Wenn das Herz gesund ist, geht es uns gut.
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BerlinEs ist die wichtigste Therapie beim Herzinfarkt: Mit einem dünnen Katheter kann der Arzt verschlossene Herzkranzgefäße wieder öffnen und den Patienten dadurch das Leben retten. Die biegsame Sonde ist mittlerweile zu einer Allround-Waffe der Kardiologie zur Diagnostik und Behandlung einer ganzen Reihe von Herzkrankheiten geworden.

Der Herzkatheder ist übrigens eine Berliner Erfindung: Der hier geborene Arzt Werner Forßmann (1904–1979) führte 1929 in einem mutigen Selbstversuch als erster weltweit einen 65 Zentimeter langen Gummi-Katheter über eine Armvene in sein Herz ein.

Erster Test in Eberswalde

Forßmann war damals Assistenzarzt am Auguste-Victoria-Klinikum in Eberswalde, der heutigen Werner-Forßmann-Klinik. 1956 erhielt er für seine Erfindung den Medizin-Nobelpreis. 1977 gelang dem Dresdner Kardiologen Andreas Grüntzig als Erstem, verengte Herzkranzgefäße mit einem Ballonkatheter aufzudehnen und dem Patienten damit eine Bypass-Operation zu ersparen – eine noch heute übliche Praxis.

Rund 45.000 Berlinerinnen und Berliner werden jedes Jahr mittels Herzkatheder untersucht. In vielen Kliniken werden die meisten Katheter hauptsächlich noch über die Schlagader in der Leiste eingeführt und bis ins Herz vorgeschoben. Doch bei diesem Zugang muss der Patient anschließend mehrere Stunden auf dem Rücken liegen bleiben. Denn es besteht die Gefahr, dass an der Einstichstelle gefährliche Nachblutungen auftreten.

Technisch schwierig, aber schonend für den Patienten

Immer öfter geht die Medizin hier neue, sanftere Wege: „Wir führen die meisten Katheter nicht mehr durch die Leiste, sondern durch die Pulsschlagader am Handgelenk ein und lenken sie über den Arm direkt zum Herz“, sagt Heribert Schunkert, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung und Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen des Deutschen Herzzentrums München. „Das ist zwar technisch schwieriger und der Kardiologe braucht dazu viel Erfahrung. Aber dieser neue Zugang ist wesentlich angenehmer und schonender für den Patienten.“

Mehrere große wissenschaftliche Studien an vielen Tausend Patienten hätten zudem eindeutig bewiesen, dass weniger Komplikationen auftreten, wenn der Katheter am Handgelenk einführt wird.

Auch in Berlin setzen sich diese modernen Erkenntnisse immer häufiger durch. „Wir konnten die Rate der schonenden Zugänge über das Handgelenk auf etwa 30 Prozent erhöhen“, sagt Burkert Pieske, Direktor der Klinik für Innere Medizin – Kardiologie am Deutschen Herzzentrum Berlin.

Die 15 Top-Kliniken in Berlin anhand der Anzahl der stationären Linksherzkatheter-Untersuchungen im Jahr 2017 (Quelle: Deutscher Herzbericht 2018).
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In der in Wedding direkt daneben liegenden Klinik für Kardiologie der Charité, die Pieske ebenfalls leitet, sind es sogar rund 50 Prozent. „Das liegt daran, dass wir im Herzzentrum mehr kompliziertere Eingriffe mit dem Katheter durchführen als in der Charité. In diesen Fällen bietet die Leistenarterie bessere Möglichkeiten, weil sie einen größeren Durchmesser hat“, erklärt Pieske.

Die Risiken werden minimiert

Doch jeder zweite Charité- und jeder dritte Herzzentrums-Patient profitiert bereits von den Vorteilen der schonenden Technik über das Handgelenk: Weil die Pulsarterie dort direkt über den Knochen verläuft, lässt sie sich nach dem Eingriff viel leichter mit einem Druckverband versorgen als die Schlagader in der Leiste. Der Arzt legt dazu eine aufblasbare Manschette über das Handgelenk und drückt die Einstichstelle ab. Dadurch können die Patienten sofort wieder aufstehen. Auf diese Weise lassen sich Spät-Komplikationen wie Thrombosen oder Lungenentzündungen vermeiden.

Da bei Punktionen am Handgelenk kaum Nachblutungen auftreten, entfällt noch ein weiteres Risiko. Denn bei starken Blutungen in der Leiste müssten sonst gerinnungshemmende Medikamente abgesetzt werden, die viele Herzpatienten einnehmen müssen. Dadurch wiederum könnte es vermehrt zu tödlichen Herzinfarkten kommen.

Weil diese Komplikationen bei der neuen Technik seltener auftreten, senkt die Kathetermethode durch den Arm auch das Sterberisiko. Davon profitieren besonders die älteren Patienten.

In Schlangenlinien voran

Als Pieske vor fünf Jahren Chef der kardiologischen Kliniken im Herzzentrum und an der Charité wurde und den Einsatz der neuen Methode vorantrieb, mussten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter umlernen: „Denn die Pulsschlagader ist kleiner und enger als die relativ dicke Leistenarterie“, sagt der Kardiologe. Weil die Armarterie bei vielen Patienten geschlängelt verlaufe, erschwere das manchmal das Vorschieben des Katheters. „Hierzu benötigt der Arzt mehr Übung“, so Pieske.

Die Spezialisten im Berliner Herzzentrum und an der Charité verfügen mittlerweile über die nötige Übung und Erfahrung. Pro Jahr führen sie mehrere Tausend Herzkatheter-Untersuchungen und -Behandlungen durch. Bei etwa 40 Prozent davon erweitern sie verengte Herzkranzgefäße und setzen Stents ein. Mit diesen Zahlen gehören die beiden Kliniken in Wedding zu den größten Zentren Deutschlands.