König Karl II. von Spanien aus dem Geschlecht der Habsburger hatte eine starke Gesichtsfehlbildung.
Foto:  Don Juan Carreño de Miranda

Santiago de CompostelaInzucht brachte den Habsburger Unterkiefer hervor - ein stark hervorstehendes Kinn, das oft zusammen mit anderen Fehlbildungen im Gesicht bei vielen Angehörigen des Adelsgeschlechts zu finden ist. Das berichtet ein Forscherteam im Fachmagazin Annals of Human Biology. Sie hatten die lange bestehende Hypothese untersucht und dabei neue Hinweise auf die genetischen Grundlagen der Fehlbildungen gefunden.

Die Habsburger waren ein Herrschergeschlecht, das für mehrere Jahrhunderte über große Teile Europas herrschte. Mit dem Ende des 1. Weltkrieges zerfiel das Habsburger-Reich, das sich über lange Zeit seine Macht auch durch strategische Heiraten gesichert hatte. «Die Habsburger-Dynastie war eine der einflussreichsten in Europa, aber wurde bekannt für ihre Inzucht, die schließlich zum Untergang führte», sagt Roman Vilas von der spanischen Universität Santiago de Compostela laut einer Mitteilung zur Untersuchung. «Wir zeigen zum ersten Mal, dass es einen eindeutigen Zusammenhang gibt zwischen Inzucht und dem Habsburger Unterkiefer.»

Nicht nur der Unterkiefer war auffällig 

Der markante Unterkiefer war nicht die einzige Auffälligkeit vieler Angehöriger der Habsburger-Familie. Häufig - und häufig gemeinsam - zu finden sind auch eine umgestülpte, vorstehende Unterlippe, ein ausgeprägter Huckel auf der Nase oder eine überhängende Nasenspitze. Diese Merkmale werden häufig als Habsburger Unterlippe oder Habsburger Nase beschrieben.

Dass Inzucht bei der Entstehung der Fehlbildungen eine Rolle spielte, gilt seit Langem als wahrscheinlich, die genetische Basis sei aber weitgehend unklar, schreiben die Forscher um Vilas. Sie ließen nun 10 Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen insgesamt 66 Porträts von 15 Habsburgern analysieren. Die Mediziner suchten nach insgesamt 18 Merkmalen, die die charakteristischen Fehlbildungen von Ober- und Unterkiefer kennzeichnen. Aus den Ergebnissen ermittelten die Wissenschaftler, wie deutlich die Fehlbildungen bei den einzelnen Habsburgern jeweils waren.

Die Unterkiefer-Fehlbildung war demnach am stärksten ausgeprägt bei Philip IV., König von Spanien und Portugal zwischen 1621 und 1640. Die Oberkiefer-Fehlbildung traf fünf Mitglieder der Familie besonders stark, darunter den letzten spanischen Habsburger-König Karl II., der von 1665 bis 1700 regierte.

Forscher untersuchten Stammbaum über 20 Generationen

Zusätzlich analysierten die Wissenschaftler den Stammbaum der Habsburger. Er umfasste mehr als 6000 Mitglieder und 20 Generationen. Die Forscher bestimmten die Verwandtschaftsbeziehungen, um so das Ausmaß der Inzucht in der Familie zu ermitteln. Dies setzten sie schließlich in Zusammenhang mit den Ergebnissen der Porträt-Analyse.

Die Auswertung zeigt, dass es einen deutlichen Zusammenhang gibt zwischen der verwandtschaftlichen Nähe und der Stärke der Fehlbildungen. Besonders deutlich war dieser in Bezug auf die Unterkiefer-Fehlbildung. Für die Habsburger Nase und Unterlippe fanden die Forscher ebenfalls einen Zusammenhang zum Ausmaß der Inzucht, allerdings war dieser nicht so ausgeprägt.

Die genetischen Grundlagen der Fehlbildungen seien nach wie vor unklar. Die Wissenschaftler vermuten jedoch, dass die Unterkiefer-Fehlbildungen rezessiv vererbt werden. Das bedeutet, dass das Merkmal bei einem Kind nur dann zu finden ist, wenn es die genetische Anlage dafür von beiden Elternteilen geerbt hat. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist höher, wenn zwei Verwandte ein gemeinsames Kind bekommen, also bei Inzucht.