Das Kind ist von der Schaukel gefallen? Schnell zücken Mama oder Papa die Arnica-Kügelchen. Ein grippaler Infekt bahnt sich an? Ein paar Globuli mit Belladonna werden ihn schon in Schach halten. Regelschmerzen drohen den Tag zu verderben? Pulsatilla hilft bestimmt.

Homöopathische Arzneimittel gehören für viele Menschen längst zum Alltag. Die Hausapotheke ist fast immer gut mit ihnen bestückt. 528 Millionen Euro gaben die Deutschen im Jahr 2014 für Homöopathika aus – 9,3 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Und das, obwohl bis heute niemand die Wirkung der meist stark verdünnten Zubereitungen (siehe Infobox) erklären kann.

Kritiker der Homöopathie sind ohnehin davon überzeugt, dass die beobachteten Effekte homöopathischer Mittel allein auf den Glauben, das Medikament würde helfen, zurückzuführen sind. Und seit kurzem haben die Kreise der Skeptiker einen bedeutenden Vertreter mehr: den australischen Professor für Gesundheitswissenschaften und Medizin, Paul Glasziou.

Als Leiter einer Gutachtergruppe berichtete der Forscher der Bond University in Robina, Queensland, in einem Blog des Fachblatts British Medical Journal (BMJ) kürzlich über eine Übersichtsarbeit zum Thema Homöopathie, die der australische Rat für Nationale Gesundheit und Medizinische Forschung (National Health and Medical Research Council, kurz NHMRC) in Auftrag gegeben hatte.

Mit Kügelchen gegen Malaria

Das Urteil über die Homöopathie fiel in dem 300 Seiten starken Werk vernichtend aus.

Für keines der 68 untersuchten Krankheitsbilder fanden Glasziou und seine Kollegen Belege dafür, dass homöopathische Mittel besser als Placebos wirken. Für ihren Bericht hatten die Forscher 57 Analysen ausgewertet, die sich mit insgesamt 176 Studien befasst haben. In diesen Untersuchungen wurde die Wirkung von Homöopathika unter anderem bei rheumatoider Arthritis, Strahlendermatitis, Mundfäule infolge einer Chemotherapie und sogar bei einer HIV-Infektion getestet.

Da es lange Zeit auch unvorstellbar gewesen sei, dass Bakterien Magengeschwüre auslösen oder man sich gegen Krebs impfen lassen könne, sei er offen und neugierig an die Fragestellung herangegangen, schreibt Glasziou. Am Ende sei er allerdings nur noch erleichtert gewesen, dass die mühsame Reise auf der Suche nach Evidenz ein Ende gefunden hätte.

Aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeiten habe man damit gerechnet, dass etwa fünf Prozent der Studien zumindest fälschlicherweise ein signifikant positives Ergebnis lieferten, schreibt der Experte für evidenzbasierte Medizin. Tatsächlich fand keine der 176 Studien einen Beleg dafür, dass homöopathische Mittel wirkstofffreien Zubereitungen überlegen waren. „Obwohl die Gesamtheit in ihrer Größe und Qualität durchwachsen war, ging auch von den höherwertigen Studien kein klares Signal für die Effektivität aus“, berichtet Glasziou.

Über die Bandbreite der homöopathisch behandelten Krankheiten sei er überrascht gewesen – und geschockt, dass verschiedene Organisationen homöopathische Mittel sogar in Afrika gegen ansteckende Krankheiten wie Aids oder Malaria empfehlen, schreibt der Forscher.

Insgesamt sei daher seiner Ansicht nach die Schlussfolgerung des NHMRC angebracht. Dieser hatte aufgrund des Gutachtens festgestellt, dass Menschen ihr Leben in Gefahr bringen könnten, wenn sie aufgrund ihrer Vorliebe für Homöopathie andere Behandlungen ablehnten oder verzögerten, für deren Sicherheit und Effektivität es gute Evidenz gebe.

Ganz so dramatisch sieht Michael Teut, Oberarzt an der Hochschulambulanz für Naturheilkunde der Berliner Charité, die Lage zumindest hierzulande nicht. „Studien zeigen, dass Patienten, die sich homöopathisch behandeln lassen, meist chronisch krank und schulmedizinisch vorbehandelt sind“, sagt er. „Ihre Beschwerden verbessern sich im Verlauf nachhaltig und die Effekte sind – soweit überhaupt erforscht – mit denen schulmedizinischer Behandlung häufig vergleichbar, zum Beispiel bei Neurodermitis.“

Teut, der sich in seiner ärztlichen Tätigkeit sowohl der Schul- als auch der Komplementärmedizin bedient, attestiert dem australischen Gutachten durchaus Schwächen: „Mein Hauptkritikpunkt ist, dass nur Studien mit mehr als 150 Teilnehmern eingeschlossen wurden“, sagt der Experte. Viele positive Studien hätten kleinere Teilnehmerzahlen und seien nicht berücksichtigt worden. „Der Bericht erläutert nicht, warum die Untergrenze bei 150 Probanden lag“, kritisiert Teut. „Meines Wissens gibt es dafür keine Begründung.“

Zwar räumt auch der Charité-Mediziner, der sich auf die Behandlung chronischer Krankheiten spezialisiert hat, ein, dass es um die Evidenz in der Homöopathie bislang nicht allzu gut bestellt ist. „Inwieweit homöopathische Arzneimittel einem Placebo überlegen sind, ist unklar“, sagt Michael Teut. Für viele Indikationen gebe es keine Studien und vorhandene Untersuchungen lieferten widersprüchliche Ergebnisse. Auch Studien der Charité, bei denen Homöopathika zuletzt gegen Depressionen und Rückenschmerzen eingesetzt wurden, erbrachten keine überzeugenden positiven Resultate.

Allerdings verweist Teut auf eine Übersichtsarbeit zur individualisierenden Homöopathie, bei der zunächst eine ausführliche Anamnese erfolgt, sodass die Gabe eines Mittels auf den jeweiligen Patienten genau abgestimmt werden kann. „Diese Meta-Analyse ist qualitativ hochwertig, gut publiziert, aber kaum bekannt“, sagt der Mediziner. „Vor allem aber zeigt sie, anders als das australische Gutachten, dass Homöopathika Placebos bei einigen Erkrankungen durchaus überlegen sind.“

Für die Übersichtsarbeit hatte das Team um den Physiologen Robert Mathie von der British Homeopathic Association die vollständigen Daten von 22 Studien ausgewertet, bei denen die Wirkung von Homöopathika mit denen eines Placebos verglichen wurde – und zwar ohne dass Arzt und Patienten wussten, wer die echte Zubereitung erhalten hatte und wer nicht. Eingesetzt wurden die Mittel bei 24 unterschiedlichen Diagnosen.

Hochwertige Studien fehlen

Im Schnitt war die Wirkung der homöopathischen Mittel etwa anderthalb mal so gut wie die der Placebos. Die Autoren um Robert Mathie schließen daraus, dass Homöopathika, die auf der Basis einer individualisierten homöopathischen Arzneifindung verschrieben werden, einen kleinen, aber spezifischen Therapieeffekt haben. Gleichwohl fordern die Wissenschaftler weitere, qualitativ hochwertige Studien, um die Ergebnisse ihrer Analyse zu untermauern.

Denn sicher scheint derzeit vor allem nur eines zu sein: Wer an die Kraft der Homöopathie glaubt, dem wird sie in der Regel nicht schaden, sondern eher helfen.

Und welchem Kind, das sich auf dem Spielplatz eine Schramme oder Beule geholt hat, würden ein paar Zuckerkügelchen von Mama oder Papa nicht gut tun.