BerlinGlühwein und Gebäck, Tannenzweige und Räuchermännchen: In der Vorweihnachtszeit haben die Geruchs- und Geschmackssinne üblicherweise ordentlich zu tun. Aktuell fallen coronabedingt viele Weihnachtsmärkte aus. Sinnesfreuden müssen trotzdem nicht weichen; ihnen kann zuhause gefrönt werden, ob nun beim Plätzchenbacken oder Glühweintrinken. 

Beides gilt nicht nur als schmackhaft, sondern es sind vor allem die Düfte, die uns im Advent reizen. Aber warum sprechen uns Gerüche so sehr an? 

Dass Düfte auf die menschliche Psyche wirken, ist seit Jahrtausenden bekannt. Schon die alten Ägypter haben Weihrauch und Mhyrre als kultische Mittel verwendet – unter anderem, weil sie entspannend und angstlösend wirken können, wie unter anderem Geruchsforscher Hanns Hatt von der Uni Bochum sagt, ein international renommierter Duftexperte und Professor für Zellphysiologie.

Das globale Geschäft mit Gerüchen

Doch das genaue Wirkprinzip von Räucherwerk oder ätherischen Ölen ist noch nicht abschließend erforscht, viele Erkenntnisse beziehen sich auf die Erfahrungsheilkunde. Schließlich ist das Riechsystem hochkomplex: Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass der Mensch zirka 10.000 verschiedene Gerüche erkennen kann. Vor fünf Jahren haben Forscher diese Zahl in einem Beitrag im Wissenschaftsjournal Science drastisch nach oben korrigiert – auf mehr als eine Billion.

Auch das globale Geschäft mit den Düften wächst. Laut eines Reports des US-indischen Marktforschungsinstituts Grand View Research belief sich der weltweite Umsatz mit ätherischen Ölen im Jahr 2019 auf 17,2 Milliarden US Dollar, für das aktuelle Jahr prognostiziert das Institut einen Wert von 18,2 Milliarden - und sieht für die nächsten sieben Jahre Wachstumsraten von 7,5 Prozent. Ein Trend, der auch auf zunehmendes Interesse von Privathaushalten gründe. 

Doch nicht nur im heimischen Gebrauch finden ätherische Öle Anwendung, duftende Substanzen kommen zunehmend auch im Krankenhausbetrieb zum Einsatz. Er firmiert dort unter dem Begriff der „komplementären Pflegemethoden“, wie etwa im St. Joseph-Krankenhaus der Alexianer in Weißensee. Krankenschwester Katja Niesler ist Fachpflegekraft für Naturheilkunde und beschäftigt sich seit 15 Jahren mit  Aromapflege. 

„Ich bin zwar mit Leib und Seele schulmedizinische Schwester“, erzählt sie, „aber sehr froh, dass ich auch mit Ölen arbeiten kann und darf.“ Niesler setzt die ätherischen Öle – jene stark duftenden Stoffe, die aus Blättern und Wurzeln von Pflanzen gewonnen werden – ein, um nicht gleich zum Medikament greifen zu müssen. Natürlich immer mit einer ärztlichen Erlaubnis bei akut Erkrankten, so sieht es das Reglement vor. Um beispielsweise eine drohende Blasenentzündung abzuwehren, behandelt sie die Patienten zunächst mit Eukalyptus-Öl: „Damit kann man sich in einigen Fällen den späteren Einsatz von Antibiotika sparen“, so die Krankenschwester. 

Zwei Dinge hatten Niesler veranlasst, sich der Aromapflege zu widmen: Einerseits hat sie die Frage beschäftigt, warum immer mehr Menschen Resistenzen gegenüber gewissen Medikamenten entwickeln würden. Andererseits wollte sie alles tun, um Patienten weiterhin ganzheitlich zu versorgen – innerhalb eines Krankenhaussystems, wo immer mehr die Wirtschaftlichkeit zähle.

In der psychiatrischen Abteilung in Weißensee legt sie nun wärmende Wickel mit Ölen auf, macht Handmassagen und sucht passende Öle für die sogenannte „Ruhetönung“ aus: Dabei kommen zwei oder drei Patienten in einem bedufteten Raum zusammen und atmen liegend die Aromen ein. Gleichzeitig lauschen sie einer akustischen Entspannungsreise, die von einer Krankenschwester vorgetragen wird.

Wichtig sei dabei, immer die Dosierungen im Blick zu behalten, „denn Öle sind gewissermaßen die Quintessenz der Pflanze und sehr stark.“ Deshalb gilt es etwa im Vorhinein allergische Reaktionen auszuschließen.

Wie Aromapflege älteren Patienten helfen kann

Bestehen keine Kontraindikationen, könne eine Behandlung kleine Wunder bewirken: „Ich hatte Patienten, bei denen keine Medikamente angeschlagen haben. Zum Beispiel bei einer starken Erkältung mit heftigem Husten. Ein Brustwickel mit Lavendel hat dann Linderung verschafft – denn die Pflanze sediert das zentrale Nervensystem recht trickreich“, berichtet Niesler. Auch Melisse („angstlösend“), Pfefferminze („kühlend“), Thymian („kräftigend“) und Eukalyptus („hilft, Wasser zu lassen“) verwendet die Krankenschwester regelmäßig. 

„Besonders“, sagt sie, „profitieren ältere Menschen, weil sie Wickel und Auflagen oft noch aus ihrer Kindheit kennen und sie als wohltuend und hilfreich in Erinnerung haben." Weil ätherische Öle nicht nur über die Haut, sondern auch über die Nase aufgenommen würden, „werden die Impulse direkt ins limbische System des Gehirns geleitet. Dort werden Emotionen und Erinnerungen geweckt - und das ganze Körpersystem angesprochen.“

Auch deswegen wünscht sich Katja Niesler, dass Aromapflege künftig einen festen Platz in der Kranken- und Altenpflegeausbildung erhalte. „Das Wissen um die Möglichkeiten und Heilkräfte von Aromaölen bereichert die Arbeit in der Pflege um ein Vielfaches und ermöglicht eine ganzheitliche Pflege.“

Auch Aromatherapeutin Christina Weber aus Friedrichshagen schwört auf die positive Wirkung der Düfte. Vor 15 Jahren hat sie ihre Ausbildung begonnen, seither arbeitet sie mit ätherischen Ölen. In ihrer Praxis vermengt sie diese mit Trägersubstanzen wie Olivenöl oder Aprikosenöl, und massiert sie in die Haut ihrer Patienten ein oder bietet Duftmeditationen an. 

Kardamom, Angelikawurzel, Immortelle: In ihrem Beratungsraum stapeln sich allerlei Fläschchen mit ätherischen Ölen – die Aromatherapeutin hantiert mit zirka 120 verschiedenen Substanzen. „Thymian ist kräftigend und ein echtes Mutmach-Öl“, findet Weber, die zudem Ausbildungskurse anbietet und gerade an ihrem ersten Podcast arbeitet. „Zitrusdüfte wirken stimmungsaufhellend, und Lavendel, das ist ja bekannt, ist beruhigend.“

Aber können Öle und Düfte mehr, als nur Stimmungen zu beeinflussen? Weber berichtet von Patienten mit Verbrühungen, denen sie mit Duftmischungen geholfen habe, dass keine Narben entstehen, sowie Frauen mit Menstruationsbeschwerden, die sich deutlich verringert hätten. 

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Ätherische Öle für zu Hause

Ob für die Duftlampe, die Badewanne oder zur Körperpflege: Ätherische Öle wirken nicht nur auf die Nase. Sie können stimmungsaufhellend sein und bisweilen auch positiv auf die Atemwege einwirken und Stress reduzieren. Bei der Anwendung zu Hause ist jedoch Vorsicht geboten, vor allem bei Ölen wie Wintergrün oder Campher - sie können Irritationen hervorrufen. Als unbedenklich gelten Öle von Lavendel, Basilikum, Vanille oder Kardamom. Dennoch sollten sich Nutzer vor Gebrauch informieren. Kinder sollten nicht in Kontakt mit den konzentrierten Substanzen kommen, auch Schwangere müssen aufpassen: Eisenkraut kann beispielsweise frühzeitig Wehen auslösen. Zur Anwendung muss nicht immer eine Duftlampe kommen, Aromatherapeutin Christina Weber empfiehlt, etwa „zwei, drei Tropfen auf ein Taschentuch zu träufeln, und dieses auf die warme Heizung zu legen.“ Ein Standardwerk ist das „Praxisbuch Aromatherapie: Grundlagen - Steckbriefe - Indikationen“ von Monika Werner und Ruth von Braunschweig (Haug-Verlag, 59,99 Euro).

Letzte Station der Spurensuche auf der Suche nach den Geheimnissen der Düfte ist deshalb Thomas Hummel. Er ist Professor an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Uniklinikum Dresden und leitet das dortige „Interdisziplinäre Zentrum für Riechen und Schmecken“. Zu seiner wöchentlichen Riechsprechstunde kommen Menschen mit Geruchsstörungen unterschiedlichster Ursachen. Einige sind altersbedingt, viele die Folge von chronischen Nasen-Nebenhöhlen-Entzündungen, seltener gebe es posttraumatische Riechstörungen.

Seit einem halben Jahr ist eine neue Gruppe hinzugekommen: Patienten, die an Sars-CoV-2 erkrankt waren. „Etwa 40 bis 60 Prozent aller Corona-Erkrankten erleiden einen Riechverlust“, sagt Hummel, „doch bis zu 95 Prozent erfahren eine deutliche Besserung der Symptomatik innerhalb der ersten zwei Monate nach der Erkrankung.“ Trotzdem gibt es Patienten, die ihren Geruchssinn nicht wiedererlangen. 

Was dann fehle, wenn der Geruchssinn einmal abhanden gekommen ist, seien drei Funktionen: „Zum einen ist die Warnfunktion nicht mehr gegeben. Menschen ohne Geruchssinn riechen kein Feuer oder auch nicht, wenn Lebensmittel, zum Beispiel Eier, schlecht geworden sind“, erklärt Hummel. Die zweite Funktion sei die soziale Ebene: die Wahrnehmung des eigenen oder fremder Körpergerüche und der Gerüche der Umwelt.

Jeder fünfte Deutsche kann nicht gut riechen

Immer wieder kommen auch Mütter und Väter zu ihm in die Sprechstunde, die plötzlich ihren Geruchssinn verlieren: „Wenn sie keinen Riechkontakt mehr zu ihren Kindern aufbauen können, leiden sie ganz stark. Weil auch die emotionale Tiefe, die das Riechen nun einmal herstellt, angetastet wird.“ Zuletzt nennt Hummel die offensichtlichste Komponente: das Schmecken.

Deutschlandweit leidet etwa jeder Fünfte unter signifikanten Riechstörungen. Thomas Hummel versucht, den Betroffenen mit einem speziellen Riechtraining zu helfen. Dafür müssen sich Patienten vier besondere Düfte besorgen, morgens und abends daran riechen. Meist stelle sich nach einem solchen Training mit der Zeit eine Besserung der Riechfähigkeit ein.

Und was hält der Riechspezialist von der Aromatherapie? „Im Prinzip ist das eine gute Sache – und bei manchen Indikationen, wie Schmerz oder Migräne, hilft die Behandlung mit ätherischen Ölen ganz gut.“ Dennoch findet Hummel es suspekt, wenn die Substanzen als Allheilmittel angepriesen und ihnen medizinische Eigenschaften zugesprochen werden: „Dass Lavendel beispielsweise per se beruhigend wirkt, darf man bezweifeln – das gibt die Studienlage nicht her. Da ist vieles erlernt.“

Den Hype um ätherische Öle, wie ihn etwa viele Heilpraktiker praktizierten, sieht er kritisch: „Man sollte den Patienten mit Duftfläschchen nicht allzu viel Hoffnung für jegliche Art von Beschwerden machen“, sagt der Arzt. Mit großer Begeisterung berichtet er hingegen von neuen Erkenntnissen über Babys: „Im Rahmen einer Studie hat man Frühchen den Duft Vanillin vor die Nase gehalten. Sie haben schneller Gewicht zugelegt und konnten durchschnittlich drei Tage früher aus dem Krankenhaus entlassen werden als die Kinder, die keinen Duft vorgesetzt bekamen.“