BerlinEigentlich ist es Irrsinn: Jahr für Jahr werden 26 bis 28 Millionen Bäume abgesägt, um an Weihnachten in deutschen Wohnzimmern zu stehen. Die meisten sind dann sechs bis zwölf Jahre alt, wenn sie gefällt werden. Nach ein, zwei Wochen mit Lichtern, Kugeln und Glitzer landen sie bei der Stadtreinigung. Schon im 16. Jahrhundert wurden im Elsass hin und wieder Nadelbäume ins Haus geholt und geschmückt. Ein flächendeckender Brauch wurde das aber erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als deutsche Förster vermehrt Tannen und Fichten pflanzten.

Heute werden nur etwa fünf Prozent der Christbäume als Nebenprodukt der Forstwirtschaft direkt aus einem Wald geholt, so die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald. Der Großteil der Bäume wird extra fürs Festtagsgeschäft angebaut, meist in Monokulturen. Allein in Deutschland bedecken sie bis zu 50.000 Hektar. Damit die Bäume dicht, grün und gleichmäßig wachsen, werden sie gedüngt und gespritzt. Das Bundesumweltamt spricht auf seiner Homepage von „oft intensivem Einsatz von Insektiziden, Herbiziden und Mineraldünger“. Weiter steht dort: „Nicht zuletzt kann es auch die menschliche Gesundheit belasten, wenn der mit Chemikalien behandelte Weihnachtsbaum mitten im Wohnzimmer steht.“ 2019 fand der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) bei Tests in 76 Prozent der Stichproben Pestizide, darunter fünf Mittel, „die zu den gefährlichsten zählen, die in der EU eingesetzt werden". In diesem Jahr kommen die Ergebnisse Mitte Dezember.

Das Biosiegel garantiert: keine Chemie

Wer giftfreie Weihnachtsbäume möchte, kauft welche mit Siegeln der Bioverbände oder des FSC (Forest Stewardship Council), das für nachhaltige Waldwirtschaft steht. Bei ihnen wird das Unkraut mechanisch entfernt, manchmal helfen auch Schafe, die Anbauflächen sind frei von Agrarchemie. Die Nachfrage nach Biobäumen nimmt stetig zu, selbst einige Baumärkte oder Ikea haben inzwischen solche Bäume im Angebot und natürlich gibt es sie im Internet. Die Umweltorganisation Robin Wood veröffentlicht jedes Jahr eine Liste der Verkaufsstellen. Im Internet gibt es Biobäume, die je nach Größe etwa zehn Euro teurer sind als konventionelle, natürlich auch.

Die von FSC und Naturland zertifizierten Berliner Forste bieten in diesem Jahr leider keine Bäume an.  Marc Franusch, Pressesprecher des Landesforstamts, erklärt warum: „Im Rahmen der ökologischen Waldentwicklung sind uns ein bisschen die Ressourcen ausgegangen. Ich nehme an, dass in den kommenden Jahren auf geeigneten Flächen ein bisschen nachwächst, und wir Angebote machen können.“ Die Weihnachtsbäume wachsen eher nebenbei in besonderen Bereichen heran, in denen Bäume nicht hoch werden dürfen. „Auf einigen Flächen, an Bahntrassen zum Beispiel, wo man die Waldentwicklung bremsen oder verhindern muss.“ Aber auch dort wird nur gepflanzt, was hingehört: „Die Kiefer ist der Baum, der in den Naturlandschaften hier zuhause ist. Nordmanntannen und Fichten haben wir auf unseren Flächen und in den natürlichen Waldstrukturen gar nicht.“ Das wird an vielen Standorten in Brandenburg nicht anders sein, insofern ist auch die Wahl der Baumart eine wichtige Entscheidung.

Gefährliche Suche nach Tannensamen 

Der Liebling der Deutschen ist die Nordmanntanne mit ihren tiefgrünen, weichen, ungemein haltbaren Nadeln. Sie steht in 75 Prozent aller Haushalte und stammt ursprünglich aus dem Kaukasus. So eine Tanne kann 500 Jahre alt werden und bildet erst in hohem Alter Samen aus, die deutsche und dänische Züchter dringend brauchen. Um die Zapfen zu ernten, klettern Pflücker in Georgien ungesichert und unterbezahlt in bis zu 60 Meter hohe Wipfel. Die dänische Organisation „Fair Trees“ bemüht sich um eine Verbesserung ihrer Situation, bietet etwa eine Kletterausrüstung, bessere Bezahlung und Krankenversicherung.

Etwa zwei Drittel der in Deutschland verkauften Weihnachtsbäume wachsen in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen. 10 Prozent stammen aus einem Nachbarland, meist ist es Dänemark, der Rest kommt aus anderen Bundesländern. Wird mit der Klimafreundlichkeit eines Christbaums geworben, der beim Wachstum ja CO₂ einlagert, bleibt sein Transport meist unerwähnt.  Aber ein Baum ist schwer und bei den Millionen Exemplaren, die jedes Jahr durch die Republik gefahren werden, kommt einiges zusammen. Außerdem geben sie das Kohlendioxid bei ihrer Entsorgung wieder frei. Eine Plastiktanne, die meist aus Asien importiert wird, hat dennoch eine erheblich schlechtere CO₂-Bilanz. Das WDR-Wissensmagazin Quarks rechnete im Dezember 2018 aus, dass sie mindestens 17 Jahre verwendet werden muss, um so geringe Emissionen vorzuweisen wie ihr natürliches Pendant.

Das Schöne am Natur-Weihnachtsbaum ist außerdem, dass mit ihm echtes Grün ins Haus kommt. Nadelgehölze, Stechpalme, Mistel und Efeu faszinieren die Menschen auf der Nordhalbkugel schon lange. Sie standen schon in vorchristlichen Zeiten für das Überleben unter widrigen Bedingungen, signalisieren in der dunklen Jahreszeit Zuversicht und Vitalität – wer hat da schon Lust, einen Plastikbaum aufzuklappen oder ein ökologisch korrektes Holzgestell zu verzieren?

Und es gibt Möglichkeiten, den Weihnachtsbaum mit dem Umweltgewissen zu versöhnen: Den CO₂-Ausstoß beim Transport minimieren regionale Anbieter. Ideal wäre die zertifizierte Brandenburger Kiefer, aber auch ein Biobaum mit Fair-Tree-Siegel ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wer Bio kauft, muss kleine Macken akzeptieren, ohne Mineraldünger und Insektizide sieht ein Baum nicht aus wie aus dem Bilderbuch, sondern wie aus dem Wald.

Strom für 500 Berliner Haushalte

Bei Topfbäumen stellt sich nach dem Fest die Frage „wohin damit?“ Nur wenige Menschen haben Platz für eine stetig wachsende Nadelbaumschonung. Die neueste, teils schon gut angenommene Geschäftsidee ist, die Weihnachtstanne im Topf zu vermieten. Anbieter wie „Weihnachtsbaumfreunde“ rechnen vor, was das an CO₂ und Anbauflächen spart, dazu kommt das nicht mit Geld aufzuwiegende gute Gewissen. Einen eigenen Kübelbaum zwischen Terrasse oder Balkon und Wohnzimmer pendeln zu lassen, wäre noch besser.

Wenn alles vorbei ist, sammelt die Berliner Stadtreinigung alle Jahre wieder rund 350.000 Weihnachtsbäume ein. Sie werden nicht an Elefanten verfüttert (die bekommen nur Reste aus dem Handel), sondern geschreddert und in Biomasse-Kraftwerken in Fernwärme und Strom verwandelt. Die Energie dieser 350.000 Weihnachts­bäumen reicht aus, so die BSR, um 500 Haushalte ein Jahr lang mit Wärme und Strom zu ver­sorgen. Wachsen sie eines Tages alle ohne Turbodünger und Pestizide, aus fair gehandelten Samen in naturnahen, regionalen Schonungen heran, dann wird unser uraltes Faible für winterliches Grün noch eine zukunftsweisende Sache.