Psychische Krankheiten können oftmals zu Fehltagen bei der Arbeit führen.
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Berlin Beschäftigte aus Berlin und Brandenburg waren im Jahr 2018 durchschnittlich 19,8 Tage krankgeschrieben. Damit sind die 2,33 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in beiden Ländern insgesamt fast 46 Millionen Arbeitstage ausgefallen. Für Arbeitgeber bedeutet das einen Produktionsausfall von insgesamt knapp 4,2 Milliarden Euro. 

Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle länderübergreifende Gesundheitsbericht Berlin-Brandenburg 2019, der alle zwei Jahre erstellt wird. Es ist die fünfte Auflage des Reports, der einen Überblick über die gesundheitliche Lage aller Beschäftigten in Berlin und dem Nachbarland Brandenburg geben soll. Die Daten, die das Berliner Iges Institut im Report zusammengefasst hat, kommen von fünf Krankenkassen, der Unfallversicherung und der Deutschen Rentenversicherung.

Die Daten von 68 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigen fließen so in die Analyse ein. Ein Fokus wurde in diesem Jahr auf psychische Erkrankungen gelegt. Schaut man auf die Entwicklung der vergangenen Jahre, ist der standardisierte Krankenstand im Jahr 2018 weiter konstant geblieben. Er liegt bei 5,1 Prozent, auch in den Jahren zuvor lag der Anteil der Fehltage im Fünf-Prozent-Bereich.    

Hoher Krankenstand hängt mit hohem Alter zusammen

Damit liegt Berlin auf dem Niveau des Bundesdurchschnitts (5,1 Prozent). Standardisiert bedeutet, dass die Werte auf die Altersstruktur des Bundes umgerechnet wurden, damit eine bessere Vergleichbarkeit möglich ist. „Der Krankenstand in dieser Region stabilisiert sich. Das ist ein gutes Signal“, fasste Kai Uwe Bindseil, Gesundheitsmanager bei Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie zusammen. Allerdings sei der Krankenstand in Brandenburg höher, aber auch hier auf einem konstanten Niveau.

Er lag im Jahr 2018 bei 5,9 Prozent. Die Schere sei nicht weiter aufgegangen. „Das ist erfreulich“, so Bindseil weiter. Je höher das Alter, desto mehr Krankheitstage werden verzeichnet: Ein unter 30-Jähriger ist in etwa halb so oft krank wie ein über 50-Jähriger. Die meisten Fehltage in Berlin und Brandenburg entstanden in Folge von Muskel-Skelett-Erkrankungen, an zweiter Stelle kommen psychische Störungen oder Verhaltensstörungen sowie Atemwegserkrankungen. In Berlin sind dabei am stärksten Menschen betroffen, die im Bereich Wasserversorgung, Abwasser und Abfallentsorgung tätig sind.

Dahinter folgt der Bereich Öffentliche Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung, an dritter Position Verkehr und Lagerei und an vierter das Gesundheits- und Sozialwesen. Den hohen Krankenstand in der Öffentlichen Verwaltung erklärt Bindseil unter anderem mit dem hohen Altersdurchschnitt in der Berliner Verwaltung. „Das ist anders als bei einem Start-up oder bei Neugründungsunternehmen“, sagte Bindseil. Tatsächlich liegt der Altersdurchschnitt in der Verwaltung in Berlin bei 48 Jahren – er sinkt nur langsam.

Krankenstand in Berlin und Brandenburg. 
Grafik: BLZ/ Galanty
Wichtigste Erkrankungsgruppen in Berlin und Brandenburg.
Grafik: BLZ/ Galanty

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) glaubt, dass es auch daran liege, dass in der Öffentlichen Verwaltung eine andere Kultur herrsche: In Betrieben, in denen Gesundheitsmanagement ein Thema sei, würden Menschen ihre persönliche Gesundheitssituation anders einschätzen als in Unternehmen, in denen das Gefühl vorherrsche, dass man ein Problem bekäme, wenn man krank zu Hause bliebe, so Senatorin Kalayci. In Brandenburg führt der Bereich Öffentliche Verwaltung, Verteidigung und Sozialversicherung sogar die Liste des höchsten Krankenstands an.

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Große Unterschiede bei den Stadtteilen

Große Unterschiede gibt es zwischen den Stadtteilen. So verzeichnet man in den Bezirken Marzahn-Hellersdorf, Reinickendorf und Spandau einen höheren Krankenstand als zum Beispiel in Friedrichshain-Kreuzberg oder Mitte. In Brandenburg weisen die Landkreise Barnim, Ostprignitz-Ruppin und Märkisch-Oderland die häufigsten Fehlzeiten auf, während die Menschen in Potsdam, Cottbus und Frankfurt/Oder am wenigsten krank waren.

Gründe für die Differenz könnte die unterschiedliche Altersstruktur, die unterschiedliche sozio-ökonomische Struktur sowie die Beschäftigung der Arbeitnehmer in unterschiedlichen Branchen sein. Die häufigsten Arbeitsunfälle erleiden Männer, während Frauen öfter fehlen, weil sie unter den Folgen einer psychischen Erkrankung leiden. So kommen in Berlin hier auf 100 angestellte Frauen im Jahr 2018 insgesamt 436 Fehltage, in Brandenburg sind es sogar 521 Tage.

Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen

Berliner Männer fehlten dagegen wegen psychischer Erkrankungen an 249 Tagen, im Nachbarland an 269 Tagen. Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist psychische Gesundheit ein Zustand des Wohlbefindens, in dem das Individuum seine Fähigkeiten und Potenziale nutzt, um die normalen Lebensbelastungen zu bewältigen. Im Zeitverlauf hat die Zahl derer, die wegen psychischer Erkrankungen bei der Arbeit fehlten, zugenommen – sowohl in Berlin als auch in Brandenburg.

Seit 2014 haben sich die Zahlen auf hohem Niveau stabilisiert. In Berlin spielen sie mit rund 18 Prozent Anteil am Krankenstand eine größere Rolle als in Brandenburg mit rund 15 Prozent. Pro Fall kommt man in Berlin 2018 auf eine Fehlzeit von 34 Tagen, in Brandenburg auf 32 Tage. Schaut man tiefer in die Analyse, stellt man fest, dass es vor allem „depressive Episoden“ sind, die zu den Fehltagen führen. Dahinter folgen Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen.

Vor allen bei Berufen mit hohen sozial-emotionalen Anforderungen kommt es zu solchen psychischen Erkrankungen. Der Verwaltungsbereich führt hier die Liste an, an zweiter Stelle steht das frauendominierte Gesundheits- und Sozialwesen. Also eine Branche, in der wegen der hohen Belastungen die Angestellten durchschnittlich nur acht Jahre im Beruf bleiben und zudem in Teilzeit arbeiten. Fast ein Fünftel der Rentenzugänge aufgrund einer psychischen Erkrankung waren 2017 und 2018 bei Männern auf alkoholbedingte Erkrankungen zurückzuführen.

Thema noch nicht anerkannt

Bei den Frauen war es dagegen nur etwa ein Dreißigstel.
Sie nehme die Ergebnisse des Reports als Gesundheitssenatorin sehr ernst, sagte Kalayci. Das erwarte sie auch von den Arbeitgebern. „Sie müssen das betriebliche Gesundheitsmanagement voranbringen und Arbeitsplätze so gestalten, dass ihre Angestellten gerne für sie arbeiten“, sagte die SPD-Politikerin. Ein besonderes Augenmerk müsse daher auf den psychischen Erkrankungen liegen. „Mit über 30 Fehltagen pro Fall zeigt sich, welche schwerwiegenden Auswirkungen psychische Erkrankungen haben.“

Arbeitgeber müssten mit Präventionsmaßnahmen und schnellen Hilfen reagieren. Das sieht auch die Vorsitzende des Vorstands der AOK Nordost, Daniela Teichert, so. Psychische Erkrankungen hätten sich in den vergangenen Jahren verstärkt. „Wir sehen auch, dass viele Arbeitgeber das Thema aber nicht erkannt haben“, sagte sie. Dabei ist die Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung sogar eine arbeitsschutzgesetzliche Pflicht.

Beratungsangebote wahrnehmen

„Es gibt dieses Instrument, aber das ist noch nicht bei allen Unternehmen angekommen“, so Teichert. Das müsse einfach besser genutzt werden. Zahlreiche Beratungsangebote und individuelle Maßnahmen stünden in den Koordinierungsstellen der Sozialversicherungsträger bereit, sei es im Bereich Arbeitsschutz, betriebliche Gesundheitsförderung oder betriebliches Eingliederungsmanagement.

Aber noch immer täten sich Unternehmen damit schwer. Sie appellierte an die Arbeitgeber, diese Möglichkeiten auch zu nutzen. Der Gesundheitsbericht zeige deutlich, wie wichtig es sei, frühzeitig in die physische und psychische Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren.