Initiative. Und nach 20 Jahren, sagt Mattern, hätten sie auch Geld von der Naturschutzbehörde DoC (Department of Conservation) bekommen. Das ist fast schon eine Ironie des Schicksals. „Jetzt haben wir das ganze Geld, aber keine Pinguine mehr“, sagt Mattern, „wenn die Entwicklung so weitergeht, sind die Gelbaugenpinguine spätestens 2050 ausgestorben.“ Rosalie Goldsworthy gibt ihnen nur noch zehn Jahre.