Berlin - Das Epstein-Barr-Virus (EBV) könnte die Schlüsselrolle bei der Ausbildung einer Multiplen Sklerose (MS) spielen. Eine Infektion mit dem weit verbreiteten Erreger erhöhe das Risiko für die Autoimmunerkrankung etwa um den Faktor 32, berichten amerikanische Forscher in einer aktuellen Studie im Fachblatt Science. „Diese Arbeit ist der letzte Puzzlestein“, sagte der Leiter der MS-Ambulanz an der Berliner Charité, Klemens Ruprecht. „Die Ergebnisse lassen praktisch keinen Zweifel mehr an einem kausalen Zusammenhang zu.“

Bereits seit Jahrzehnten wird ein Zusammenhang zwischen dem Virus und MS vermutet. Bei der bislang nicht heilbaren chronisch-entzündlichen Erkrankung, die in Deutschland etwa 252.000 Menschen betrifft, zerstört das Immunsystem im Zentralen Nervensystem die schützenden Myelinhüllen, die die Nervenfasern umgeben. Das führt unter anderem zu Empfindungsstörungen, Sehbeeinträchtigungen und Bewegungsproblemen bis hin zu Lähmungen. MS ist in Verlauf, Beschwerdebild und Therapieerfolg von Patient zu Patientin so unterschiedlich, dass sie bekannt ist als die „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“. Bei etwa acht von zehn Patientinnen und Patienten tritt MS zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf.

Nun prüfte das Team um den Epidemiologen Alberto Ascherio von der Harvard University die Rolle von EBV bei der Entwicklung von MS anhand der Daten von mehr als zehn Millionen Militärangestellten, die routiniert jedes Jahr auf HIV untersucht worden waren. 

US-Forscher: Erreger nicht bloß ein Begleitphänomen

Bei 955 Teilnehmern wurde während ihrer Beschäftigung beim Militär eine MS festgestellt. In den aufbewahrten Blutproben dieser Patienten suchten die Forschenden nach Antikörpern gegen EBV, um so zu ermitteln, mit welchen Erregern die Patienten vor Ausbruch der Erkrankung Kontakt hatten.

Zunächst untersuchten die Forscher bei 801 der MS-Patienten die letzte vor Krankheitsbeginn abgenommene Blutprobe. Alle bis auf einen Patienten hatten Antikörper gegen EBV, hatten also eine frühere EBV-Infektion durchgemacht. Die Zeit zwischen Infektion und Diagnose lag im Mittel bei 7,5 Jahren.

Die Forschenden konnten auch zeigen, dass bei den Personen, die ursprünglich EBV-negativ waren, anfänglich auch keine Biomarker für MS nachweisbar waren, diese dann aber in Blutproben nach der EBV-Infektion noch vor Einsetzen von MS-Symptomen detektierbar wurden. Das deute stark darauf hin, dass der Erreger eine Ursache der Erkrankung sei – und nicht bloß ein Begleitphänomen.

Auch andere Faktoren wie genetische Anfälligkeit wichtig

MS sei als seltene Spätkomplikation einer EBV-Infektion anzusehen, sagte der Charité-Experte Ruprecht. Zu dem Mechanismus sage die aktuelle Studie nichts aus. Mehr als 90 Prozent der Menschen infizieren sich in ihrem Leben mit dem zu den Herpesviren zählenden EBV, aber nur wenige erkranken nachfolgend an MS. „Also sind noch andere Faktoren wie etwa eine genetische Anfälligkeit wichtig für die Entstehung der Krankheit“, schreibt auch das Team um Ascherio. Eine EBV-Infektion sei zwar wohl notwendig, aber alleine nicht ausreichend, um die Krankheit zu verursachen. 

Die Wissenschaftler betonen, man müsse zum Schutz vor MS direkt auf das EBV abzielen, etwa durch Impfungen. Ein Impfstoff ist allerdings bislang nicht in Sicht. Ruprecht ergänzte, dass es ohnehin Jahrzehnte dauern würde, bis abschließend klar wäre, ob ein solcher Impfstoff tatsächlich einen Schutz vor MS bewirke.