Berlin - Bald sind sie wieder da: die allseits ungeliebten, weithin gefürchteten Raupen des Eichen-Prozessionsspinners. Fertig ausgebildet ist der aus ihnen erwachsene Schmetterling, er gehört zur Familie der Zahnspinner, ein eher unscheinbarer, asch- bis braungrauer Flattermann, aber bis zu seiner Verpuppung treibt er ein gefährliches Spiel: Die Raupen durchlaufen fünf bis sechs Entwicklungsstadien, ab dem dritten entwickeln sich bei den Larven sogenannte Brennhaare mit Widerhaken, die ein Nesselgift (Thaumetopoein) enthalten und beim Menschen eine Raupendermatitis auslösen – allergische Hautreaktionen.

Die Raupen des Eichen-Prozessionsspinner sind allerdings nicht nur für Menschen eine Gefahr, sondern schädigen auch die Bäume. Wie ihr Name schon andeutet, bevorzugen sie Eichen, sind allerdings nicht darauf beschränkt – auch Hainbuchen können das Opfer der blätterfressenden Raupen werden. Sie gelten als Schädlinge, da sie bei ihren Wirtspflanzen einen Lichtungs- oder Kahlfraß verursachen. Bei mehrjährigem starkem Auftreten kann der Baum direkt oder durch Folgeerscheinungen nachhaltig geschädigt werden – und sogar eingehen. Seit jeher stellt sich die Frage, wie der Schädling bekämpft werden soll.

Natürliche Feinde: Wanzen, Schlupfwespen oder Raupenfliegen

Da gibt es die ganze Bandbreite: die chemischen Pflanzenschutzmittel, das Abflammen der Nester des Eichen-Prozessionsspinners oder deren Fixierung (Einkleben) durch Bindemittel, das Absaugen wenn schon nicht aller Tiere, so doch zumindest ihrer Brennhaare, eine mit dem Bakterium Bacillus thuringiensis versetzten Spritzbrühe auf die Blattoberflächen der befallenen Bäume verteilen … Das sind allerdings eher grobe Maßnahmen, die auch andere Tier in Mitleidenschaft ziehen. Besser könnten hier natürliche Feinde wie etwa Wanzen, Schlupfwespen oder Raupenfliegen helfen.

Foto: dpa/Friso Gentsch
Vergangenes Jahr in Osnabrück: Ein Mitarbeiter einer Schädlingsbekämpfungsfirma saugt Eichenprozessionsspinner vom Stamm einer Eiche ab.

Oder die Meisen. Wie bereits vor einigen Jahren beobachtet wurde, fressen Blau- und Kohlmeisen die jungen Raupen, deren Brennhaare im frühen Entwicklungsstadium noch so giftig sind. Jedoch zeigten Untersuchungen der niederländischen Universität Wageningen 2017 zum ersten Mal, dass Kohlmeisen nicht nur die jungen Raupen fressen, sondern auch die bereits älteren. Offenbar haben sie eine Möglichkeit gefunden, die Brennhaare vor dem Fressen zu entfernen. Für die Naturschützer ist das ein guter Grund, Kohlmeisen zu unterstützen und sie für die Raupenbekämpfung zu rekrutieren.

Experimente mit Meisen im Papenburg und Lüdinghausen

Der Naturschutzbund (Nabu) berichtete bereits im vergangenen Jahr von einem Experiment im Emsland: Die Stadt Papenburg will mithilfe von Blau- und Kohlmeisen den Schädlingen zu Leibe rücken und stellte dort im Herbst an besonders exponierten Stellen wie etwa Kindergärten, Spielplätzen und Schulen an dort vorhandenen Eichenbäumen etliche Nistkästen auf. Auch im nordrhein-westfälischen Lüdinghausen läuft ein ähnlicher Versuch. Ob sich damit tatsächlich wie in den Niederlanden der Eichen-Prozessionsspinner zurückzudrängen lässt, muss sich in den nächsten Jahren zeigen.

Denn Vögel wie Blau- und Kohlmeisen würden sich nur dann ansiedeln, wenn sie neben dem Eichen-Prozessionsspinner auch andere Nahrungsquellen finden, erklärt Andreas Rakers vom Nabu. An der Ems sieht er dafür gute Chancen: „Ich denke, dass hier ein vielfältiger Lebensraum ist, in dem auch viele andere Insekten leben, auf die die Meisen ausweichen, wenn sie die Raupen wegen der Brennhaare nicht mehr fressen können.“ Und ein hoher Befall werde ohnehin nicht von heute auf morgen eingedämmt.

In Mecklenburg-Vorpommern wird deswegen das erste Mal seit 2015 mit Insektiziden gegen den Eichen-Prozessionsspinner vorgegangen. Nach den letzten derartigen Aktionen in den Jahren 2012 und 2015 habe sich die Population inzwischen so stark erholt, dass im Landkreis Ludwigslust-Parchim erneut ein großflächiges Vorgehen nötig sei, teilte das Umweltministerium in Schwerin in der vergangenen Woche mit.