Hilfe, ich werde ständig übersehen! Ist das noch normal?

Hypochonder-Glosse: Auf einer Weihnachtsfeier wird unserem Autor klar, dass er im Leben oft übersehen wird. Er befreit sich mittels Mantra von einer Phobie.

Ein Mann  mit OP-Maske über den Augen: So übersieht man natürlich seine Mitmenschen.
Ein Mann mit OP-Maske über den Augen: So übersieht man natürlich seine Mitmenschen.Imago/Bihllmayer

Es ist schon wieder passiert. Ich habe mir selbst eine Diagnose gestellt – Athazagoraphobie. Und das kam so: Am Morgen nach der betrieblichen Weihnachtsfeier traf ich im Büro einen Kollegen, der mir von einem netten Abend berichtete und dann fragte, ob ich eigentlich auch da gewesen sei. Ich hatte bestimmt eine halbe Stunde lang neben ihm gestanden, er mich offenbar aber nicht bemerkt. Oder nicht erkannt. An der FFP2-Maske konnte das nicht gelegen haben. Ich trug nämlich keine, sondern er und zwar nicht über den Augen, sondern vorschriftsmäßig vor Mund und Nase.

Es war auch unwahrscheinlich, dass ein Übermaß an Alkohol seine Sichtachse verbeulte. Stark überhöht konnte der Pegel zu diesem Zeitpunkt jedenfalls nicht gewesen sein, denn ich verabschiedete mich schon wenig später, da war es kurz nach zehn. Außerdem befindet sich der Kollege in der Hierarchie auf einer Stufe, die einen Vollrausch zum Flurgespräch Nummer eins gemacht hätte, was wiederum seiner natürlichen Autorität nur in sehr begrenztem Umfang zuträglich gewesen wäre. Es wird wohl an mir gelegen haben, dachte ich und hatte plötzlich die Gewissheit, dass mit mir etwas nicht stimmt. Schließlich überkam mich nicht zum ersten Mal das Gefühl, dass ich übersehen werde.

Ich tat das einzig Vernünftige und gab in eine Suchmaschine die Phrase „Angst übersehen zu werden“ ein, erlebte zunächst jedoch eine Enttäuschung. Statt mir einen besorgniserregenden Befund zu präsentieren, wollte mir die erste Homepage allen Ernstes erklären, was eine Phobie ist – mir, dessen zweiter Vorname Angststörung lautet! Aber was konnte ich auch anderes von einer Seite erwarten, die „derbewegtemann.de“ hieß. Hieß sie so? Egal.

Ein Hypnose-Portal stieg da schon tiefer in die Symptomatik ein und stellte mich schließlich vor vollendete Tatsachen: Ich würde mir chronisch unwichtig vorkommen und deshalb völlig zu Recht an Athazagoraphobie leiden, was ein Blick in mein Unterbewusstsein zweifelsfrei bestätigen dürfte. Das klang nach einer sehr interessanten Persönlichkeitsstörung, allerdings auch ein bisschen unverschämt. Deswegen verzichtete ich darauf, die angebotene Online-Séance zu buchen, oder Video-Sitzung oder wie sich das nannte.

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Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Hypochonder-Glosse
Christian Schwager ist Redakteur für Gesundheit und schreibt alle zwei Wochen an dieser Stelle über seine eingebildeten Krankheiten.

Mehr Verständnis brachte mir da schon ein zertifizierter Zen-Meister auf seiner Seite entgegen. Er bereitete mich schonend darauf vor, dass mich meine Phobie demnächst davon abhalten werde, Neues zu erleben. Um das zu verhindern, riet er mir zu einem Mantra. „Ich bin liebenswert“, sollte ich mir einreden. Würde diese Therapie zu nichts führen, brächte mich folgende Frage weiter: „Was kann ich mir Gutes tun?“ Ehrlich gesagt, hätte ich von Meister Zen eine Antwort darauf erwartet, doch die blieb er mir schuldig.

Athazagoraphobie kommt häufig vor

Offensichtlich äußern sich im Internet zum Thema Athazagoraphobie besonders viele Scharlatane. Das ist kein Wunder, wie ich einer Seite für Selbsterfahrungsgruppen entnahm: Diese Phobie rangiert unter den Top Ten der Angststörungen, europaweit! Nicht nur Kurpfuschern eröffnet dieser Umstand ein weites Betätigungsfeld, sondern er bestärkte mich abschließend in der Ansicht, dass ich eigentlich ganz normal war, so unnormal, wie ich mir vorkam.

Da fällt mir ein: Eine Kollegin hat Fotos herumgeschickt, die auf der Weihnachtsfeier entstanden sind, mehr als 40 Stück hat sie gemacht. Auf keinem einzigen bin ich zu sehen. „Ich bin liebenswert. Ich bin liebenswert ...“