Ein Arzt impft eine Person gegen Grippe.
Foto: Sebastian Gollnow/dpa

BerlinDie Erkältungssaison beginnt. Und in diesem Jahr gibt es eine Besonderheit. Zwei Viren kursieren: das Grippevirus und das Coronavirus Sars-CoV-2. Das Gesundheitssystem steht vor einer einmaligen Situation. Es zeichnet sich bereits ab, dass sie schwierig zu bewältigen ist. 

Dabei gibt es zumindest eine gute Voraussetzung für den Umgang damit. Denn beide Viren ähneln sich, was die Verbreitung betrifft. Beide werden vor allem durch Tröpfchen übertragen. Die Regeln gegen Corona –Maske,  Abstand, Hygiene  – helfen in gewissem Maße auch gegen die Virusgrippe. Vielleicht sollte man zumindest einige der Vorsichtsmaßnahmen auch künftig bei Grippewellen einhalten.

Ein grundlegender Unterschied herrscht dennoch: Gegen Grippeviren gibt es Impfungen. Gegen Sars-CoV-2 noch nicht. Denn es ist kein saisonales, sondern ein pandemisches Virus – anders als vor einigen Tagen eine Schriftstellerin in einem Essay in der Berliner Zeitung behauptete. Pandemisch bedeutet, dass es ein neues Virus ist und sich über die Welt ausbreitet. Und dies tut es. Der Weg von Sars-CoV-2 durch die Welt lässt sich anhand der verschiedenen Mutationen des Virus genau nachvollziehen. Außerdem löst es eine neuartige Krankheit aus, mit einem ganz eigenständigen Bild, bei dem viele Organe betroffen sind. Mediziner lernen erst langsam, mit den Tücken von Covid-19 umzugehen. 

Allerdings könnte es sein, dass auch Sars-CoV-2 Virus irgendwann einmal in abgeschwächter Form dauerhaft bei uns „heimisch“ wird. Dann könnte man davon sprechen, dass es ein saisonales Virus ist – so wie die bisher bekannten Corona-Erkältungsviren in unserer Region.

Zwar existiert gegen die Grippe glücklicherweise eine Impfung. Auch hier gibt es aber einen ständigen Wandel, wie bei allen Viren. Denn der vorherrschende Grippe-Virustyp, der jeweils in Europa und Deutschland zirkuliert, ändert sich von Saison zu Saison. Deshalb wurde auch für dieses Jahr der Impfstoff angepasst.

Besonders wichtig ist die Impfung in diesem Jahr für Menschen, die auch durch Corona stärker gefährdet sind: über 60-Jährige, chronisch Kranke, medizinisches Personal und Pflegekräfte. Sie müssen zumindest vor einer Doppelbedrohung geschützt werden. Ebenso geht es darum, Praxen und Kliniken vor einer Überlastung zu bewahren.

Zurzeit herrscht offenbar eine größere Nachfrage nach der Grippeimpfung als in anderen Jahren. Das zeigt vor allem eins: Es gibt keine allgemeine Impfmüdigkeit in Deutschland. Außerdem hat offenbar die Erfahrung mit Corona den Sinn für die Gefahren von Epidemien geweckt. Vor kurzem war das noch anders. Trotz der schweren Grippewelle von 2017/2018 hatten sich zum Beispiel im Jahr darauf nur 14 Millionen Menschen gegen Grippe impfen lassen. Wäre die heute oft zitierte Zahl von 25.000 Toten damals ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen, wären es gewiss mehr gewesen.

Die Erfahrung mit Corona zeigt allerdings auch, dass eine entsprechende, gezielte Impfkampagne vielleicht auch damals schon Fragen ausgelöst hätte, wie man sie heute hört: Sind jene 25.000 Menschen nun „an“ oder „mit“ der Krankheit gestorben? Doch bei der Grippe hat das bisher niemand getan, anders als bei Covid-19. Und um es einmal auf den Punkt zu bringen: Es ist eine generell irreführende Diskussion, egal bei welcher Infektionskrankheit. Der Chef-Pathologe der Berliner Charité, David Horst, erklärte einmal am Beispiel von Covid-19, dass die Vorerkrankungen der Patienten meist nicht akut lebensbedrohlich gewesen seien. Die Menschen wären ohne die Infektion „nicht jetzt gestorben“. Bei Grippe sieht es oft ähnlich aus.

In diesem Jahr gibt es 26 Millionen Grippe-Impfstoffdosen für 83 Millionen Menschen. Für viele Mediziner ist das bereits zu wenig. Die Menge reiche nicht einmal für alle Risikogruppen, warnte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Auch zeigen Erfahrungen, dass es Engpässe gibt. Ein jüngerer Bekannter erzählte, dass er in seiner Arztpraxis schief angesehen wurde, als er sich gegen Grippe impfen lassen wollte. Es folgte die Frage: „Sind Sie Risikopatient?“

Bleibt zu hoffen, dass es wirklich so ist, wie Fachleute erklärten: dass generell genügend Impfstoff da sei, es aber mit der Produktion, Freigabe und Verteilung dauert. Risikogruppen müssen natürlich im Fokus der Impfungen stehe. Und um die Praxen zu entlasten, könnte man vielleicht bezirkliche Impfstationen bilden. Eine weitere Idee ist die Organisation der Impfung durch den Betriebsarzt im Unternehmen. So wie es einst in der DDR war. Eine gute Idee, die man aufnehmen sollte!