In Berliner Laboren darf nur mit Ausnahmegenehmigung geforscht werden.
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BerlinDie Corona-Krise hat auch die Forschung an Universitäten und Instituten weitgehend zum Stillstand gebracht. So darf in Berlin in den Laboren nur mit Ausnahmegenehmigung weitergeforscht werden, etwa für Projekte, die mit Corona zu tun haben. Ansonsten gilt auch für Wissenschaftler: Homeoffice.

Zu den Berliner Forschungsvorhaben, die fortgesetzt werden dürfen, zählt das von Jonas Zimmermann, der am Botanischen Garten und Botanischen Museum an der Freien Universität Berlin die Forschungsgruppe Diatomeen leitet. Er hatte im Februar im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts – dem Schwerpunktprogramm „Antarktisforschung“ – in der Antarktis Proben von Kieselalgen gesammelt. Die mikroskopisch kleinen Probanden brauchen Aufmerksamkeit und Betreuung.

Die Zellen werden aus den Wasserproben isoliert und nach Arten getrennt in einzelne Petrischalen verteilt. Bei kalten drei oder vier Grad werden sie dann in speziellen Medien herangezogen, die ihnen ähnliche Salz- und Nährstoffverhältnisse bieten wie ihre Heimat am südlichen Ende der Welt. Und auch den Rhythmus von Tag und Nacht gilt es an die dortigen Umstände anzupassen.

Exkursion in die Antarktis: Berliner Forscher tauchten in der Potter Cove auf King George Island nach Proben für ihre Untersuchungen von Kieselalgen. 
Foto:  BGBM/FU Berlin

„Damit das alles klappt, muss man am besten jeden Tag schauen, wie es den Kulturen geht“, sagt Jonas Zimmermann. Haben sich vielleicht fremde Zellen darin angesiedelt? Stimmen die Bedingungen noch oder muss man eine Kleinigkeit an der Beleuchtung oder den Nährstoffen nachregeln?

Nahrung der Wale

Oliver Skibbe vom Botanischen Garten ist in solchen Fragen sehr erfahren. Also hat Zimmermann eine Sondergenehmigung für seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter beantragt. Gemeinsam mit der Assistentin Juliane Bettig darf er nun unter Einhaltung aller Corona-Regularien alle zwei Tage ins eigentlich geschlossene Labor. Und tatsächlich: Die Zellen leben und gedeihen. „Ohne diese Betreuung hätten wir sie wegwerfen müssen“, erklärt Jonas Zimmermann. „Damit wäre uns eine wichtige Grundlage für weitere Forschung verloren gegangen.“

So können die Forscher den Winzlingen nun zum Beispiel neue Informationen über die Folgen des Klimawandels entlocken. Wenn sich die Antarktis weiter erwärmt, werden damit wohl nicht alle Kieselalgen gleichermaßen gut zurechtkommen. Und das dürfte auch Folgen für Wale, Pinguine und andere Arten haben, die sich von diesen Organismen ernähren. Um solche Entwicklungen abschätzen zu können, müssen die Forscher aber erst einmal einen Überblick darüber gewinnen, welche Diatomeen (Kieselalgen) in diesen eisigen Regionen überhaupt vorkommen. Sobald das Labor wieder öffnet, kann diese Arbeit beginnen.

Auch Hauke Harms und seine Kollegen vom Department Umweltmikrobiologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig haben für ihr Labor einen Notbetrieb eingerichtet. Ihre Proben haben keine so weite Reise hinter sich wie Zimmermanns Algen, stammen sie doch zum größten Teil aus hiesigen Biogas- oder Kläranlagen, aber wertvoll für die Wissenschaft sind auch sie.

Mikroskopaufnahme von antarktischen Kieselalgen der Gattung Odontella
Foto:  FG Diatomeen Berlin 

Die Pandemie stellt die Leipziger Forscher vor neue Aufgaben. So sind sie technisch in der Lage, in größerem Maße die Proben von Patienten auf das Coronavirus zu testen. Die Voraussetzungen für das Ausstellen medizinischer Befunde erfüllen die Umweltforscher allerdings nicht.

Zusammen mit Virologen eichen die Forscher daher die dazu nötigen Verfahren, stellen Instrumente und Personal zur Verfügung und helfen dabei, schwer verfügbares Testmaterial zu beschaffen. „Wir leisten da gerne Unterstützung, damit mehr Tests durchgeführt werden können“, sagt Harms. „Denn dieses Virus wird uns wohl noch länger begleiten.“

Bei den meisten Forschern ist zurzeit viel Kreativität gefragt, um trotz Corona-Krise voranzukommen. So hätte die Auftaktveranstaltung zur neuen europäischen Forschungsinfrastruktur Elteri (European Long-Term Ecosystem, critical zone and socio-ecological Research Infrastructure) eigentlich abgesagt werden müssen. Bei diesem Mammutvorhaben geht es darum, Europas Ökosystemen langfristig den Puls zu fühlen und herauszufinden, wie sie auf den Klimawandel und andere Umweltveränderungen reagieren. Rund 160 Forschungsinstitutionen in 27 Ländern wollen dazu einen Beitrag leisten. Um diese Zusammenarbeit zu organisieren, war für Ende März eine Konferenz auf Mallorca geplant.

Virtuelle Tagungsräume

„Wir waren natürlich sehr enttäuscht, dass dieses Treffen wegen der Pandemie nicht stattfinden konnte“, sagt Michael Mirtl, der am Helmholtz-Zentrum in Leipzig und am Umweltbundesamt in Wien arbeitet und die Konferenz leiten sollte. Doch statt das Symposium einfach abzusagen, haben er und sein Team in nur zweieinhalb Wochen einen virtuellen Veranstaltungsort installiert.

Aus dem Heimbüro konnten die Gäste online verschiedene Tagungsräume betreten und auch alle wichtigen Unterlagen abrufen. Für Fragen und Kommentare gab es den begleitenden Chat sowie ein Umfragen-Tool, und selbst den Pausen hatten die Veranstalter mit Musik und eingeblendetem Catering Leben eingehaucht.

„Das alles zu organisieren, war zwar doppelt so viel Aufwand wie eine normale Konferenz“, erklärt Michael Mirtl. „Aber es hat viel besser funktioniert, als ich erwartet hätte.“ Man habe sehr produktiv gearbeitet und sogar einen Teil der für ein erfolgreiches Projekt so wichtigen persönlichen Beziehungen aufbauen können. „Bei nächster Gelegenheit werden wir uns  real treffen“, so der Ökologe. „Aber für die Zukunft könnten wir uns gut vorstellen, die eine oder andere Veranstaltung ins Netz zu verlegen.“

Für andere Aspekte der wissenschaftlichen Arbeit allerdings gibt es keinen virtuellen Ersatz. Caroline Deimel untersucht als Technische Assistentin in der Forschungsgruppe von Michaela Hau am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen das Hormonsystem von Kohlmeisen. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei ein Hormon namens Corticosteron, das – ähnlich wie Cortisol beim Menschen – in Stresssituationen ausgeschüttet wird.

Allein im Wald

„Wie stark diese Reaktion ausfällt, ist von Tier zu Tier verschieden“, erklärt Caroline Deimel. Gibt es also auch unter Meisen verschiedene Persönlichkeiten, die mit Stress unterschiedlich umgehen? Werden diese Strategien von den Eltern vererbt? Und beeinflussen sie den Fortpflanzungserfolg? Das alles lässt sich nur herausfinden, wenn man über viele Jahre hinweg Daten sammelt.

So ist das Frühjahr für Caroline Deimel eine arbeitsreiche Zeit. In drei Wäldern südlich von München beobachten sie und ihre Kolleginnen die Vögel nicht nur beim Nestbau, beim Eierlegen und beim Brutgeschäft. In genau festgelegten Zeitabständen müssen die Eltern und Küken eingefangen werden, um ihnen zwei kleine Blutproben abzunehmen: eine sofort, die andere nach einer halben Stunde. „So können wir den Hormongehalt messen, bevor und nachdem die Stressreaktion eingesetzt hat“, sagt sie. Für die Vögel steht zudem auch noch Messen, Wiegen und Beringen auf dem Programm.

Das ist eine aufwendige Sache, bei der Caroline Deimel normalerweise Unterstützung hat. Wegen der Corona-Beschränkungen wird sie die Arbeit nun weitgehend allein durchführen müssen. Sie hat ihre komplette Ausrüstung aus dem Institut mit nach Hause genommen – von der Pipette bis zur Zentrifuge. In einem elektronischen Logbuch hält sie für ihre Kollegen fest, wann sie wo arbeiten will.

Sicherheitshalber. Falls sie in einem der Waldstücke ohne Handyempfang ein Problem bekommt. So will sie zumindest die wichtigsten Daten erheben, damit nicht die ganze Saison verloren geht.