Licht anmachen, um zu lesen, geht nur bei wirklich geschlossener Tür, denn die Moskitos sind unerbittlich.
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BentiuFast fühle ich mich wie Meryl Streep in „Jenseits von Afrika“, in einer kleinen Propellermaschine über den grünen Landschaften Afrikas. Ich bin der einzige Passagier und halte Ausschau nach Tieren in der Savanne und muss selbst über meine Naivität schmunzeln. Die beiden Piloten aus Kenia, die spüren, dass ich nicht so gern in so einem Flugzeug sitze, erklären mir, dass es hier keine Tiere wie Elefanten, Gnus oder Gazellen mehr gibt. Der lange Krieg hat sie vertrieben.

Nach der Landung werde ich in Bentiu Paradise von einem aufgeregten Team begrüßt. Normalerweise gibt es immer eine große Fluktuation an internationalem Personal in Projekten von Ärzte ohne Grenzen, aber in Zeiten von Covid-19 ist eine Einreise kaum möglich. Geschäftig laufen Menschen hin und her im Krankenhausbereich und dem angrenzenden Compound der Mitarbeiter aus aller Welt. Alle in weißen MSF-T-Shirts, das Walkie–Talkie griffbereit. Ich beziehe mein kleines Tukul, wie man hier den drei mal drei Meter großen Bungalow nennt. Es sind 43 Grad, und die Sonne brennt, und alles ist von feinem braunen Staub überzogen. Als ob mein Begleiter meine Gedanken lesen kann, sagt er: „Du gewöhnst dich dran.“ Die Gemeinschaftsduschen und Toiletten erinnern mich an meine Rucksackreisen in Mittelamerika vor 25 Jahren.

So ein Hüttchen einzurichten, auch wenn es winzig ist, kann dauern. Es soll mein kleines privates Zuhause für die nächsten Monate sein. Am Tag ist es kühl darin und in der Nacht sehr heiß. Es gibt auch Zelte, in denen man wohnen kann, die deutlich geräumiger sind. Die Vor- und Nachteile wiegen sich auf und werden hier in Bentiu Paradise heiß diskutiert. Sicher fühle ich mich aber mehr in meinen festen Wänden, denn es gibt hier giftige Schlangen, die am Morgen schon mal vor dem Häuschen liegen. Ist man in der Nacht in Rufbereitschaft, ist ein helle Lampe von großem Vorteil, denn eine nächtliche Begegnung mit ihnen will ich auf jeden Fall vermeiden, eigentlich jede Begegnung.

Da ich gut vorbreitet bin, habe ich Lichterketten für etwas Wohnlichkeit, Bilder an den Wänden, und schnell hat mein kleines Zuhause den Namen Party Tukul. An eine Party ist nicht zu denken. Unter dem Dach meines Tukuls wohnen Fledermäuse, die in der Nacht eher in Partystimmung sind als ich. Licht anmachen, um zu lesen, geht nur bei wirklich geschlossener Tür, denn die Moskitos sind unerbittlich.

Nägel zum Spannen einer Wäscheleine, zum Befestigen eines Moskitonetzes oder Klebeband zum Aufhängen von Bildern werden wie Goldstaub gehandelt. Das Moskitonetz über dem Bett wird akribisch gespannt und jeder Zentimeter muss sitzen, denn sie sind überall und sie übertragen Malaria. Mit meinem Nachbarn aus Pakistan, der hier für das Wasser zuständig ist und einige nützliche Handwerkerkontakte hat, beginne ich einen kleinen Wettbewerb um das schönste Tukul. Einen Baumarkt, um mal schnell ein paar Nägel zu holen, gibt es nicht im Südsudan.

In einen 20-kg-Koffer passen nicht viele Dinge, um das Leben angenehmer zu machen. Wäsche wird hier mit der Hand gewaschen, und das schöne Weiß des T-Shirts weicht schnell einem schmutzigen Braunton. Zahnpasta, Shampoo und andere Pflegeartikel sind abgemessen für die nächsten Monate. Eine Tube Zahnpaste ist hier unten ein famoses Geburtstagsgeschenk.

Wir unterhalten uns oft darüber, was wir am meisten vermissen. Schokolade, Eiscreme, einen Friseur oder eine ordentliche Pediküre stehen hoch im Kurs. Ach, und es wird kalt geduscht, ist ja auch warm genug draußen.