Hanh Nguyen-Schwanke hat 2014 den Verlag Horami gegründet. 
Foto:  Horami

BerlinIm Urlaub in Vietnam wäre dieses Buch sicher eine Hilfe. Gesetzt den Fall, man wollte beim Arzt schildern, dass das eigene Kind stechende Schmerzen hat: auf vietnamesisch „Con tôi bi dau nhoi“. So steht es auf Seite 86 des Buchs „Kindergesundheit“, das die Berlinerin Hanh Nguyen-Schwanke gerade in Kooperation mit der Charité herausgegeben hat.

Für eine solche Verwendung ist der bilinguale Sprachführer „Kindergesundheit“ allerdings nicht gedacht. Stattdessen sollen Vietnamesisch sprechende Menschen es mit diesem Buch in Deutschland beim Arzt leichter haben. Offenbar leben in der deutschen Hauptstadt, aber auch im ganzen Land, so viele Menschen, die zwar fließend vietnamesisch, aber nur unzureichend deutsch sprechen, dass es sich lohnt, einen direkt beim Arzt verwendbaren Sprachführer zu verfassen.  

Vietnamesischer Ratgeber für Kindergesundheit

Neben Formulierungshilfen beim Arztbesuch gibt der Ratgeber Antworten auf verschiedene Fragen der Schwangerschafts- und frühkindlichen Vorsorgeuntersuchungen, er erklärt das deutsche Gesundheitssystem und er gibt Anleitung in Notfällen. Zum Beispiel wird erläutert, was zu tun ist, wenn ein Kind einen Legostein verschluckt hat. Es gibt eine Anleitung mit Bildern für eine Herzdruckmassage bei Säuglingen, für Mund-zu-Mund-Beatmung bei Babys und Kleinkindern. In Listen sind Diagnosen und ärztliche Anordnungen zweisprachig aufgeführt. Es sind Telefonnummern abgedruckt, neben zentralen Notrufnummern auch von Vergiftungszentralen. Insofern ist es auch ein Aufklärungs- und Servicebuch, sehr praxisorientiert.

Das Buch richtet sich an Eltern, Großeltern und andere Verwandte, die in Deutschland Kinder betreuen. „Das deutsche Gesundheitssystem bietet für junge Familien sicherlich eine gute Versorgung, es ist aber auf den ersten Blick nicht leicht durchschaubar, insbesondere, wenn die Eltern aus einem anderen Land stammen“, schreibt Susanna Wiegand, Oberärztin für Kinderheilkunde der Charité, in dem im Buch abgedruckten Vorwort. Der Ratgeber ist in Zusammenarbeit mit Ärzten der Universitätskliniken Charité und dem UKSH Lübeck sowie dem Gesundheitsamt Lübeck entstanden.

13.000 Vietnamesen in Berlin

Hanh Nguyen-Schwanke hat das Buch gemeinsam mit einer zweiten Autorin Trang Schwenke-Lam verfasst und dann in ihrem deutsch-vietnamesischen Verlag Horami veröffentlicht. Mit diesem Verlag will sie allerdings auch einen Beitrag zur Integration von Kindern und Familien leisten. „In Berlin leben zwölf- bis dreizehntausend Vietnamesen, deutschlandweit sind es nach offiziellen Zahlen 150.000“, sagt Hanh Nguyen-Schwanke. Dazu kommen Menschen wie sie selbst, mit vietnamesischen Wurzeln, aber mit deutschem Pass.

An einem sonnigen Tag Anfang Februar sitzt Hanh Nguyen-Schwanke in einem vietnamesischen Lokal in Mitte und erzählt von ihrem Projekt und was sie antreibt dabei. Es ist um die Mittagszeit. Das Lokal ist beliebt. Es ist viel Betrieb. Nicht nur Vietnamesen kommen her, um dort zu essen. Hanh Nguyen-Schwanke hat vietnamesischen Kuchen bestellt. Vor ihr auf dem kleinen Tischchen liegt der Ratgeber.

Sie hat noch ein zweites Buch mitgebracht, um deutlich zu machen, wie ihr Verlag arbeitet. „Meine kleine Welt“, heißt es. Es ist ein deutsch-vietnamesisches Wimmelbilderbuch mit einfachen Bezeichnungen in beiden Sprachen für Kinder ab drei Jahren. Es gibt Illustrationen aus beiden Lebenswelten. Es ist der Bestseller des Verlags. 2000 dieser Bücher hat sie bereits in Deutschland verkauft und 4000 in Vietnam. Als nächstes soll ein Buch über ein vietnamesisches Berlin erscheinen.

Hanh Nguyen-Schwanke kennt die Zielgruppe

Hanh Nguyen-Schwanke ist 37 Jahre alt. Sie ist in Hanoi geboren, mit zwölf Jahren kam sie nach Deutschland. Sie hat Betriebswirtschaft studiert und arbeitete bei einer großen Unternehmensberatung als Wirtschaftsprüferin. Irgendwann beschloss sie, etwas Eigenes zu machen und auch etwas zurückzugeben an das Land, das ihre Familie aufgenommen hat.

Von Ärzten der Charité empfohlen 

Hanh Nguyen-Schwanke, Trang Schwenke-Lam: Kindergesundheit Bilingualer Ratgeber und Sprachführer, Horami, Berlin 2019. 176 S., 24,99 Euro 

Sie sagt, sie kenne ihre Zielgruppe sehr genau. „Es gibt jene Vietnamesen, die als Boat-People in den 70er- Jahren gekommen sind, dann diejenigen, die als Vertragsarbeiter in die DDR einwanderten. Mein Vater kam im akademischen Austausch als Doktorand nach Karl-Marx-Stadt“, sagt sie. Und dann leben natürlich mittlerweile auch deren Kinder mit ihren Familien im Land.

Hanh Nguyen-Schwanke: „Es gab keine bilingualen Büchern“

Hanh Nguyen-Schwanke fühlt sich gleich in mehrfacher Hinsicht dazu berufen, sich um diese Zielgruppe zu kümmern: „Die vietnamesische Gemeinschaft in Deutschland ist unsichtbar“, sagt sie. Man sehe sie zwar als Blumenverkäufer oder Restaurantbetreiber, aber die meisten sehe man eben nicht. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, haben eine Ausbildung absolviert oder studiert. Dazu kommen jene, die in den letzten Jahren als Pflegekräfte ins Land gekommen sind. Hanh Nguyen-Schwanke hat ihren Verlag 2014 gegründet. Es war die Zeit, in der auch ihr Sohn zur Welt kam. „Ich habe mich nach bilingualen Büchern umgesehen, aber es gab keine“, sagt sie. Also änderte sie das.

Buchvorstellung: 

Sonntag, 16-18.30 Uhr mit Ärzten, Hebammen und Familienhelfern in der Corpus Christi Gemeinde, Conrad-Blenkle-Str. 64, 10407 Berlin. Der Eintritt ist frei.

Vietnamesischer Ratgeber soll Selbstbewusstsein stärken

Der Verlag ist noch klein. Sie kann noch nicht davon leben. Aber sie hat große Ziele. „Die Kinder, die hier aufwachsen, wachsen in sehr speziellen Verhältnissen auf, im deutschen Umfeld, aber in traditionellen Familien. Die Eltern sparen und schicken ihre Kinder auf teure Unis“, sagt sie. Sie wollten auch für ihre kleinen Kinder Bildung. Sprache sei sehr wichtig, sagt Hanh Nguyen-Schwanke.

Besonders wichtig findet sie, dass die Kinder sowohl im Deutschen wie auch im Vietnamesischen sicher und fehlerfrei agierten. Es geht auch um Teilhabe an der Gesellschaft. Aktives Vorlesen soll den Kindern als Brücke dienen. Vietnam, die Kultur und auch die Sprache seien schließlich Teil ihrer Geschichte. „Ich finde es wichtig, bei den Kindern Sympathie und Neugier zu wecken“, sagt Hanh Nguyen-Schwanke.

Am Anfang war ihre Verlagsgründung nur eine spontane Idee. Mittlerweile treibt sie vor allem die positive Resonanz an. Was als Eltern-für-Eltern-Projekt begann, stellt heute an ihre Arbeit den Anspruch, Eltern in der Kommunikation mit Ärzten zu befähigen. Der Sprachführer gebe den Eltern die Möglichkeit nachzufragen, ärztliche Anordnungen zu hinterfragen und eine zweite Meinung einzuholen. „Das verleiht auch Selbstbewusstsein“, sagt Hanh Nguyen-Schwanke. Das kann man immer gebrauchen.