Kiel - Unter dem Meeresboden lagern gewaltige Süßwasservorräte. Ein internationales Forscherteam unter deutscher Leitung schätzt das Gesamtvolumen dieser Frischwasserreserven in der Zeitschrift Reviews of Geophysics grob auf etwa eine Million Kubikkilometer. Das entspricht etwa dem doppelten Volumen des Schwarzen Meers und etwa fünf Prozent der vermuteten globalen Grundwassermenge in den oberen zwei Kilometern der Kontinente.

Das Thema ist wichtig, weil Süßwasser gerade in Küstengebieten knapp wird – durch Klimawandel, Umweltverschmutzung, Bevölkerungswachstum und intensive Landwirtschaft. Betroffen sind unter anderem der Mittelmeerraum, die Westküste von Nord- und Südamerika, aber auch weite Teile von Australien und Afrika sowie Südwestasien. Zwar sind 70 Prozent der Erdoberfläche von Wasser bedeckt, doch etwa 97 Prozent davon sind salzhaltig und damit ungenießbar.

Erster Nachweis in Florida

Frischwasservorkommen unter dem Meeresboden wurden erstmals Anfang der 1960er-Jahre vor der Küste Floridas nachgewiesen. In den folgenden Jahrzehnten stießen Forscher bei der Suche nach Öl- und Gaslagerstätten immer wieder auf solche Reservoire. Für die jetzige Übersicht erstellten Wissenschaftler aus sechs Ländern aus etwa 300 Aufzeichnungen die erste globale Bestandsaufnahme der Offshore-Grundwasservorkommen. Die Leitung hatten Forscher des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel und der Universität Malta.

Die Lagerstätten liegen hauptsächlich in Gebieten bis 55 Kilometer vor den jeweiligen Küsten und bis zu einer Wassertiefe von 100 Metern. Sie entstanden überwiegend in den letzten 2,5 Millionen Jahren in Phasen mit besonders niedrigem Meeresspiegel – also während der Eiszeiten. Damals versickerte dort nach Niederschlägen das Wasser in der Erde und bildete vielerorts im Lauf der Jahrtausende Grundwasservorkommen. Diese wurden nach dem Anstieg des Meeresspiegels überflutet und blieben teilweise erhalten. „Viele dieser Reservoire sind mit Grundwasserschichten an Land verbunden und werden von dort nachgefüllt“, sagt Ko-Autorin Marion Jegen vom Geomar. „Andere sind vom Land abgeschnitten und versalzen nach und nach.“

Zugang zu sauberem Wasser zählt zu den Nachhaltigkeitszielen

In der aktuellen Studie betonen die Autoren, dass 60 Prozent der Menschheit in Regionen mit angespannten Wasserressourcen leben. „Zugang zu sauberem Wasser ist die Grundlage einer nachhaltigen sozio-ökonomischen Entwicklung und wurde in die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen aufgenommen“, heißt es weiter. Von besonderem Interesse seien solche Vorräte derzeit etwa für die Küstenmetropolen Kapstadt in Südafrika sowie Melbourne und Perth in Australien, schreibt das Team. 

„Zur Nutzung von Offshore-Grundwasservorkommen kann es kommen, wenn die Kosten zum Erforschen, Abpumpen und Behandeln des Wassers niedriger sein werden als die Kosten der Meerwasser-Entsalzung“, schreiben die Autoren. Bislang seien die technologischen Voraussetzungen dafür aber kaum definiert. Diese hängen unter anderem von der Tiefe der Reservoire und ihrer Entfernung zur Küste ab sowie von der Qualität des darin enthaltenen Wassers.

Allerdings müsse man vor einer Ausbeutung solcher Vorkommen die Folgen für die Umwelt abschätzen, schreiben die Autoren. Das betont auch Geophysikerin Jegen: „Ob man diese Reservoire nutzen kann und sollte, ist eine offene Frage.“ (dpa/fwt)