Berlin - Unaufhörlich niesen wie ein Kaninchen, tränende, juckende Augen – für Pollen-Allergiker hat die Zeit des Leidens längst wieder begonnen. Dabei scheinen vor allem bestimmte Gräserarten Betroffenen besonders zuzusetzen.

In einer britischen Studie gingen erhöhte Konzentrationen der Pollen von Wiesen-Lieschgras (Phleum pratense) und Wiesen-Kammgras (Cynosurus cristatus) in der Luft jeweils mit besonders heftigen gesundheitlichen Folgen einher: Bei hohen Pollenwerten beider Arten wurden tendenziell mehr Menschen wegen asthmatischer Beschwerden in Krankenhäuser eingeliefert, schreibt das Team um Francis Rowney von der University of Exeter im Fachblatt Current Biology. Mehr Arzneirezepte wurden ausgestellt, wenn vermehrt Pollen von Fuchsschwanzgräsern (Alopecurus) und Straußgräsern (Agrostis) sowie vom Wiesen-Kammgras unterwegs waren.

Klimawandel ist Ursache für längere Pollensaison

In Deutschland sind nach Angaben des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen etwa 24 Millionen Menschen von Heuschnupfen oder allergischem Asthma betroffen. Häufigster Auslöser solcher Probleme sind in Mitteleuropa Pflanzen aus der Familie der Süßgräser (Poaceae), von der es weltweit mehr als 11.000 Arten gibt. Weil diese Gräser nicht gezielt durch Insekten bestäubt werden, produzieren sie in Mitteleuropa gewöhnlich ab Mai große Mengen an Pollen, die vom Wind verteilt werden.

Foto: imago images/photothek
Tipps und Mittel gegen die Allergie

Alltagstipps Abends die Haare vor dem Schlafengehen waschen, kann das Schlafzimmer vor Pollenbelastung schützen. Auch getragene Kleidung sollte nachts nicht neben dem Bett lagern. Allerdings gibt es für diese Tipps keine wissenschaftliche Evidenz. Um die Pollenbelastung zu Hause minimal zu halten, raten Experten, Fenster nicht auf Dauer zu kippen. Ein Schutz-Vlies gegen Pollen am Fenster kann helfen, Allergieauslöser fernzuhalten. Unterwegs können die gegen das Coronavirus eingesetzten Masken auch Pollen auffangen. Dabei ist es egal, welche Art Mund-Nasen-Schutz getragen wird.

Medikamente Je nach Schwere gibt es unterschiedliche Mittel: Antihistaminika als Tablette, Nasenspray oder Augentropfen. Diese bekämpfen vor allem den Juckreiz, Niesen und Naselaufen. Sinnvoll kann sein, Cortison-Sprays und Antihistaminika gemeinsam anzuwenden oder Kombinationspräparate einzunehmen. Das sollte man vorher mit seinem Arzt besprechen.

Therapie Eine Hyposensibilisierung oder Allergen-Immuntherapie bekämpft die Ursache der Allergie – das Immunsystem wird an die Allergene gewöhnt. So lassen sich einerseits die Beschwerden und Medikamente reduzieren, andererseits wird das Risiko eines allergischen Asthmas geringer.

Seit einigen Jahren beginnt die Pollensaison immer früher und dauert auch länger. „Die Zahl der Tage mit allergenen Pollen in der Luft hat zugenommen“, sagt der Allergologe Karl-Christian Bergmann von der Berliner Charité. Die Pollen seien in Deutschland inzwischen etwa zwei Wochen früher unterwegs als noch vor 20 bis 30 Jahren – das gelte etwa für Haselnuss-Pollen, die generell besonders früh im Jahr anzutreffen seien.

Klimamodellierungen ergaben, dass die früher beginnende Pollensaison vor allem auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Die Zusammenhänge sind aber noch nicht im Detail geklärt. Klar ist: Wärmere Temperaturen lassen viele Pflanzen früher blühen, höhere Kohlendioxid-Konzentrationen können zudem die Pollenproduktion erhöhen.

Studie: Pollenflug kann Ausbreitung des Coronavirus verstärken

Verunsichert hatte Allergiker in der vergangenen Woche eine Studie über eine mögliche Erhöhung des Corona-Risikos bei starkem Pollenflug. Gebe es viele Pollen in der Außenluft, stiegen die Infektionszahlen, berichtete ein internationales Team unter Leitung von Forschern der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz-Zentrum München im Fachmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences. Die Wissenschaftler hatten Daten zu Pollenbelastung und Infektionsraten mit Sars-CoV-2 aus 130 Regionen in 31 Ländern auf fünf Kontinenten analysiert.

Wenn Pollen fliegen, lähmen sie aus noch unbekannten Gründen die Immunabwehr der Schleimhäute in den Atemwegen. Viren haben es dadurch leichter, in den Körper zu gelangen und sich in den Zellen zu vermehren. „Dieser Effekt hält ungefähr drei Tage an“, sagt Stefanie Gilles, Autorin der Studie. Wenn viele Pollen fliegen, könne die Zahl der Atemwegserkrankungen daher ansteigen. Dabei spiele es keine Rolle, ob Betroffene an Allergien gegenüber diesen Pollen leiden oder nicht.

Anlass zu übermäßiger Sorge gibt die Beobachtung nach Ansicht von Experten aber nicht. Die an der Studie beteiligten Forscher selbst betonten, dass es auch viele andere Faktoren für eine Covid-19-Infektion gibt. Die Untersuchung zeigt zwar eine Korrelation zwischen Pollenflug und Infektionsraten, weist aber keine direkte Kausalität nach.

Auch die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) teilte mit, dass sich Allergiker und Nichtallergiker keine Sorgen machen sollten. „Ich glaube nicht, dass die Studie für die Allgemeinbevölkerung eine Aussage über ein erhöhtes Corona-Risiko bei Pollenflug zulässt“, sagt der Präsident des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen, Ludger Klimek. Bei Pollenallergikern mit geschädigten Schleimhäuten könne das Infektionsrisiko erhöht sein. Bei gut behandelten Allergikern sei dies aber nicht der Fall.