Der Sars-CoV-2 unter dem Rasterelektronenmikroskop. In einem Milliliter Schleim aus der Lunge können in der Anfangsphase bis zu einer Milliarde Viruspartikel stecken.
Grafik: NIH/AFP

BerlinFrau I. ist wieder gesund. Frau I. ist die Chinesin, die das neuartige Coronavirus vor ein paar Wochen als erste nach Deutschland brachte. Die Patientin aus Shanghai hat einige Zeit in einem Krankenhaus ihrer Heimatstadt verbracht. Die Krankheit verlief mild. Inzwischen wurde sie geheilt entlassen.

Frau I. heißt in Wirklichkeit ganz anders. Ihr Name wird aus Gründen der Diskretion nicht genannt. Aber sie hat es hierzulande zu bescheidener Prominenz gebracht, weil sie die sogenannte Indexpatientin des Münchner Clusters war – einem Covid-19-Ausbruch, bei dem eine Reihe von Mitarbeitern eines Automobil-Zulieferers und deren Angehörige erkrankten. Insgesamt 16 Menschen waren im Klinikum Schwabing in Quarantäne. Sämtliche Ansteckungen waren auf Frau I. zurückzuführen.

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Viele Erkenntnisse aus den Münchner Fällen

Inzwischen sind sie alle genesen. „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass auch unsere chinesische Kollegin inzwischen gesund aus dem Krankenhaus entlassen ist“, teilte die Firma vergangene Woche auf Anfrage der Berliner Zeitung mit.

Am Münchner Cluster habe man eine steile Lernkurve erlebt, sagte Christian Drosten, Chef der Virologie an der Charité Berlin, in der vergangenen Woche beider Berliner Medizinischen Gesellschaft. Der Professor, einer der renommiertesten Coronavirus-Experten weltweit, berichtete den versammelten Medizinern, anhand der Münchner Fälle gelernt zu haben, dass sich das aktuelle Coronavirus ganz anders verhält als sein Verwandter, der vor 17 Jahren die Sars-Pandemie auslöste.

Leichtere Übertragung als bei Sars

Der neue Erreger Sars-CoV-2 befällt Zellen des oberen Atemtrakts – also Hals und Rachen –, während der alte tief in der Lunge replizierte, wie es im Fachjargon heiß. Das bedeutet einerseits, dass die Krankheit oft nur zu Husten und Halsschmerzen führt, und nicht immer zu einer Lungenentzündung. Der Krankheitsverlauf ist meist milder als bei Sars. Andererseits ist das Virus dadurch viel leichter zu übertragen. Anniesen genügt, man muss nicht mit Schleim in Berührung kommen, der aus tieferen Bereichen der Lunge abgehustet wird.

Dieser Effekt der leichten Ansteckung wird noch verstärkt. Denn wer sich mit Sars ansteckte, fühlte sich unmittelbar nach der Infektion schon krank. Das hängt damit zusammen, dass das Virus unten in der Lunge angreift, und führt dazu, dass Kranke sehr schnell zum Arzt gehen oder zu Hause bleiben.

Oft nur Husten und Halsweh

Anders bei Covid-19, wie die vom neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 verursachte Krankheit heißt. Wer sich mit dem Erreger infiziert, kann länger mit wenig oder schwachen Symptomen durch die Gegend laufen. Mancher hat nur ein Kratzen im Hals und hüstelt ein bisschen, was normalerweise kein Grund ist, sich krank zu melden. Aber schon in dieser Phase sind die Infizierten ansteckend.


Wege der Ansteckung:

  • Der Erreger Sars-CoV-2 wird vor allem über Tröpfchen von Mensch zu Mensch weitergegeben. Deshalb ist Husten- und Nies-Etikette so wichtig. Der Erreger bleibt nach dem Husten oder Niesen noch kurz in der Luft, bei weitem aber nicht so lange wie Masern- und Windpockenviren.
  • Kontaktinfektionen sind ebenfalls möglich – etwa über Oberflächen, die ein Infizierter nach dem Niesen oder Husten mit der Hand berührt. Experten gehen allerdings davon aus, dass die Viren auf den Oberflächen recht schnell absterben. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht.
  • Hygiene: Es genügt, Oberflächen wie Türklinken und Wasserhähne mit Wasser und gewöhnlichem Reinigungsmittel zu säubern. Auch für die Hände reichen Wasser, Seife und gründliches Einseifen. Desinfektionsmittelfläschchen sind allenfalls für unterwegs ratsam und praktisch.

Sie bilden „so richtig viel Virus“, wie Drosten sagte. Die Patienten haben bis zu einer Milliarde Viruspartikel in einem Milliliter Schleim. Das ist verglichen mit Grippe und anderen Erkältungserkrankungen eine hohe Zahl. Man weiß also, dass Covid-19 sehr ansteckend ist. „Eine Eindämmung ist schwieriger als bei Sars“, sagte Drosten.

Eine Eindämmung ist auf Dauer unmöglich

In China wurden dabei fast schon übermenschliche Anstrengungen unternommen. Die Elf-Millionen-Stadt Wuhan wurde abgeriegelt, 40.000 Ärzte und Pfleger aus dem ganzen Land in die Region entsandt. Mit Erfolg: Die Epidemie wurde regional einigermaßen eingedämmt, inzwischen gehen die Zahlen der Neuinfektionen zurück.

„Wenn die ganze Welt China wäre, könnte man die Krankheit eindämmen“, sagte ein Epidemiologe vom Robert-Koch-Institut. Im Umkehrschluss bedeutet diese Einschätzung aber auch, dass die Eindämmung auf Dauer unmöglich ist. Denn der Rest der Welt ist nicht China. Weder sind Behörden in der Lage, ganze Städte abzuriegeln, noch sind die Bürger bereit, sich den Anordnungen der Behörden bedingungslos unterzuordnen.

Für genaue Prognosen sind zu viele Faktoren unbekannt

Für den Rest der Welt sind also die entscheidenden Fragen: Wie viele Menschen werden in welcher Zeit krank? Wie viele von ihnen erkranken ernsthaft? Wie hoch ist die Zahl derer, die stationär behandelt werden müssen? Wie lange dauern die Krankenhausaufenthalte? Und schließlich: Wie viele Menschen sterben an der Infektion? In der Beantwortung dieser Fragen steckt viel Mathematik – vor allem Prozentrechnung. Aber für genaue Ergebnisse sind noch zu viele Faktoren unbekannt.

Zwar weiß man wohl einigermaßen, wie viele Menschen gestorben sind. Aber unklar ist, wie viele infiziert wurden. Drosten hält die chinesischen Infektionszahlen für unzuverlässig. Er geht davon aus, dass viele Infizierte nicht getestet und registriert wurden. Das gleiche gilt für Iran und Italien, wo sich der Erreger ebenfalls schnell verbreitet hat.

In den Berechnungen der sogenannten Fallsterblichkeit, also der Todesfälle pro Erkrankungsfälle, kommt es demnach auf den Nenner an. Nimmt man die Zahl der offiziell gemeldeten Fälle – oder ist die Zahl um den Faktor 10 oder 20 höher? Sind es in China also nicht 80.000 Infizierte, sondern 800.000 oder 1,6 Millionen? Sterben drei von hundert Erkrankten? Oder drei von Tausend?

Von der Geschwindigkeit hängt der Ernst der Lage ab

Das sind die Unwägbarkeiten, mit denen Experten derzeit umgehen müssen. Drosten glaubt eher an die letztgenannte Quote. Er spricht von 0,3 bis 0,7 Prozent Fallsterblichkeit. Das schließt er aus den Infektions- und Sterbefällen außerhalb Chinas. Aber er betont zugleich, dass es sich dabei um eine „etwas nassforsche “ Schätzung handelt.

Unsicher ist auch die sogenannte Attack Rate. Noch ist nicht sicher, wie viele Menschen ein Infizierter in einer bestimmten Zeit im Durchschnitt ansteckt. Aber von dieser Rate hängt ab, wie schnell sich das Virus verbreitet.

Epidemiologen gehen davon aus, dass ein großer Teil der Bevölkerung früher oder später infiziert wird. Als Modell gelten laut Drosten die Influenza-Pandemien von 1957 und 1968 – die Asiatische und die Hongkong-Grippe. Aber wie schnell läuft die Pandemie durch die Bevölkerung? In Wochen oder Monaten? Innerhalb eines Jahres oder zwei? Davon hängt ab, wie ernst die Lage wird, wie stark das Gesundheitssystem belastet und das Alltagsleben beeinträchtigt wird.

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Milde Verläufe bei Kindern

Einigermaßen klar ist, dass bei 80 Prozent der Infizierten Covid-19 undramatisch verläuft. Kinder bleiben von schweren Verläufen verschont – offenbar, weil das kindliche Immunsystem nicht so heftig auf das Virus reagiert. Bei 20 Prozent ist es jedoch eine ernste Erkrankung. Die Gesundheitsbehörden versuchen deshalb weiterhin, den Ausbruch so lange wie möglich zu verzögern.

Bis zur Zulassung eines Impfstoffes wird es nach Expertenangaben mindestens ein bis anderthalb Jahre dauern. Zugleich laufen derzeit Tests, ob bereits vorhandene Medikamente wie das Virostatikum Remdesevir die erhoffte Wirkung gegen Covid-19 zeigen. Damit möglichst viele Patienten schnell geheilt entlassen werden können wie Frau I. aus Shanghai.