Alles für die Sicherheit, vor allem in den Krankenhäusern.
Foto: dpa/Marcel Kusch

BerlinWie nehmen Menschen in Deutschland die Entwicklungen rund um das neuartige Coronavirus wahr? Fühlen sie sich bedroht, haben sie Angst? Seit drei Wochen führt das Forschungsprojekt Cosmo eine Online-Umfrage zu diesen Fragen durch und veröffentlicht den Bericht zur „psychologischen Lage“ im Land.

Frau Professor Betsch, wie gut ist die Bevölkerung über die Pandemie und ihre Folgen informiert?

In unserer Umfrage zeigte sich, dass das Wissen über Covid-19 relativ hoch ist, wie auch das Wissen über Schutzverhalten relativ hoch ist. Aber es bestehen   noch Unsicherheiten. Wie im echten Leben führt das Wissen, dass Sport gut ist, nicht zwingend dazu, dass wir mehr Sport machen. Und genauso ist es jetzt auch. Nur ist es noch relevanter, dass wir uns jetzt an die Regeln halten. Und es ist wichtig, den Leuten irgendwas an die Hand zu geben, wie sie Hinweise umsetzen können.

Was meinen Sie konkret?

Auch bei so einfachen Sachen wie der Bitte, zu Hause zu bleiben, wenn man krank wird, führt Wissen nicht unbedingt zu Verhalten. Oder auch beim Händewaschen oder dem Meiden von Orten, an denen sich viele Leute aufhalten. Eigentlich wissen es alle, tun es aber nicht ausreichend.

Womit erklären Sie sich das?

Wir sehen interessanterweise, dass besser gebildete Leute weniger Schutzverhalten an den Tag legen. Was da der Hemmschuh ist, kann ich nicht so richtig sagen. Ich weiß nicht, ob das eine Sorglosigkeit ist.

Wie bewerten Sie die Krisenkommunikation der Bundesregierung und der Behörden – erreichen sie die Menschen nicht?

Die Daten zeigen: Das Wissen kommt an. Auch das Vertrauen in die Behörden ist hervorragend – es ist noch gestiegen seit letzter Woche. Das Robert-Koch-Institut hat Top-Werte. Die Verantwortlichen kommunizieren auch Unsicherheiten und revidieren – wenn nötig – Dinge, die heute anders sind als gestern. Das ist in der Krise nun mal so. Ich glaube, dass das Einmaleins der Krisenkommunikation sitzt. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch die Politiker nur Menschen sind und unter diesem Druck auch mal etwas schiefgehen kann.

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Gibt es noch etwas zu verbessern?

Ein Problem ist es, wenn gesagt wird: Vermeide physischen Kontakt. Wer bricht das für den Menschen runter? Was heißt das für mich und meine Kinder – dürfen die noch Freunde sehen und wenn ja, einen, zwei oder doch mehr? Ist es heute so – und morgen auch noch? Was ist mit Kindern von Scheidungseltern, dürfen die dann zum anderen Elternteil? Das wird alles sehr wenig persönlich heruntergebrochen.

Foto: Marco Borggreve
Zur Person

Cornelia Betsch (Jahrgang 1979) ist Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin. An der Universität Erfurt ist sie Professorin für Gesundheitskommunikation. Sie hat die Cosmo-Umfrage mit initiiert. 

Das Cosmo-Konsortium ermittelt seit drei Wochen einmal pro Woche in einer „Snap-Shot“-Online-Umfragewelle wie 1000 Personen subjektiv die Risiken von Sars-CoV-2 wahrnehmen. Die Befragung ist repräsentativ für Alter und Geschlecht und Bundesland – bis zum Alter von 75. Finanziert wird das Projekt von der Universität Erfurt, dem Robert Koch-Institut und dem Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation. Weitere Projektpartner sind das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, das Science Media Center und das Yale Institute for Global Health.

Wie erlangt man das Vertrauen der Bürger?

In einer Krise ist es immer wichtig zu sagen, dass alles vorläufig ist und jeden Tag klug entschieden wird, was richtig und der Lage angemessen ist. Das hat die Kanzlerin in ihrer Ansprache sehr klar gemacht. Wir sollten uns, statt kleine Fehlerchen in der Kommunikation zu suchen, lieber um andere wichtige Themen kümmern. Wir müssen Geschichten erzählen über Solidarität – darüber, wie viele Menschen sich an die Regeln halten. Für mich allein fühlt es sich bescheuert an, meinem Freund zu sagen: Ich lade dich heute Abend nicht zum Essen ein, obwohl wir uns seit drei Wochen verabredet haben. Ich muss wissen, dass andere das auch tun. Jeder muss mitmachen.

Ist den Menschen ausreichend bewusst, wie groß das Risiko für sie selbst und ihre Angehörigen ist?

Wir machen die Umfragen jetzt schon die dritte Woche: Am Anfang haben nur 17 Prozent gesagt, dass sie sich wahrscheinlich infizieren – nach drei Wochen sind es 33 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit steigt, aber wenn man das jetzt mit den Werten vergleicht, dass 60 oder 70 Prozent in der Bevölkerung infiziert werden könnten, dann hinkt das hier immer noch hinterher. Generell kann man sagen, dass es diese Woche einen ordentlichen Sprung gegeben hat in der Risikowahrnehmung: In den Sorgen und in der Angst, auch wie dominant dieses Thema ist.

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Welches war für Sie das überraschendste Ergebnis der Umfrage?

Die Risikowahrnehmung besonders älterer Menschen ist niedriger als die von Jüngeren. Ältere Menschen scheinen zu denken, sie werden es schon nicht kriegen. Überrascht hat mich, dass die Maßnahmen sehr gut akzeptiert werden. Selbst bei der Ausrufung des Katastrophenfalls gibt es mehr Zustimmung als Ablehnung. Dass das Vertrauen steigt, zeigt auch, dass die Menschen klare Regeln wollen. Vielleicht, um eine Gleichheit herzustellen: Wenn alle nicht rausdürfen, muss ich meinen Kindern auch nicht erklären, warum sie nicht auf den Spielplatz dürfen, ihre Freunde aber.

Was müsste getan werden, damit das Wissen der Menschen sie auch dazu bringt, es umzusetzen?

Es ist wichtig, auch innerhalb der Familie die sozialen Normen zu kommunizieren, zu sagen: Ich bleibe zu Hause, du bleibst auch zu Hause. Dass man zur Not auch den Konflikt sucht, dass man die Kinder nicht zu den Großeltern gibt und dass man sagt: Mein Zeichen von Liebe für dich ist gerade, dass wir dich nicht besuchen. Dafür rufe ich dich an. Diese Sachen, die so gebetsmühlenartig wiederholt werden, sind das Einzige, was wir im Moment tun können. Denn die Fallzahlen, die wir heute sehen, sind die Infizierten von vor bis zu zwei Wochen. Und die haben in der Zwischenzeit ja auch schon viele andere infiziert, die das jetzt noch nicht wissen, aber andere infizieren. Deswegen werden wir es auch aushalten müssen, dass die Fallzahlen weiter steigen – egal wie sehr wir uns jetzt einschränken. Das ist natürlich psychologisch bescheuert: Ich tue etwas und werde dafür nicht belohnt. Darauf sollten wir als Gesellschaft vorbereitet werden.

Haben Sie Tipps für Menschen – auch jene, die psychische Erkrankungen haben?

Vereinzelt ist schon eine Therapiesitzung über Video oder Telefon möglich – man muss dringend umdenken. Denn gerade für Leute, die sowieso schon psychisch in einer schwierigen Situation sind, ist es furchtbar, wenn sie plötzlich den ganzen Tag alleine sind müssen – oder wenn sie den Stress nicht verarbeiten können. Es ist hoch relevant.

Wie werden die Ergebnisse der Umfrage genutzt?

Wir schicken das Ganze an alle Partner und an die Ministerien. Über das Bundesgesundheitsministerium wird es dem Krisenstab zur Verfügung gestellt. Es geht auch an die Journalisten, weil wir es wichtig finden, dass Sachen auch richtiggestellt werden können. Ansteckungspartys – also absichtliches Anstecken – finden wir zum Beispiel nur bei drei Prozent. Und wir wollen jenen, die in der Verantwortung stehen, Feedback und Sicherheit geben: Wenn sie wissen, dass die Maßnahmen gut akzeptiert sind, können sie mit einer anderen Sicherheit regieren. Wir erwarten von unseren Politikern, dass sie uns Sicherheit vermitteln – aber die muss irgendwo herkommen.

Besteht die Gefahr, dass die Krise die Gesellschaft weiter spaltet?

Laut der Umfrage ist es eine der wichtigsten Sorgen, dass die Menschen egoistischer werden, das treibt viele schon um. Wir haben einen ungelösten Generationenkonflikt mit Fridays for Future und dem Klimawandel. Vielleicht kann man diese Situation nutzen: Wo nicht gereist und geflogen wird und das Leben zum Stillstand kommt und jetzt die Jungen sich einschränken für die Alten. Vielleicht kann das eine Chance sein, dass man sich verständigt und neue Generationenverträge macht.

Das Gespräch führten Nicola Kuhrt und Hinnerk Feldwisch-Drentrup. Es erschien zuerst beim Online-Magazin Medwatch.