Der Tourismus spielt eine große Rolle bei der Verbreitung von Krankheiten. Und leidet auch besonders an den Folgen.
Foto: Sergei Bobylev/TASS PUBLICATION

BerlinFür den Spezialisten für Lungen- und Immundefekt-Erkrankungen, Matthias Stoll vom Zentrum Innere Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, zeichnet sich ein Ende der Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland ab. Sie sei durch den Shutdown verhindert worden. Stoll glaubt, dass sich eine Pandemie in den kommenden Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wiederholen wird, warnt aber vor der Ausbeutung der Natur als möglicher Ursache für neue Krankheiten.

Herr Professor Stoll, wo stehen wir in der Corona-Krise?

Es zeichnet sich ab, dass der Anstieg der Neuinfektionen gebremst ist und bald ein Plateau erreicht. Dann dürften wir sagen können, dass die Epidemie in Deutschland ihren ersten Höhepunkt erreicht hat.

Werden wird also schon bald mit einem Ende des Shutdown rechnen können?

Wenn die Zahl der Neuinfizierten tatsächlich sinkt, kann das Ende der zahlreichen Maßnahmen abgewogen werden. Ich gehe davon aus, dass man den Shutdown nicht auf einen Schlag, sondern schrittweise beendet und dabei die Auswirkungen genau prüft.

Worauf stützen wir uns bei der Prüfung?

Wir lernen derzeit täglich neu hinzu. Mit jedem Tag, den wir an Zeit gewinnen, haben wir mehr und bessere Testmöglichkeiten. Außerdem stehen uns schon sehr bald die ersten Erfahrungen aus Therapiestudien zur Verfügung, die bereits jetzt weltweit in Studien gesammelt werden mit bereits vorhandenen, gegen Covid-19 erfolgversprechenden, bisher zur Behandlung von Malaria, Rheuma oder andere Viruserkrankungen zugelassenen Arzneimitteln. Wir sind im Kampf gegen das Virus also schon bald besser aufgestellt als jetzt noch.

War es sinnvoll, das ganze Land stillzulegen?

Das Maßnahmenbündel wurde rational aufgrund etablierter epidemiologischer Modelle ausgewählt. Dennoch haben wir in Deutschland und fast zeitgleich in vielen anderen Ländern damit etwas gemacht, was in diesem Ausmaß noch nie zuvor in der Praxis getestet wurde. Das Konzept scheint mit der vorhergesagten Zeitverzögerung im Grundsatz aufzugehen, übrigens sogar, ohne dass wir das Land noch radikaler stilllegen mussten. Viel drastischere Einschnitte in unser Leben hätten zusätzlich erfolgen können: Abriegelung einzelner Gemeinden, vollständige Ausgehverbote, Zuteilung von Nahrungsmitteln und täglichem Bedarf und anderes mehr ist uns erspart geblieben.

Was ist der Gedanke hinter dem Shutdown?

Die wichtigste Lehre aus den wissenschaftlichen Modellen ist, dass eine gewisse Zeit lang möglichst viele der effektivsten Einzelmaßnahmen gleichzeitig ergriffen werden. Nur dann kann die Verbreitung entscheidend abgebremst werden. In Italien, Spanien, im Nordosten Frankreichs, aber auch in Heinsberg in NRW wurde sichtbar, wie dramatisch schnell sich Covid-19 verbreiten kann. Wir haben mit dem gerade noch zeitgerechten Shutdown die beste Möglichkeit genutzt, eine Tragödie durch eine destabilisierte Gesundheitsversorgung zu verhindern. Eine zusätzliche Möglichkeit, das intensive Testen, wäre hilfreich und wünschenswert gewesen. Aber die Tests waren anfangs nicht ausreichend verfügbar, weil Laborkapazitäten und Teststellen erst aufgebaut werden müssen.

Wie gefährlich ist das Virus jetzt wirklich?

Man mag es kaum glauben: Wir wissen es nicht genau. Wegen der bisher noch nicht ausreichend breiten Testung der Bevölkerung fehlt uns die wichtigste Datengrundlage: Wie viele Menschen haben sich bisher wirklich infiziert? Deswegen überschätzen wir vermutlich die Gefährlichkeit von Covid-19, weil wir die leichten Fälle bisher fast nie erfassen. Trotzdem lässt sich sagen: Covid-19 ist eine sehr ansteckende Viruserkrankung. Das heißt, sie verbreitet sich sehr schnell. Wir haben das Virus heute in 190 Ländern. Es schaffte es also praktisch in 100 Tagen um die ganze Welt. Glücklicherweise sehen wir jedoch bei Covid-19 keine so hohe Sterblichkeitsrate wie bei den früheren Coronavirus-Ausbrüchen, also Sars oder Mers. Diese Varianten waren viel tödlicher, aber sie hatten eine schlechtere Übertragbarkeit und konnten deshalb gestoppt werden.

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Privat
Zur Person

Matthias Stoll ist Leitender Oberarzt  der Klinik für Rheumatologie und Immunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er hat wissenschaftliche Arbeiten über antiretrovirale und antiinfektive Therapien veröffentlicht und war Leiter zahlreicher klinischer Studien. Stoll hat unter anderem auch die Krankheitskosten der HIV-Infektionen analysiert.

Viele Ärzte kritisieren die Angst und Panik, die bei den Leuten geherrscht hat und die durch viele Schreckensszenarien geschürt wurde ...

Auch wir haben irrationale Ängste erlebt. Einige Menschen verfallen geradezu in Panik, wofür allerdings bei Covid-19 kein wirklicher Grund besteht. Wir können jetzt schon sagen, dass die Krankheit nicht auf breiter Front todbringend ist. Junge Menschen haben fast immer einen recht milden Verlauf. Es ist aber deshalb trotzdem nicht so, dass jeder mit Risikofaktoren – als da sind: Alter über 60, vorbestehender Bluthochdruck, Diabetes und Bronchialerkrankungen – schwer erkrankt oder verstirbt. Auch Menschen mit mehreren dieser Risiken haben mehrheitlich milde Krankheitsbilder. Wir behandelten einen weit über 90-Jährigen, den uns der Hausarzt vorsorglich ins Krankenhaus zuwies. Er langweilte sich sehr und hatte kaum Beschwerden, so dass wir ihn bald nach Hause schicken konnten. Der Einzelfall ist schwer vorhersagbar. Es gibt andererseits auch junge und zuvor gesunde Menschen, die schwer erkranken und beatmet werden müssen. Die bisherigen Erfahrungen in Deutschland sind selbst dann gut: Die Mehrzahl kommt von der Beatmung wieder weg, und es sieht so aus, als ob sich nach der Beatmung – anders als bei vielen anderen Lungenentzündungen – die Lunge rasch und vollständig wieder erholen kann.

Also kann man die Krankheit generell mit etwas Gelassenheit betrachten?

Man muss die Krankheit wie andere vergleichbare Infektionskrankheiten sehen. An den Folgen von Influenza sterben allein in Deutschland jährlich bis zu mehrere Zehntausend Menschen, auch da vorwiegend alte und gebrechliche Menschen. Wie bei der Virusgrippe muss man unterscheiden, ob Menschen „an“ Covid-19 oder „mit“ Covid-19 sterben. Mit der Aufnahme in bestimmte Pflegeeinrichtungen beträgt die verbleibende Lebenserwartung unter einem Jahr, weil die Menschen schon sehr krank sind. Bei einem Ausbruch von Covid-19 in solchen Heimen können dann in sehr kurzer Zeit viele Menschen gleichzeitig versterben. Aber für die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung kann man sagen, dass die Krankheit mild verläuft und vermutlich öfter als wir bisher wussten sogar ohne Symptome. Individuell gesehen kann die Mehrheit der Bevölkerung davon ausgehen, dass das Virus ihnen keinen gravierenden Schaden zufügen wird. Wie bei vielen anderen Erkrankungen auch ist aber der Verlauf für den Einzelfall nicht sicher im voraus vorhersagbar.

Wäre die Entwicklung dieselbe auch ohne Shutdown?

Nein. Die Politiker haben überall auf der Welt sehr besonnenen reagiert und übereinstimmend geeignete Maßnahmen getroffen. An einigen Stellen erfolgten diese Reaktionen sicher auch erst zu spät. Von diesen Ländern wissen wir, dass ohne oder zu spätem Shutdown mehr Menschen sterben.

Warum?

Weil Sars-CoV-2 für die gesamte Menschheit ein neuartiges Virus ist. Wir kommen mit Infektionskrankheiten, die wir kennen, besser zurande. Weite Teile der Bevölkerung sind dann dagegen immun, wie etwa gegen Influenza. Man muss auch bedenken, dass ein Virus dann im Vorteil ist, wenn es seinen Wirt möglichst selten zu Tode bringt. In einer Epidemie sieht man deshalb oft, dass im Lauf der Zeit die Krankheitsverläufe insgesamt milder werden. Das heißt, wir sollten anstreben, möglichst viele Menschen in der ersten Ausbreitungsphase zu schützen. In Wuhan sieht es derzeit sogar so aus, dass das Virus nach der ersten Welle kaum noch weiterverbreitet wird. Wir wissen noch nicht, ob diese Entwicklung Bestand hat. Aber Ausbrüche von Infektionen sind manchmal wie Gewitterzellen, die nach einer heftigen Attacke in sich zusammenbrechen, ohne dass wir ein solches Geschehen immer haargenau vorhersagen können.

Müssen wir jetzt jedes Jahr mit dem Auftreten eines neuen Virus rechnen und auch mit einem Shutdown?

Nein. Damit ist sicher nicht jedes Jahr zu rechnen. Pandemien traten schon immer auf, Grippepandemien ereignen sich alle paar Jahrzehnte. Ein heute Zwanzigjähriger wird vielleicht, wenn er im Renten-Alter ist, wieder eine so außergewöhnliche Pandemie wie Covid-19 erleben, aber ein genauer Zeitpunkt ist so wenig vorhersagbar wie ein Vulkanausbruch eines jetzt noch ruhenden Vulkans.

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Wie ist die Corona-Pandemie im Vergleich zu anderen historischen Pandemien?

Die letzte sehr große Pandemie, die Spanische Grippe von 1918, hat etwa 50 Millionen Tote gefordert. In den 1950er-Jahren hatten wir die asiatische Grippe mit etwa einer Million Toten. In den späten 1960er-Jahren forderte die Hongkong-Grippe zwei Millionen Tote. Wir haben heute einen ganz anderen Stand der medizinischen Forschung und der Versorgung. Selbst Ebola, eine wirklich todbringende, gefährliche Epidemie konnte schließlich eingedämmt werden. Sie ist noch einmal in Afrika aufgeflackert, von dort aber nicht um die Welt gegangen. Im Vergleich zu diesen Epidemien ist Covid-19 sicher nicht die schlimmste, die wir gesehen haben.

Führt die Globalisierung zu mehr Pandemien?

Pandemien gehören zur Menschheit. Auch Corona-Viren hat es immer schon gegeben. Früher hat man das vielleicht anders genannt, aber weltweite Virus-Erkrankungen hat es immer gegeben. Sie sind so ähnlich abgelaufen wie jetzt, bei einer geringeren Bevölkerungsdichte vielleicht mit geringerer Geschwindigkeit. Vor dem Einsetzen der Globalisierung haben Zugvögel zur Ausbreitung von neuen Grippeviren aus anderen Kontinenten beigetragen. Covid-19 stammt ebenfalls aus dem Tierreich, ist vermutlich durch chinesische Wanderarbeiter in der norditalienischen Textilindustrie, die von Italien aus zum Neujahrsfest nach Wuhan geflogen sind, verbreitet worden. Der Tourismus spielt ebenfalls eine große Rolle, etwa die Kreuzfahrtschiffe. Oder denken Sie an Ischgl.

Die Zerstörung der Natur?

Wenn die Menschen besser überlegten, welche Folgen die unbedachte Ausbeutung der Natur hat, würden sie bestimmte Dinge nicht machen. Die Ausbeutung der Natur durch den Menschen spielte oft eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von neuen Seuchen. Nicht alle schaffen es in die Schlagzeilen in Europa. Vor einigen Jahren ist durch die Rodung der Urwälder in Brasilien die Bevölkerung in ihren behelfsmäßigen Behausungen mit einem bis dahin versteckt lebenden brasilianischen Faultier in Berührung gekommen. Durch diese Kontakte wurde ein Virus übertragen, hat sich an den Menschen angepasst, der es in die Städte weitertrug, wo es zu Massenausbrüchen kam. Je unkontrollierter wir in die Natur eingreifen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir neue Krankheiten sehen werden.