Ob das Tragen von Handschuhen im Alltag das Infektionsrisiko mindert, ist unklar. Zumindest unterbindet es aber vermutlich die vielen unbewussten Griffe ins Gesicht. Und die sind in Corona-Zeiten gar nicht gut.  
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BerlinImmer öfter sieht man Menschen, die auch beim Schieben des Einkaufswagens im Supermarkt ihre Handschuhe anlassen, manchmal sogar extra Einmalhandschuhe anziehen. Grund dafür könnte eine neue Studie sein, die seit Ende vergangener Woche in Presseberichten und den sozialen Medien zitiert wird.

Forscher unter anderem der nationalen Gesundheitsbehörde in den USA und der University of Princeton haben untersucht, wie lange das neue Coronavirus Sars-CoV-2 auf Oberflächen infektiös bleibt. Noch befindet sich die Studie im Prozess der Überprüfung durch andere Wissenschaftler.

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Keine Angst vor Briefen

Die vorläufigen Ergebnisse: Auf Kunststoffen und Edelstahl bleibt das Virus zwei bis drei Tage aktiv, auf Karton immerhin 24 Stunden, auf Kupfer dagegen nur vier. Die Forscher schließen daraus, dass sogenannte Schmierinfektionen ein möglicher Übertragungsweg des Erregers sein könnten – zusätzlich zur Tröpfcheninfektion durch den nahen Kontakt zu Infizierten.

Sollten wir aufgrund dieser Ergebnisse nun unser Verhalten ändern? Etwa unsere Post einen Tag im Kasten lassen und nur noch mit Einmalhandschuhen aus dem Haus gehen? Zumindest was Briefe und Pakete angeht, gibt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Entwarnung. Derzeit gebe es keine Fälle, bei denen nachgewiesen sei, dass sich Menschen durch Kontakt zu kontaminierten Gegenständen mit Sars-CoV-2 infiziert haben, schreibt das Institut in einer aktuellen Stellungnahme.

Nützt ein Schal vorm Mund?

Fremdschutz: Den Mund zu verhüllen, wenn man sich in die Öffentlichkeit begibt, dient weniger dem eigenen Schutz. Zumindest gibt es dafür keine Daten. Man schützt so aber andere ein bisschen, weil Tröpfchen zurückgehalten werden, die beim Sprechen, Husten oder Niesen entstehen. 

Stoff vorm Mund: Ein dicht gewebter Schal, ein Baumwolltuch oder eine selbstgenähte Maske sind daher eher als Zeichen der Solidarität mit anderen einzuordnen. Darüber hinaus haben sie Experten zufolge auch einen psychologischen Effekt, wenn man sich damit wohler fühlt.

Mund-und-Nasen-Schutz wie er bei OPs getragen wird, hält Tröpfchen besser zurück. Schutz vor Eigeninfektion bieten Atemschutzmasken mit Filtern der Stufe 3 (FFP3). Sie zu tragen hält man jedoch nicht lange durch – und sie sind vorrangig für medizinisches Personal bestimmt.

Auch für andere Coronaviren seien keine Berichte über Infektionen durch den Kontakt mit trockenen Oberflächen bekannt. Dass man diesen Vergleich heranziehen kann, haben die Forscher aus den USA selbst gezeigt. Sie haben nicht nur das neue Sars-CoV-2, sondern auch das im Jahr 2002 aufgetretene Sars-1-Virus untersucht und dabei ähnliche Überlebenszeiten gefunden.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass die Zahl der noch intakten Viren in diesen Experimenten schnell abnahm. Schon nach 13 Stunden auf Edelstahl und nach 16 Stunden auf Plastik war jeweils nur noch die Hälfte der neuen Corona-Erreger aktiv. Bei Karton war dies nach gut 8 Stunden der Fall. Nach den angegebenen maximalen Überlebensdauern von mehreren Tagen waren nur noch einzelne intakte Viren vorhanden. Ob damit die – bisher unbekannte – Mindestmenge an Viren erreicht wird, die eine Infektion auslösen kann, ist fraglich.

Keine generelle Empfehlung für Handschuhe

Bleiben die Schmierinfektionen, auch Kontaktinfektionen genannt. Sie entstehen, wenn kranke Menschen etwa in die Hand husten und sich dann am Einkaufswagen oder an Haltestangen in der U-Bahn festhalten. Gerade Letztere werden in kurzer Zeit von sehr vielen Menschen benutzt – die Wahrscheinlichkeit ist damit höher, dass auch ein Infizierter dabei ist. Außerdem sind durch den kurzen Zeitabstand bis zur Berührung durch einen anderen Passagier noch viele intakte Viren vorhanden.

„Ob das Tragen von Handschuhen hier Infektionen verhindert, ist bisher nicht wissenschaftlich untersucht worden“, sagt der Virologe Eike Steinmann von der Ruhr-Universität Bochum. Er hat zusammen mit einem Hygiene-Wissenschaftler aus Greifswald schon Ende Januar eine Literaturrecherche gemacht und 22 Studien zur Überlebensfähigkeit der bekannten Coronaviren wie Sars und Mers ausgewertet. In deren Experimenten blieben einzelne Erreger auf Oberflächen ebenfalls mehrere Tage aktiv.

Auch das Robert-Koch-Institut will auf Nachfrage keine Empfehlung für oder gegen das Tragen von Handschuhen geben, verweist aber an das Deutsche Beratungszentrum für Hygiene in Freiburg im Breisgau. Dessen Ärztlicher Direktor, Ernst Tabori, will auch nichts empfehlen, lässt sich aber auf eine Diskussion ein. „Wir fassen uns zwischen 300- und 400-mal am Tag unbewusst ins Gesicht“, sagt er. Eine behandschuhte Hand könne hier als Fremdkörper vielleicht stärker ins Bewusstsein treten – und es uns leichter machen, die Berührung zu unterbinden.

Außerdem würde der direkte Hautkontakt vermieden. Nach dem Ausziehen der Handschuhe wäre intensives Händewaschen dann immer noch obligatorisch, könnte aber mit einer geringeren Anzahl an Erregern als Startpunkt bessere Endergebnisse erzielen.

Seife ist beim Händewaschen wichtig

Viel schiefgehen könne beim Ausziehen der Handschuhe nicht, glaubt Tabori, denn man würde dies ja meist in einer ruhigen Situation tun. Und wenn man die Handschuhe an einem festen Platz lagert, könne man sie quasi wie schmutzige Schuhe beim Verlassen des Hauses wieder anziehen. Über die Vor- und Nachteile verschiedener Handschuhmaterialien zu reden, ist Ernst Tabori dann aber doch zu spekulativ. Außer wenn es um die Optik geht: „Helle Einmalhandschuhe sehen doch einfach doof aus.“

Jeder sollte also selbst ausprobieren, ob ihm das Tragen von Handschuhen hilft. Viel verkehrt machen kann man nicht, denn die Wahrscheinlichkeit, auf infizierte Stellen zu treffen, ist immer noch relativ gering.

Davon abgesehen gilt nach wie vor: Wichtig ist vor allem, das Händewaschen als Routine in seinen Alltag einzubauen. Denn gerade Coronaviren, deren Erbgut von einer Fettschicht umhüllt ist, reagieren empfindlich auf die fettlösenden Tenside in der Seife. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung ist es hoch wahrscheinlich, dass durch sie auch bei Sars-CoV-2 die Virusoberfläche beschädigt und das Virus inaktiviert wird.

Das gleiche gilt für Alkohol und, wie der Bochumer Virologe Eike Steinmann bestätigt, auch für Brennspiritus. Dieser durch Chemikalien untrinkbar gemachte Ethylalkohol ist im Gegensatz zu reinem Alkohol derzeit noch online erhältlich.

Jetzt ist es wichtig, Distanz zu üben

Die einzige Gefahr, die von der Diskussion über die Schmierinfektionen ausgeht, hat Christian Drosten am Montag im NDR-Podcast zum Coronavirus benannt. Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité warnte davor, dass die Leute falsche Prioritäten setzen. „Die sagen dann: Hilfe, ich fasse ab jetzt keine Türklinke mehr an. Aber ob ich jemandem nahekomme, das verliere ich aus den Augen.“

Genau das sei aber das Wichtigste bei solchen über Tröpfcheninfektion übertragbaren Viren. Man dürfe sich körperlich nicht so nahe kommen, sich nicht anhusten und solle mit möglichst wenigen Personen längere Zeit aus nächster Nähe reden. All dies müsse nun eingeübt werden, ohne große Angst, etwas falsch zu machen: „Diese Angst ist im Moment wirklich überflüssig.“