Berlin - Forschende, Pädagogen, Kinderärztinnen und Politiker streiten seit Wochen über die Frage, ob Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren gegen Sars-CoV-2 geimpft werden sollen. Noch ist kein Mittel in Europa zugelassen, auch eine Impfempfehlung durch die Ständige Impfkommission aus (Stiko) steht aus. Trotzdem spricht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn von einem Impfangebot und kündigte bereits eine Corona-Impfung für Heranwachsende bundesweit bis Ende August an. Der Berliner Kinderarzt Jakob Maske findet es grotesk, dass die Bundesregierung beim Thema so vorausprescht und sich von der Stiko, also ihrem eigenen Beratungsgremium, loslöst.

Berliner Zeitung: Herr Maske, Sie haben in Berlin-Schönberg eine Kinderarztpraxis. Fragen Eltern bei Ihnen vermehrt wegen einer Corona-Impfung für ihre Kinder nach? 

Jakob Maske: Wir erhalten von Eltern von 12- bis 15-Jährigen schon zahlreiche Anfragen, ob eine Corona-Impfung für ihre Kinder sinnvoll ist. Da sagen wir ganz klipp und klar, dass wir auf die Zulassung durch die Europäische Arzneimittelbehörde und auf die generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission warten, die beide noch ausstehen. Individualentscheidungen können wir nichtsdestotrotz treffen. Wir hatten beispielsweise einen Jugendlichen aus der zehnten Klasse, der jetzt ein Auslandsjahr in den USA machen wird und für diesen Aufenthalt eine Covid-Impfung braucht. Die werden wir ihm natürlich nicht verweigern, sobald eine Empfehlung der EMA da ist. Da werden wir nicht auf die Stiko-Empfehlungen warten. Solche Dinge muss man abwägen, mit den Eltern und den Jugendlichen selbst.

Für Sie ist die Stiko-Entscheidung generell also unabdingbar, auch wenn Gesundheitsminister Spahn Kindern und Jugendlichen auch ohne eine generelle Empfehlung ein Impfangebot machen möchte.

Selbstverständlich. Man ist doch sehr erstaunt, dass die Bundesregierung hier so vorausprescht und sich überhaupt nicht an ihr Beratungsgremium hält. Das ist grotesk.

Die Stiko hat Bedenken, dass die Datenlage beim Thema unzureichend ist, dass fast nichts über die Nebenwirkung der Corona-Impfungen bei Kindern bekannt sei. Was spricht gegen das Angebot seitens der Bundesregierung?

Bislang sind rund 1100 Kinder im Rahmen einer Zulassungsstudie geimpft worden. Das ist eine Datenlage, die uns nicht ausreicht. Es werden zeitnah weitere Daten hinzukommen, zum Beispiel aus den USA und Kanada, wo 200.000 Heranwachsende geimpft wurden. Mit diesen Studienergebnissen werden wir, wenn es dann so weit ist, eine genauere Aussage machen können. Aber im Moment ist es völlig verfrüht.

Jakob Maske
Zur Person

Jakob Maske ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und hat in Berlin-Schöneberg eine Praxis.

Der Mediziner ist zudem der Sprecher des Bundesverbands für Kinder- und Jugendärzte e.V. für Berlin. Die berufliche Interessenvertretung der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland hat nach eigenen Angaben rund 12.000 Mitglieder aus Praxen, Kliniken und dem öffentlichen Gesundheitswesen und hat bereits mehrere Stellungnahmen zum Thema Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche veröffentlicht.

Was ist das stärkste Argument, 12- bis 15-Jährige zu impfen?

Wenn es zu einer Stiko-Entscheidung kommen wird, wird es höchstwahrscheinlich erst eine Empfehlung für Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen geben. Darunter fallen zum Beispiel das Downsyndrom oder Asthma bronchiale. Dann wird die Empfehlung irgendwann ausgeweitet werden – für die Altersgruppe zwischen 12 und 15 Jahren ohne chronische Erkrankung. Und hier muss man dann wiederum abwägen, ob man die Jüngsten zuerst impft, oder die 30- bis 60-Jährigen, die durch die Corona-Erkrankung viel gefährdeter sind.

Eine Befürchtung lautet, dass sobald die Erwachsenen durchgeimpft sind, es zu mehr Corona-Infektionen unter der nicht-geimpften Bevölkerungsgruppe, also auch unter Kindern und Jugendlichen, kommen wird.

Dass Infektionen unter den Menschen, die nicht geimpft sind, umgehen, halten wir für sehr wahrscheinlich. Es wird so sein, dass jeder, der nicht geimpft ist, die Infektion durchmachen wird. Aber wir unterscheiden sehr stark zwischen Infektion und Erkrankung. Und was wir sehen ist, dass Kinder und Jugendliche sich zwar mindestens genauso häufig infizieren wie Erwachsene, aber deutlich weniger erkranken. Schwere Erkrankungen kommen so selten vor, dass man sie kaum zählen kann. Auch Folgewirkungen, wie Long Covid, gibt es scheinbar sehr selten in dieser Altersgruppe.

Wäre es jetzt nicht wichtiger und vor allem logischer, Erzieher und Lehrerinnen ein Impfangebot zu machen, anstatt über eine Bevorzugung von Schülerinnen und Schülern zu diskutieren?

Genau so sehen wir das auch. Wir als Kinder- und Jugendärzte finden, dass die gefährdeten Gruppen zuerst geimpft werden sollten, dass hier eine Priorisierung weiterhin stattfindet. Da steht das pädagogische Personal, das dem Coronavirus die ganze Zeit ausgesetzt war und noch immer ausgesetzt ist, ganz oben. Wir halten es für absolut unverantwortlich, Impfstoffe für Kinder und Jugendliche zur Seite zu legen. Wir müssen die Impfstoffe jetzt verbrauchen und sinnvoll verimpfen.

Falls es zu einer generellen Stiko-Empfehlung kommen sollte: Wie würden Sie die Corona-Impfung in der Praxis organisieren?

Das ist nichts, was wir neu organisieren müssen. Wir impfen jetzt schon Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren, die eine chronische Erkrankung haben, wir impfen Eltern von chronisch kranken Kindern. Das ist in den Praxisalltag gut integriert, wenn auch etwas kompliziert durch den ganzen Aufwand. Wenn es zu einer Empfehlung kommt, rechnen wir mit einer großen Nachfrage. Das wird sicherlich eine Kraftanstrengung werden, aber dem stehen wir gewappnet gegenüber.

Wie sehen die Aufklärungsgespräche und die Nachuntersuchungen bei einer Impfung gegen Sars-CoV-2 aus?

Wir beobachten die Jugendlichen etwa 15 Minuten nach der Corona-Impfung, so wie es auch bei Erwachsenen der Fall ist. Die Aufklärung läuft ähnlich wie bei anderen Impfungen. Sie ist nur etwas komplizierter, weil es spezielle Aufklärungsbögen zum Corona-Impfstoff gibt. Und das Problem ist, dass das Mittel nach wie vor begrenzt verfügbar ist. Dementsprechend können wir auch nur begrenzt planen. Wir impfen zum Beispiel in Gruppen. Sowohl bei der Erst- als auch bei der Zweitimpfung müssen deshalb exakt dieselben Menschen erscheinen. Das macht es so kompliziert, weil es immer wieder Personen gibt, die nicht zum Termin erscheinen. Da müssen wir viel hinterhertelefonieren. Wir müssen sehr genau planen – und das ist wahnsinnig aufwendig.