Was haben wir aus der Corona-Pandemie gelernt? Wenig, sagen Experten

Klimawandel, neue Viren, alte Fehler: Deutschland ist schlecht auf Krisen vorbereitet, sagen Wissenschaftler. Es gibt viele Probleme – aber auch Lösungen.

Feldbetten vor dem Reichstagsgebäude: Patienten mit Long Covid demonstrieren für mehr Forschung zum Fatigue-Syndrom.
Feldbetten vor dem Reichstagsgebäude: Patienten mit Long Covid demonstrieren für mehr Forschung zum Fatigue-Syndrom.Sabine Gudath

Die schlechte Nachricht zuerst. Ferdinand M. Gerlach hat sie kurz und knapp formuliert. „Unser Gesundheitssystem ist für Krisen weiterhin nicht gut gewappnet“, sagte der Vorsitzende des Sachverständigen-Rats Gesundheit und Pflege (SVR) am Donnerstag. Und: „Unsere Analyse von Stärken und Schwächen des Gesundheitssystems zeigt, dass aus den aktuellen Krisen nicht die notwendigen Schlüsse gezogen wurden.“ Aus der Corona-Pandemie zum Beispiel. In einem Gutachten hat der SVR diese Erkenntnis begründet und Vorschläge gemacht, wie es besser gehen könnte. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kommentierte diesen Bericht wohlwollend und leitete ihn an Bundestag und Bundesrat weiter. Welche Konsequenzen daraus folgen, wird sich zeigen.

Die Pandemie klingt ab in Europa, in Deutschland. Diskutiert wird die Frage, ob sie nach fast drei Jahren nun schon beendet ist oder sich erst auf dem Weg dorthin befindet. Ob es sinnvoll erscheint, Vorschriften zum Schutz der Bevölkerung und des Gesundheitssystems komplett fallen zu lassen und jedem Einzelnen selbst zu überlassen, wie er mit dem Virus umgeht. Experten denken jedoch längst über diese Frage hinaus. Spezialisten wie der Kölner Intensivmediziner Christian Karagiannidis zum Beispiel oder Charité-Professorin Carmen Scheibenbogen, Expertin für das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS), eine Langzeitfolge von Corona-Infektionen. Jetzt hat sich Medizinprofessor Gerlach dazu geäußert.

„Wir haben weniger ein Erkenntnisproblem als vielmehr ein Daten- und Umsetzungsdefizit festgestellt“, sagte Gerlach: Dies gelte für die Vorbereitung auf Krisen insgesamt und dürfe nicht so bleiben. Bei genauer Betrachtung sei das deutsche Gesundheitssystem „ein behäbiges Schön-Wetter-System“. Ein Dauerthema ist die unzureichende Digitalisierung. Ein anderes das Problem des schlecht abgestimmten Zusammenspiels zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Da hakt es an vielen Stellen. „Das Ergebnis insgesamt ist häufig schlechter, als angesichts des hohen Mitteleinsatzes zu erwarten wäre“, sagte Gerlach. Rund 1,2 Milliarden Euro setzt das deutsche Gesundheitswesen um – pro Tag. Viel Geld, findet der SVR-Vorsitzende, für einen relativ bescheidenen Ertrag.

„Weder auf die Folgen des Klimawandels noch auf die Pandemien ist unser Gesundheitswesen vorbereitet“, sagte Gerlach. Beides sei sehr eng miteinander verbunden. „Durch die zunehmenden Temperaturen werden wir auch ganz gravierende Veränderungen im Spektrum der Krankheitserreger in Deutschland erleben“, sagte Pharmakologin Petra Thürmann. „Wir haben jetzt schon Keime in der Ostsee, da hätten wir nie gedacht, dass wir die in unseren Breitengraden jemals erleben.“

Pandemie: Experten fordern Frühwarnsystem

Doch nicht einmal die technisch einfachsten Mittel würden genutzt, um schnell auf Krisen zu reagieren, sagte Thürmann, die ebenfalls dem Sachverständigenrat angehört. Tagesaktuelle Daten zum Beispiel darüber, wie viele Menschen wegen gesundheitlicher Probleme durch hohe Temperaturen in eine Notaufnahme eingeliefert werden, die vielleicht sogar aufgrund von Hitze sterben. Auch auf diesem Gebiet legte die Corona-Pandemie schonungslos die Schwächen des Systems offen: Es dauerte unter anderem zwei Jahre, bis in Deutschland im Abwasser nach Spuren von Sars-Cov-2 gesucht wurde, um ein besseres Bild des Infektionsgeschehens zu erhalten.

Christian Karagiannidis gehört zum Corona-Expertenrat der Bundesregierung, einem weiteren Gremium, das Minister Lauterbach berät. Er spricht als Intensivmediziner, wenn er sagt: „Ich halte Frühwarnsysteme für aktuelle und zukünftige Viren und deren Varianten, insbesondere über Corona hinaus, für essenziell. Das war ja einer der Hintergründe für die Etablierung des Pandemic Hub der WHO in Berlin.“ Der Stabsstelle der Weltgesundheitsorganisation. Inzidenzen zu messen, werde weniger bedeutsam sein, meinte der Professor an der Universitätsklinik Köln, „dafür benötigen wir dringend mehr Informationen, wie viele Patientinnen mit welcher Infektion hospitalisiert werden.“

Surveillance ist das Stichwort, das dem Mediziner zufolge in den Fokus rückt: Überwachung. Karagiannidis empfiehlt in einer Einschätzung gegenüber dem Wissenschaftsportal Science Media Center, ein solches Instrument beim Robert-Koch-Institut anzusiedeln. Die Bundesregierung solle in Surveillance investieren. Welche Viren führen dazu, dass Menschen ins Krankenhaus müssen, wie viele betrifft das? Um eine Antwort darauf und ein möglichst aktuelles Bild der Lage zu erhalten, schlug Karagiannidis vor, ausschließlich „mit automatisierter Datenausleistung“ zu arbeiten. Dies fordert auch das Gutachten des SVK. 

In jeder Krise steckt eine Chance, das ist immerhin das Grundmotiv, das sich durch die wissenschaftliche Debatte rund um die abklingende Corona-Pandemie zieht. „Wir haben in der Pandemie gemeinsam viel erreicht – es ist beeindruckend zu sehen, was die Gesellschaft, Forschung und Medizin gemeinsam erreichen konnten“, sagte etwa Christoph Spinner, Pandemiebeauftragter des Klinikums rechts der Isar in München. Die gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse werden wichtig sein. Denn die nächste globale gesundheitliche Krise kommt bestimmt.

Pandemien werden immer wahrscheinlicher

Jährlich gesehen liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund zwei Prozent, dass eine solche Krise eintritt. Das besagt eine Studie der Universität Padua von 2021. Eine Gruppe um den Umweltingenieur Marco Marani zog für diese Analyse Daten ehemaliger Epidemien von 1600 bis zur Gegenwart als Basis heran. Zwei Prozent klingen zunächst wenig beunruhigend, doch macht die Prognose der Wissenschaftler wenig Hoffnung. Demnach wird es in Zukunft immer öfter zu solchen weltumspannenden Ereignissen kommen. Innerhalb der nächsten sechs Jahrzehnte steigt den Berechnungen zufolge das Risiko um ein Drittel.

Solche Voraussagen mögen lediglich eine Tendenz aufweisen, zeigen jedoch, wie wichtig es ist, früh den Beginn einer Pandemie zu erkennen, den jetzt gewonnenen Erkenntnissen und Erfahrungen nach zu handeln. Es sei zum Beispiel zu überlegen, sagte Clara Lehmann, „wie man besser informieren oder wie die Bevölkerung geschult werden kann“. Die Fachärztin für Innere Medizin, Infektiologie und Reisemedizin an der Uniklinik Köln verweist auf einen weiteren Aspekt, wenn sie empfiehlt zu fragen, „welche Rolle die Wissenskommunikation und der Wissenstransfer für zukünftige Ausbrüche oder gar Pandemien spielt“. Wenn möglichst viele ein Problem erfassen, lässt es sich besser lösen?

Das gilt besonders für die gesundheitlichen Folgen von Corona. Nicht für alle Menschen zeichnet sich ein Ende der Pandemie ab, für eine Gruppe der Bevölkerung ist sie noch lange nicht vorbei. Experten gehen davon aus, dass zehn Prozent der an Covid-19 erkrankten Patienten mit Spätfolgen zu kämpfen haben, an Long Covid, am Post-Covid-Syndrom leiden.

Carmen Scheibenbogen leitet die Immundefekt-Ambulanz an der Charité in Berlin und ist Expertin für ME/CFS, für Fatigue, sie sagt: „Die WHO schätzte im September 2022, dass allein in Europa 17 Millionen Menschen von Long Covid betroffen sind. Bei etwa der Hälfte halten Fatigue, neurokognitive Defizite oder Kreislaufstörungen, aber auch viele weitere Beschwerden nach drei Monaten an und führen zu relevanten Beeinträchtigungen im Alltag.“ Dabei komme es häufig zu einer Belastungsintoleranz, die Symptome würden sich verstärken, was „bereits nach leichten Aktivitäten zu Problemen führt und Alltag und Beruf zu einer Herausforderung macht“.

Schon vor der Pandemie litt etwa eine Viertelmillion Menschen in Deutschland an ME/CFS, durch die Pandemie hat sich die Zahl der Betroffenen fast verzehnfacht. Eine große Herausforderung kommt auf das Gesundheitssystem zu. Für die Berliner Professorin Scheibenbogen ergibt sich daraus: Solange Long Covid nicht heilbar ist, muss die Behandlung von Symptomen verbessert werden. „Chronisch Erkrankte sollten zur Diagnosesicherung und Erstellung eines Therapiekonzepts an spezielle Ambulanzen oder Praxen überwiesen werden können, die jedoch bislang unterfinanziert und oft nur einseitig ausgerichtet sind und lange Wartezeiten haben.“

Ein weiterer entscheidender Punkt: Medikamente, die schon jetzt gegen Mechanismen von Long Covid eingesetzt werden können, gegen Autoimmunität zum Beispiel, müssen auf ihre Wirksamkeit bei Corona-Spätfolgen getestet werden. „Hier ist ein vermehrtes Engagement der Politik und der pharmazeutischen Industrie dringend notwendig“, sagte Carmen Scheibenbogen.

Long Covid wird zur großen Herausforderung für die Gesellschaft

Der Kölner Intensivmediziner Karagiannidis sieht in der Heilung von Long Covid ebenfalls eine der politischen Kernaufgaben der Gesundheitspolitik für die nähere Zukunft. Er fordert, dass in die Diagnostik und Therapie von Long Covid, vor allem des Chronischen Fatigue-Syndroms, sehr viel investiert werden sollte. „Hier haben wir weiterhin die größten Defizite“, sagte er und wünschte sich für 2023, dass die unterschiedlichen Krankheitsbilder von Long Covid nach Schweregraden erfasst werden, „so, wie es für viele internistische Erkrankungen üblich ist“. Bei Herzinsuffizienz etwa oder der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). „Das würde enorm helfen, die große und heterogene Gruppe der Long-Covid-Fälle viel besser zu fassen und zu klassifizieren. Damit würden sich in meinen Augen auch viele scheinbare Widersprüche auflösen.“

Tatsächliche Widersprüche beklagte Ferdinand M. Gerlach, der Chef des Sachverständigenrats Gesundheit und Pflege. Zum Beispiel sieht er sie darin, dass es schon vor Corona Pläne für den Fall einer Pandemie gab, doch: „Die lagen in irgendwelchen Schubladen, waren veraltet, weil zum Beispiel der ambulante Bereich der medizinischen Versorgung nicht berücksichtigt wurde. Allerdings ging es dabei nur um Influenza.“ Die Pläne müssten angepasst werden, alle Beteiligten danach trainiert und diejenigen Akteure des Gesundheitswesens bei Bedarf abgestraft werden, die sich nicht daran halten.

Und Karl Lauterbach? Der gibt sich optimistisch. „Wenn das nächste Virus zur Gefahr wird, werden wir international wie national besser aufgestellt sein“, sagte der Gesundheitsminister, als er das SVR-Gutachten in Empfang nahm. Daran muss er sich messen lassen. Vermutlich in nicht allzu ferner Zukunft.