Berlin - Der Musiker und die Virologin sind sich schon mal begegnet. Zumindest wenn man den Begriff Begegnung sehr weit fasst. Es war in Wolfsburg, am 1. September 2019, Gitarrist Julius Hartog stand in der Band des Popsängers Andreas Bourani auf der Bühne. Natürlich spielten sie auch „Auf uns“, den zur Fußball-WM-Hymne mutierten Song. Und im Publikum, dicht an dicht mit den anderen Fans, war auch Melanie Brinkmann, Professorin an der Technischen Universität Braunschweig und Leiterin einer Arbeitsgruppe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung.

Damals hat sie ihm zugehört. Heute hört er ihr zu. Es imponiert ihm, wie sie und andere Wissenschaftler ihre Position in der Pandemie vertreten und es ertragen, in den Medien mal gepriesen, mal runtergeputzt zu werden. Julius Hartog hat die Sache intensiv verfolgt. Als Bürger. Und als Musiker. Aus dieser Perspektive ist ihm klar geworden, dass in der Pandemie seit Monaten viel schiefläuft hierzulande. Für ihn steht fest, dass die „No Covid“-Strategie, die ein interdisziplinäres Forscherteam um Melanie Brinkmann seit Januar propagiert und mit praktischen Vorschlägen unterfüttert, der einzig richtige Weg ist.

Und so kam es, dass Julius Hartog, der Gitarrist, der endlich wieder vor Publikum auf der Bühne stehen möchte, mit der Virologin Melanie Brinkmann ins Gespräch kam und ihr seine Unterstützung anbot. „Die Pandemie muss unter Kontrolle. Vorher ist Kultur nicht möglich“, sagt Hartog. Es ärgert ihn, wie sehr die Idee in der Öffentlichkeit in Misskredit gebracht wurde. Zusammen mit anderen Künstlern will er sich jetzt dafür einsetzen, dass „No Covid“ eine Chance bekommt.

Herr Hartog, wann dämmerte Ihnen, dass das neuartige Coronavirus ein richtig großes Problem ist?

Als im März 2020 die großen Veranstaltungen abgesagt wurden: Messen, Fußballspiele, Konzerte. Da war mir klar, dass die Pandemie jetzt bei uns angekommen ist. Seitdem habe ich mich total in das Thema eingearbeitet. Ich war schon immer vielseitig interessiert. Ich habe sechs Zeitungsabos, in meinem Umfeld und Freundeskreis gibt es Journalisten, Mediziner, auch einen Virologen. Corona hat mich dazu gebracht, auch zu verfolgen, was zum Beispiel in den USA und Großbritannien berichtet und diskutiert wird. Ich habe mich intensiv mit den wissenschaftlichen Fragen der Pandemie beschäftigt.

Den Rapper Smudo hat die Pandemie dazu gebracht, mit Verve die Kontaktverfolgungs-App Luca zu initiieren. Sie haben sich in die Pandemieproblematik vertieft. Ist das typisch für Musiker, sich in ein neues Thema voll reinzuknien?

Als Künstler arbeite ich gerne mit Perspektivwechseln. Es hat mich gereizt, dieses Pandemiethema zu durchdringen. Wahrscheinlich haben Musiker und Wissenschaftler einiges gemeinsam. Wir Musiker sind auf eine Art auch Forscher. Wir ergründen, schauen über Grenzen hinweg, üben sehr viel. Und wir sind es gewohnt, uns in eine Aufgabe zu vertiefen, uns zu fokussieren. Insofern gibt es da schon Parallelen.

Foto: Paul Hüttemann
Zur Person

Julius Hartog, 41, ist Gitarrist und Songwriter. Er arbeitet seit mehr als zehn Jahren vor allem mit dem Deutsch-Pop-Künstler Andreas Bourani zusammen. Er hat mit Bourani zum Beispiel den Song „Auf uns“ geschrieben, der 2014 im Jahr der Fußball-WM zu einer Art Hymne der Nationalmannschaft wurde. Der gebürtige Bremer hat Jazzmusik studiert und lebt seit 2005 in Berlin.

Sind Sie wütend, dass die gesamte Kulturbranche durch die Pandemie stillgelegt wurde?

Für mich persönlich war es kein so großer Schock, weil ich für 2020 ohnehin keine Konzerte geplant hatte. Ich arbeite hauptsächlich mit Andreas Bourani zusammen. Wir hatten gerade unsere Tour beendet und wollten erst mal wieder neue Songs schreiben. Ich habe aber sehr viel Mitgefühl mit Kollegen, deren Touren wegen Corona abgesagt wurden. Denn so eine Konzerttour ist wichtig. Davon lebt man als Musiker auch einige Monate danach noch. Wenn das wegbricht, ist das extrem bitter.

Wie geht es diesen Kollegen jetzt?

Die Musiker, die ich kenne, kommen irgendwie durch. Manche mussten allerdings Hartz IV beantragen. Was mich wütend macht: Es gab so viele Hilfspakete von der Regierung, man hat die Lufthansa gerettet und noch viel mehr. Aber die Kultur, die wurde zu lange übersehen.

Hygienekonzepte funktionieren nur bei niedriger Inzidenz

Es gibt viele Künstler, die im Herbst gegen den Wellenbrecher-Lockdown waren. Sie verwiesen auf die guten Hygienekonzepte und dass es bei kulturellen Veranstaltungen keine Ansteckungen gab. Haben Sie das auch so gesehen?

Nein, es gibt gewiss gute Hygienekonzepte, aber die funktionieren nur bei niedriger Inzidenz. Wenn es viele Infektionen gibt, dann kann es auch in Restaurants, Kinos und Konzertsälen zu Ansteckungen kommen. Mir ist schnell klar geworden, dass Kultur nur möglich ist, wenn die Fallzahlen niedrig sind. Und ich verstehe nicht, wieso es mehr als ein Jahr nach Pandemiebeginn immer noch nicht gelungen ist, in der öffentlichen Debatte klar aufzuzeigen, dass niedrige Fallzahlen der einzige Weg sind. Das zu vermitteln und zu verstehen ist keine hoch komplizierte Sache.

Viele Menschen verbinden niedrige Fallzahlen mit einem Dauerlockdown.

Den „No Covid“-Leuten wird ja auch vorgeworfen, Lockdown-Fanatiker zu sein. Es ist im höchsten Maße unfair, wie dieses Konzept teilweise verunglimpft wurde. Mehr Verdrehung geht kaum. Die Literaturkritikerin Thea Dorn zum Beispiel hat in der Zeit geschrieben, die Idee von „No Covid“ bedrohe die freiheitliche Demokratie. Das zeigt, dass sie das Konzept anscheinend nicht gelesen hat. Denn wer für Freiheit ist, der sollte für „No Covid“ und niedrige Fallzahlen sein. Nur wenn das pandemische Geschehen unter Kontrolle ist, können wir zurück in den Alltag. Nur dann ist auch Kultur wieder möglich. Und für diese Kontrolle muss man schnell und beherzt reagieren, sobald die Fallzahlen steigen. Denn nur bei niedrigen Inzidenzen ist die Nachverfolgung zu leisten. Diesen Zeitpunkt haben wir im Oktober leider verstreichen lassen, das hat viele Menschenleben gekostet.

Im Oktober, als alles noch easy aussah, gab es Wissenschaftler wie Melanie Brinkmann und deren Braunschweiger Kollegen Michael Meyer-Herrmann, die für sofortiges beherztes Eingreifen plädierten. Ähnlich hatte es zuvor auch die Nationalakademie Leopoldina empfohlen. Und es gab die Virologen Hendrik Streeck aus Bonn und Jonas Schmidt-Chanasit aus Hamburg sowie Andreas Gassen, den Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die in Interviews und Talkrunden ein anderes Mantra hatten. Sie betonten, man brauche Gebote statt Verbote. Und man müsse lernen, mit dem Virus zu leben.

Damit hat sich die Debatte auf Nebenkriegsschauplätze verlagert. Und es wurden die falschen Narrative gepflegt. Dieses Gebot-statt-Verbote-Gerede fand ich eindimensional. Wenn die Fallzahlen exponentiell steigen, helfen Floskeln wie „Mit dem Virus leben lernen“ oder „Gebote statt Verbote“ nicht weiter. Es gibt weltweit kein Beispiel für ein Land, das darauf gesetzt hat, mit hohen Inzidenzen zu leben, und damit Erfolg hatte. Für die „No Covid“-Strategie, die auf extrem niedrige Fallzahlen setzt, gibt es übrigens mehrere gute Beispiele – von Finnland bis Australien. Eine essenzielle Erkenntnis der Pandemie ist, dass schnelles Handeln mehr Freiheit ermöglicht.

Woran liegt es, dass die vermeintlich einfachen Lösungen mehr Anklang fanden?

Die öffentliche Debatte war seit längerem in einer Schieflage. Einen großen Anteil daran haben die Medien. Das meine ich nicht pauschal. Es gibt viele Journalisten, vor allem Wissenschaftsjournalisten, die in dieser Zeit einen super Job gemacht haben. Teile der Medien jedoch haben bewusst Wissenschaftler gegeneinander ausgespielt. Da war plötzlich von zwei Lagern die Rede, in die zum Beispiel die Virologen gespalten seien. Es gab eine False Balance, also eine unausgewogene Auswahl der Experten. Wenn Außenseitermeinungen genauso viel Raum bekommen wie Mehrheitsmeinungen, dann entsteht leicht der Eindruck, dass sich „die Wissenschaft“ nicht einig ist. In den Talkshows hätte man besser deklarieren müssen, was Randpositionen sind und was der wissenschaftliche Konsens ist.

Unausgewogene Expertenauswahl in den Talkshows

Das ist in diesem schnelllebigen Pandemiegeschehen aber auch nicht leicht. Zumal Wissenschaftler mit vielen Unsicherheiten und unvollständiger Datenlage umgehen müssen und sich oft auch im Nachhinein korrigieren. So wie bei der Frage, ob Masken nützen. Oder bei der Frage, ob Kinder zum Infektionsgeschehen beitragen oder nicht.

Trotzdem ist es möglich, herauszufinden, was die Position der Mehrheit ist. Die Talkshowredaktionen hätten dazu mehr Expertise von Wissenschaftsjournalisten einholen müssen. Vielleicht wäre dann klar geworden, dass gewisse Forscher nicht jede Woche in die Runde bei Markus Lanz eingeladen werden müssen.

Meinen Sie Hendrik Streeck?

Zum Beispiel. Gefühlt war Hendrik Streeck mehr im Fernsehen als im Labor. Mittlerweile ist auch gut dokumentiert, dass er mit seinen Prognosen regelmäßig falschlag. Im Herbst hat er die Gefahren von „Long Covid“ mit der Häufigkeit von Flugzeugabstürzen verglichen. Er hat Anfang Oktober gesagt, 20.000 Neuinfektionen am Tag sollten uns keine Angst machen, obwohl die Intensivmediziner Alarm schlugen. Ich will damit nicht sagen, dass Forscher wie Streeck gar nicht gehört werden sollten. Aber es geht um Ausgewogenheit und Einordnung. Dass es daran hapert in den Talkshows, ist mir schon früh aufgefallen und ich habe bereits vergangenen April Briefe an die Redaktionen geschrieben. Leserbriefe schreiben, so etwas habe ich vorher noch nie gemacht. Leider hat es nicht viel genützt.

Jetzt hatten wir einen Dauerlockdown, viele Todesopfer, viele Kollateralschäden, immer noch hohe Fallzahlen, das Risiko der ansteckenderen Virusmutanten – aber steuern trotzdem Richtung Öffnung.

All das ist aus meiner Sicht auch eine Folge dieser False Balance. Außenseitermeinungen haben die Debatte beherrscht. Zuletzt wurde dann geraunt, die Bevölkerung verliere die Geduld. Also traut sich die Politik nicht und reagiert auf Öffnungswünsche. Im Grunde sind es drei Kernbotschaften, die die ganze Zeit gut hätten kommuniziert werden müssen.

Drei entscheidende Botschaften

Welche sind das?

Die erste Botschaft ist: Niedrige Fallzahlen sind die einzige Gewinnerstrategie. Wer das Gegenteil behauptet, sollte gute Belege dafür bringen. Die zweite Botschaft: Es gibt keinen Zielkonflikt zwischen Gesundheit und Wirtschaft. Hohe Fallzahlen schaden der Gesundheit und der Wirtschaft. Und die dritte Botschaft lautet: Das Virus ist schuld, nicht die Maßnahmen. Bei hohen Fallzahlen gehen viele Menschen freiwillig nicht auf Konzerte oder ins Restaurant, weil sie Angst vor dem Virus haben. Das alles war eigentlich schon im Sommer klar und hätte so vermittelt werden können. Wir müssen aus diesen Fehlern unbedingt lernen. Die dürfen im Kampf gegen den Klimawandel nicht passieren.

Das klingt nicht gerade aussichtsreich.

Es wird schwierig. Es wird auch wieder reflexartig diese Debatte über Verbote geben. Auf lange Sicht müssen wir künftig mehr auf das schauen, was uns verbindet, gemeinschaftlicher denken. Und interdisziplinär. In dieser Hinsicht ist die „No Covid“-Initiative ein gutes Vorbild. Sie sucht gemeinschaftlich und konstruktiv nach Lösungen.

Sehen Sie noch eine Chance für einen Kurs in Richtung „No Covid“?

Die Ausgangsbedingungen sind schwierig. Aber ich bin dafür, es zu versuchen und sich klarzumachen, dass der Weg das Ziel ist. Viele denken, dass „No Covid“ das Virus ausrotten will. Das ist aber nicht so. Die Strategie ist eher wie ein Richtungswechsel zu verstehen. Statt den Weg in Richtung zumutbare Auslastung der Intensivstationen zu gehen, sollten wir dem Weg folgen, der mit „null Infektionen“ ausgeschildert ist. Die Forscher haben eine Menge intelligente Konzepte ausgearbeitet – etwa zur Anwendung von Schnell- und Selbsttests, die uns in den nächsten Monaten helfen könnten, besser durch die Pandemie zu kommen. Schließlich sind die Impfstoffe ja schon da und damit ist auch Rettung in Sicht.

„No Covid“ setzt auf lokale Differenzierung. Kreise oder Städte mit einer stabil niedrigen Inzidenz werden zu grünen Zonen, in denen Schule und Kultur wieder möglich sind. Könnte es dort auch bald wieder größere Popkonzerte geben?

Es gibt ja jetzt schon Städte wie Rostock, in denen die Inzidenz niedrig ist. Ich halte es für denkbar, dass man an solchen Orten und mit guten Hygiene- und Testkonzepten Kultur wieder zulassen kann. Das ist ja unsere Hoffnung. Außer mir sind noch ein paar andere Musiker in Kontakt mit dem „No Covid“-Team. Vielleicht gelingt es uns, ein solches Signal zu setzen. Auf alle Fälle merke ich, dass es sich lohnt, sich dafür zu engagieren. Das inhaltliche Konzept von „No Covid“ ist überzeugend.

Wie wird es für Sie sein, nach so langer Zeit irgendwann wieder auf der Bühne zu stehen?

Das allererste Konzert wird sicher ein besonderer Moment werden. Ich könnte mir vorstellen, dass die Stimmung auch ein bisschen nachdenklich sein wird. Auf alle Fälle wird es uns alle überwältigen. Vielleicht wird es so ein Gefühl wie beim Mauerfall an der Bornholmer Straße. Ich freue mich darauf.