Spikes heißen die stacheligen Gebilde auf der Oberfläche von Grippeviren. Sie variieren je nach Erregerstamm.
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BerlinGrippeviren sind tückisch. Sie verursachen üble, manchmal lebensgefährliche Krankheitssymptome. Obendrein sind sie so vielfältig und wandelbar, dass es schwierig ist, einen wirkungsvollen Impfstoff herzustellen. Normalerweise liegt die Schutzwirkung der alljährlichen Grippeimpfung bei 50 bis 60 Prozent, in manchen Jahren noch niedriger. Das ist schlechter als bei allen anderen empfohlenen Impfungen – etwa gegen Masern, Tetanus und Diphtherie. Aber es ist immer noch besser als keine Impfung.

Es ist eine bunte Gesellschaft, die den Menschen und manchen Tieren das Leben schwer macht: Influenza A und Influenza B heißen die Virustypen. Noch dazu gibt es Subtypen wie H1N1, H3N2 und H5N8. Zusätzlich unterscheidet man Stämme wie Michigan, Phuket, Victoria und Yamagata. Jeder Grippeerreger hat einen langen Namen. Und gegen jeden Stamm muss ein eigener Impfstoff entwickelt werden.

Eigentlich ist das gar nicht so kompliziert. Die Viren werden in Hühnereiern vermehrt, anschließend zerlegt und dadurch ungefährlich. Im menschlichen Körper regen sie nach der Impfung das Immunsystem zur Bildung von Antikörpern an. Wenn es zu einer Infektion mit aktiven Viren kommt, ist die körpereigene Abwehr bereit.

Wandlungsfähige Erreger

Nur weiß man leider nie genau, welche Sorte Viren gerade unterwegs ist. Das wechselt von Jahr zu Jahr, von Grippesaison zu Grippesaison. Hinzu kommt, dass sich die einzelnen Stämme durch Mutationen oder Gen-Austausch mit anderen Viren noch während einer Saison verändern. Das Immunsystem hat zwar viele Antikörper im Einsatz, greift aber trotzdem ins Leere, weil sich die Viren einen neuen Mantel übergeworfen haben. Der Kampf gegen die Grippe ist ein ständiger Wettlauf mit der Veränderungsfähigkeit des Virus.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO muss daher jedes Jahr von neuem eine Empfehlung für die Zusammensetzung des Impfstoffes abgeben. Die Zeit ist immer knapp, denn die Herstellung Hunderter Millionen Impfdosen dauert Monate. Die Entscheidung muss fallen, lange bevor man genau wissen kann, welche Virustypen in der neuen Saison tatsächlich an den Start gehen. Manchmal liegt die WHO daneben.

Mehr als 20 Millionen Impfdosen stehen dieses Jahr zur Verfügung.
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In Mitteleuropa erkrankten in der Saison 2017/18 die meisten Menschen an einem Influenza-B-Virus der Yamagata-Linie. Doch der von der WHO empfohlene Impfstoff enthielt keine Yamagata-Komponente. Deshalb erkrankten auch viele Geimpfte. Und im vergangenen Winter schützte die Impfung zwar einigermaßen gegen H1N1-Infektioner, aber nicht gegen das ebenso zirkulierende H3N2-Virus. Das fördert nicht gerade die Impfbereitschaft.

Jahr für Jahr wird also für die Grippeschutzimpfung geworben. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich vor ein paar Wochen presseöffentlich den Oberarm freigemacht und den aktuellen Impfstoff injizieren lassen. Mehr als 20 Millionen Impfdosen stehen für die aktuelle Saison zur Verfügung. Rund 15 Millionen wurden in der vergangenen Saison verbraucht.


Es ist Zeit für den Piks

  • Wann: Die Impfung gegen Grippe (Influenza) wird bis Ende November empfohlen. Sie ist aber auch später sinnvoll, weil die jährliche Grippewelle üblicherweise erst nach dem Jahreswechsel einsetzt.
  • Wer: Grippeschutz wird Menschen über 60, chronisch Kranken, medizinischem Personal und Schwangeren empfohlen. Alle anderen können auch geimpft werden. Jeder Arzt kann die Impfung vornehmen.
  • Wie lange: Es dauert 10 bis 14 Tage, bis der Impfschutz aufgebaut ist. Jedes Jahr muss neu geimpft werden. Studien zeigen, dass Krankheitsverläufe milder sind, wenn auch in früheren Jahren geimpft wurde.

Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Immunisierung gegen Influenza vor allem Über-60-Jährigen, Schwangeren und chronisch Kranken. Viele Kinderärzte impfen auch Kleinkinder. Aber auch alle anderen können sich impfen lassen.

Grundsätzlich ist die saisonale Grippeimpfung sehr sicher. Es gibt praktisch keine ernsthaften oder gar gefährlichen Nebenwirkungen. Der Oberarm kann ein paar Tage weh tun, es gibt gelegentlich kleine Impfreaktionen wie leichtes Fieber.

Nebenwirkung Narkolepsie

Vor ein paar Jahren traten allerdings im Rahmen der Impfungen gegen die sogenannte Schweinegrippe Fälle von Narkolepsie auf. Man weiß bis heute nicht genau, welcher Mechanismus diese bisher unheilbare Krankheit auslöste, bei der Menschen plötzlich in Schlaf verfallen. Die statistische Auswertung verschiedener Studien zeigt aber, dass ein Zusammenhang mit den Impfungen sehr wahrscheinlich ist.

War es der Impfstoff, der verhältnismäßig große Mengen einer Verstärkersubstanz enthielt? War es die Kombination aus Impfung und tatsächlicher Infektion mit dem Virus? Trat sie nur bei Menschen mit einem bestimmten Gentyp auf? War gleichzeitig eine andere entzündliche Erkrankung Voraussetzung für diese schwerwiegende Komplikation? Diese Fragen sind bisher nicht eindeutig geklärt.

Wichtig ist jedoch: Die Schweinegrippe war so etwas wie eine neue Grippe – ausgelöst durch ein bisher unbekanntes H1N1-Virus. Man traute ihm zunächst eine ähnlich verheerende Wirkung zu wie der Spanischen Grippe, die vor hundert Jahren weltweit zwischen 25 und 100 Millionen Menschen das Leben kostete. Im Zusammenhang mit der gewöhnlichen, millionenfach erprobten Grippeimpfung sind solche Nebenwirkungen nie aufgetreten.

Millionenfache Erkrankung

Nach Schätzungen der WHO erkranken jedes Jahr ein bis zwei Zehntel der Weltbevölkerung – also zwischen 750 Millionen und anderthalb Milliarden Menschen an Grippe. Drei bis fünf Millionen davon sind schwer krank, 290 000 bis 650 000 sterben an einer Erkrankung der Atemwege, etwa einer Lungenentzündung, die von einer Influenza herrührt.

Im vergangenen Winter sind in Deutschland knapp vier Millionen Menschen mit einer echten Grippe zum Arzt gegangen. Das Robert Koch-Institut (RKI) nennt das eine moderate Grippesaison. Im Jahr davor waren es neun Millionen, was als ungewöhnlich stark eingestuft wird. In jener heftigen Saison 2017/18 gab es nach RKI-Schätzung rund 25 000 grippebedingte Todesfälle – davon mehr als tausend in Berlin.

Man kann aus der Statistik nicht herauslesen, wie viele Opfer geimpft oder ungeimpft waren. Aber die RKI-Leute, die jährlich einen Influenza-Bericht verfassen, sind sicher, dass die Zahl der Krankheits- und Todesfälle ohne Impfungen höher wäre. „Es gibt keine andere Impfung in Deutschland, mit der sich mehr Leben retten lässt“, sagt RKI-Präsident Lothar Wieler.

Neue Angriffspunkte

Das stimmt. Aber man muss sich bei Aussagen dieser Art trotzdem immer ein gewisses Seufzen mitdenken. Denn obwohl seit mehr als 70 Jahren gegen Influenza geimpft wird, ist der Schutz unbefriedigend. Seit der vergangenen Saison versucht man die Schutzwirkung dadurch zu erhöhen, dass nicht nur gegen drei, sondern gegen vier verschiedene Stämme geimpft wird. Aber das hat vor einem Jahr keine überzeugende Verbesserung gebracht.

Darum bemühen sich Forscher um ganz neue Ansätze. Zum Beispiel versuchen sie Impfstoffe gegen andere, weniger wandlungsfähige Proteine in der Virushülle zu entwickeln So könnte der Schutz länger anhalten und gegen mehrere Virustypen wirken. Bis ganz neuartige Vakzine verfügbar sind, wird es jedoch noch dauern. Bis dahin hilft nur: Jedes Jahr ein neuer Piks – und hoffen, dass die Mischung stimmt.